Die Fleet Foxes um Robin Pecknold (M.) © Shawn Brackbill / Warner Music Group

Es ist immer gut, irgendwann im Leben etwas Vernünftiges zu lernen. Dachte sich bestimmt auch Robin Pecknold, Sänger und Songwriter der Fleet Foxes. Mit ihrem gleichnamigen Debütalbum hatte die Band 2008 alte Folk-Rock-Platten, Männerchöre und Vollbärte ins Zentrum der Popkultur zurück gebracht. Kritik und Publikum waren begeistert von den Harmonien, die strahlten, als hätten die Beach Boys und Paul Simon gemeinsame Sache gemacht. Nach zwei Alben, die sich weltweit über zwei Millionen mal verkauften, und einer auszehrenden Tournee hatte die Band 2012 eine Pause auf unbestimmte Zeit eingelegt. Die allerwenigsten Musiker hätten ein derartiges Momentum einfach auslaufen lassen. Pecknold aber verließ seine Wahlheimat Portland, ging auf Reisen und schrieb sich 2013 an der New Yorker Columbia-Universität ein.

Während er im Hörsaal saß und sich mit Literatur- und Kunstgeschichte befasste, verflüchtigte sich draußen die Euphorie für akustische Gitarren, zerzauste Haare und Flanellhemden. Einst konnte man Artikel lesen, in denen gefragt wurde, ob sich in der pastoralen Entschleunigungsmusik der Fleet Foxes die Sehnsucht einer überreizten Generation nach Kontemplation und Gemeinschaftssinn ausdrückte. Mittlerweile häufen sich eher die Texte, in denen Indiebands attestiert wird, im Vergleich zu den aktuellen Innovationswellen im Hip-Hop, R 'n' B und der elektronischen Musik immer irrelevanter zu werden.

Diese Entwicklung des Zeitgeists vom Analogen hin zum Digitalen verkörpert am besten Justin Vernon alias Bon Iver. Sein akustisches Debütalbum For Emma, Forever Ago (2007) hatte er noch in einer abgeschiedenen Waldhütte aufgenommen. Auf seinem neuen Album 22, A Million (2016) modifizierte Vernon seine Stimme per Vocoder und ersetzte den Wahrhaftigkeitsanspruch des Singer-Songwriter-Tums durch eine elektronisch generierte Vielstimmigkeit.

Ganz anders dagegen Pecknold. Den drängte es in der popmusikalischen Ewigkeit von sechs Jahren, die seit Helplessness Blues (2011) vergangen waren, offenbar nicht zu einem neuen Album. Als er im Frühjahr 2014 erstmals wieder auf einer Konzertbühne stand, tat er das nicht mit den Fleet Foxes, sondern mit einer Tribute-Band, bestehend aus Mitgliedern von Beach House, Grizzly Bear, The Walkmen und diversen anderen, die das opulente Meisterwerk No Other (1974) des ehemaligen Byrds-Mitglieds Gene Clark Note für Note live rekonstruierte. Das waren, soweit man das auf Basis der tollen Videoaufnahme beurteilen kann, grandiose Konzerte.

Dass Pecknold an diesem musikhistorischen Liebhaber-Projekt mitwirkte, ist eine schöne Pointe. Nicht nur, weil die Ära der späten Sechziger und frühen Siebziger stets ein zentraler Bezugspunkt für die Musik der Fleet Foxes war. Denn das neue Album Crack-Up schwelgt ähnlich gegenwartsvergessen in seiner kompositorischen Ambition wie Clarks Platte damals.

Schon der knapp neunminütige Song Third of May / Ōdaigahara, der vorab zu hören war, zeugt davon. Das Stück beginnt als kraftvolle Klavierballade, braust in der Mitte auf und endet schließlich als nahezu mystisches Instrumental. Immer wieder gibt es zwischendrin plötzliche Tempo-, Stimmungs- und Instrumentierungswechsel. Wie hier Symphonie und Intimität, üppige Klangwände und beinahe sakrale Chöre ineinander übergehen, ist faszinierend. So ausufernd, so beeindruckend klangen die Fleet Foxes noch nie.