Es sind diese leeren Stunden, die wir nur allzu selten noch erleben. Diese kostbaren Zeiträume voller kontemplativer Langeweile, in denen wir geschärften Sinnes wachträumend versinken. Die Minuten des Wartens auf nichts, während wir uns an den Farben des Lichts berauschen, das durch unsere geschlossenen Lider dringt. Oder während wir versuchen, die geheimen Botschaften zu entschlüsseln, welche die überaus drolligen Stubenfliegen in braunen Punkten am Fenster hinterlassen haben.

Manche Menschen erreichen in diesen Momenten zweckfreien Herumbaumelns ihre Hochform. Wer seit Jahren nur noch funktionieren muss, funktioniert vielleicht in Wahrheit am besten, wenn er gar nichts tut. Und während wir also gerade im Begriff sind, die kleinen Fliegenhäufchen an der glasklaren Scheibe unseres Geistes zu einem Bild zu verbinden, geht ein Video um die Welt: Im Wartezimmer von Xi Jinping vertreibt sich Wladimir Putin die Zeit am Klavier. Oder anders: Der chinesische Staatschef gewährt dem russischen Staatschef ein paar Augenblicke der Einkehr.

Nun fragen sich die meisten Kamtschatkakrabben an ihren Bildschirmen, was wohl geschieht, wenn der begnadete Judoka, Sportschütze, Delfinstreichler, Bärentröster und Krimtaucher Wladimir Putin seinen inneren Lampenladen besucht: Er erinnert sich an die Lieder seiner Kindheit! Durch sechs seiner zehn starken Finger fließen Werke zweier hochdekorierter sowjetischer Komponisten, die Moskauer Fenster von Tichon Chrennikow und das Abendlied von Wasili Solowjow-Sedoi, das als inoffizielle Hymne von Putins Heimatstadt St. Petersburg gilt.

Dass Politiker auch nur Menschen sind, die eine meist bürgerliche, mehr oder weniger musische Erziehung genossen haben, sollte nicht verwundern. Öffentliche Auftritte von Bill Clinton am Saxofon, Barack Obama am Mikrofon, Helmut Schmidt am Konzertflügel und Friedrich dem Großen an der Querflöte sind bekannt. Aber keiner ist am Instrument so weit fortgeschritten wie Putin.

Er bietet die Melodien einfühlsam dar im leicht stockenden Duktus eines fünfjährigen Eleven, nicht zu verwechseln mit der Art und Weise, wie Geheimdienstmitarbeiter in vordigitalen Zeiten ihre Berichte in die Schreibmaschinen gezimmert haben. Die Chinesen sind begeistert, in den sozialen Medien äußern vor allem Frauen ihre Bewunderung für den Mann, der die Klaviatur der Macht so authentisch bespielt.

Virtuosität ist für Wladimir Putin längst keine Kategorie mehr, er sucht den unverfälschten, direkten, einfachen Ausdruck. Polyfonie ist ihm bedeutungslos. Es geht um die kraftvolle Stimme des Einzelnen, die ohne Umwege die Herzen der Menschen erreicht. Nur die Melodie zählt. Wer den Akkord sucht, hat schon verloren.

Eines jedoch hatte er im Wartezimmer in Peking vor lauter Verzückung nicht bedacht: Xi Jinpings Flügel ist verstimmt. Nur als freundlicher Hinweis nach China, falls demnächst Donald Trump vorbeikommt und vielleicht ein Flohwalzer aus ihm herauswill.