Über das neueste Lied von Xavier Naidoo ist in den vergangenen Tagen viel geschrieben worden. Marionetten heißt es, und es ist auf dem neuen Album der Söhne Mannheims erschienen. Seither diskutieren Musikjournalisten darüber, ob das Lied nur demokratiefeindlich ist oder schon Pegida, ob hier mit denselben Affekten gespielt wird wie es die AfD tut und ob Naidoo, der in der Vergangenheit vor Reichsbürgern auftrat und Deutschland für ein "besetztes Land" hält, sich endgültig in den rechten Morast verabschiedet habe. (Hier der gesamte Songtext)

Am vergangenen Montag musste er deshalb mit seinen Söhnen Mannheims beim Bürgermeister der Stadt vorsprechen. Einen Tag später meldet sich der Sänger nun auf Facebook mit einem offiziellen Statement, das sich im Grunde so zusammenfassen lässt: Er stehe mit beiden Beinen auf dem Boden der demokratischen Grundordnung. Und sein Lied, das sei eben Kunst, welche die Kritiker nicht verstanden hätten. Zitate seien aus dem Zusammenhang gerissen worden. Nimmt man Naidoos Statement einen Augenblick lang ernst, so bleibt die Frage, als was man Marionetten betrachten solle, außer als Aneinanderreihung gewaltverherrlichender und verschwörungstheoretischer Leitmotive, die zu einem Lied geronnen ist. Naidoo selbst sagt, es handele sich "um eine zugespitzte Zustandsbeschreibung gesellschaftlicher Strömungen (...), die er "im Rahmen einer künstlerischen Auseinandersetzung bewusst überzeichnet" habe.

Nun kann von einer erkennbaren "Auseinandersetzung" mit gesellschaftlichen Strömungen keine Rede sein, sein Lied ist, freundlich gesagt, eine affirmative Collage dessen, was aus den Tiefen deutscher Verschwörungstheorien so hervorgerülpst wird. Da ist nichts überzeichnet. Es gibt keine Anzeichen von kritischer Distanz, keinen Bruch, keine formale Feinheit, die auf Rollenprosa hindeuten könnte, es gibt nur ein pompöses Wir, das mit einem regressiven, antidemokratischen Affekt gegen ein nebliges Ihr in Stellung gebracht wird, mit dem regierende Politiker gemeint sind, die an den "Fäden" höherer, dunkler Mächte hängen. Der Interpretationsspielraum war lange nicht mehr so klein wie hier. Aus welchem Kontext nun laut Naidoo einzelne Stellen "herausgerissen" und in der Folge inkriminiert worden seien, kann man also nur raten. Selbst wenn er sich nicht als bewusster Bauchredner der Rechten versteht, so lässt sich sein Lied kaum anders deuten, denn als imaginäre Rachefantasie an jene da oben, die angeblich dem Volk unentwegt "in die Fresse" träten, im Nietzscheanischen Sinne also pures Ressentiment.

"Kein einziger bewusster Gedanke"

Vielleicht hilft ja, abseits aller interpretatorischen Müßigkeit, weiter, was Naidoo darüber erzählt, wie seine Musik entsteht: "Ein Produzent, meistens zugleich ein Freund, spielt mir z.B. eine Komposition vor, bei welcher mir bereits nach ein paar Sekunden der Melodie die ersten Textfragmente in den Sinn kommen. Das bedeutet, mein Unterbewusstsein hat ganz sicher Einfluss auf die Entstehung der Songs." Und: "In diesen Momenten verschwende ich keinen einzigen bewussten Gedanken darauf, wohin mich die Reise wohl führen mag."

Was heißt das nun? Dass er für das Lied nichts kann, weil das ES aus ihm spricht und deshalb das Ergebnis nicht mehr befragt werden darf? Dass sein seismografisches Unterbewusstsein Erschütterungen wahrgenommen hat, denen er fürderhin lediglich als neutrales Medium dient, als Rhapsode des gekränkten Volksempfindens? Vielleicht sollte Naidoo sich nicht bloß mit Oberbürgermeistern ins Benehmen setzen, sondern mal bei seinem Unterbewusstsein klingeln. 

"Vielleicht auch belanglos"

Sein Statement ist mithin eine als besänftigende Erklärung getarnte Anklage, in der er sich als von Kritikern verfolgte, missverstandene Unschuld darstellt, die doch nur singen und Kunst produzieren will: "Ich gebe keinem meine Stimme, sondern erhebe meine eigene mit den Mitteln meiner Kunst. Und die ist oft hinterfragend, teils kindlich, im besten Fall zum eigenständigen Denken anregend, manchmal tiefsinnig, vielleicht auch für manche belanglos oder an ihrer Sache vorbei, gerne auch mal provozierend – aber im gleichen Atemzug stets voller Liebe und Überzeugung für die erwähnten Grundwerte."

Inwieweit Gewaltfantasien gegen angeblich chargenhafte Politiker ("dann reiß ich ihn in Fetzen"), die Ermunterungen, man möge die Mistgabel gegen sie erheben, und der wehleidige Stolz auf die eigene Brutalität nun Aussagen voller Liebe und Grundwerttreue sind, weiß wohl nur Naidoo allein. Dass er nun zum Schutz "noch einmal das Wort für die Kunst ergreifen will", steht ihm natürlich frei, zeigt aber zugleich sein doppelt naives Kunstverständnis, demnach Kunst stets jeder Ideologie unverdächtig sei und obendrein stets vielschichtiger, als seine Kritiker glauben. Nun, es soll ja Kritiker geben, die tatsächlich nicht der Meinung sind, dass jeder Quatsch schon allein dadurch veredelt ist, dass er gereimt oder gesungen wird.