© Hyperdub

Laurel Halo: Dust (Hyperdub)

Klickedick und klöterdiklöter, klipperadapp und klockediklonk: Die kompetentesten Klappergeräusche der laufenden Saison findet man auf dem neuen Album von Laurel Halo; es enthält elf liebliche Liebeslieder mit polymorph-polyrhythmischen Kanongesängen, die zum Beispiel Koinos, Arschkriecher, Buh-Bye oder Nicht ohne Risiko heißen. Wer hier wen liebt oder auch nicht, hört man nicht notwendigerweise heraus: Eine Vielzahl von Sängern und Sängerinnen duettiert miteinander oder bildet zerbröselnde Chöre, fällt sich ins Wort und in die Melodien und vereint sich doch immer wieder zu leiernd-disharmonischen Beschwörungen von Glück und Versagung, Sehnsucht und romantischer Einheit.

Im Schaffen von Laurel Halo ist dieser Wechsel zur Vielstimmigkeit eine erstaunliche Entwicklung: Bisher hatte man die New Yorkerin als entschiedene Solistin, man könnte auch sagen: als große Solipsistin der Elektronik-Avantgarde kennengelernt. Auf ihrem herausragenden Debüt Quarantine aus dem Jahr 2012 sang sie zu sparsam getupften elektronischen Arrangements mit einer leicht schiefen, stets etwas zu ausgezehrt und entkörperlicht wirkenden Stimme; vom Rest der Musik durch eine schier unüberwindliche Klangkluft getrennt, umflorte sie eine Aura der Einsamkeit und der Verzweiflung. Auch auf Dust oszillieren die Songs zwischen Disharmonie und zerbrechlicher Schönheit. Doch ist die Zerbrechlichkeit nun aus dem Subjekt in das Kollektiv gerückt: in die flirrenden Klangbilder der Kanons und Chöre, unterwühlt von warm schwingenden Bässen und einer materialangemessen kühl knickernden Holzperkussion, die der Multimediakünstler und Experimentaldrummer Eli Keszler bedient. 

Zu den anderen Gästen, die für Laurel Halo hier klappern und mit ihr singen, gehört auch Julia Holter, die sich ebenfalls 2012 auf ihrem Album Ekstasis an einer neuartigen Verflechtung von elektronischen Klängen und elektronisch moduliertem Gesang versuchte; oder die französische Sängerin Lafawndah, die zirka 2015 damit begann, synkopierte R'n'B-Beats mit tribalistischem Analog-Getrommel und drehleierartig hirnsägenden Loops zu verflechten. So wirkt Laurel Halo hier also nicht nur als Leiterin eines Chors, in dessen Gesängen sich das zersplitterte Innere ihres Künstler-Subjekts nach Außen kehrt, sondern – umgeben von Weggefährtinnen und Schülerinnen – auch als Leitfigur einer neuen popmusikalischen Romantik, in der Innen und Außen, Subjekt und Vielheit, authentische Stimme und artifizieller Klang keine Widersprüche mehr sind.




© Technicolour/Ninja Tune

Umfang: Symbolic Use of Light (Technicolour/Ninja Tune)

Die Brooklyner DJ und Produzentin Emma Burgess-Olsen, die unter dem Namen Umfang musiziert, komponiert nicht nur schön minimalistisch-oszillierende Techno-Tracks, sondern gehört auch zu den verdienstvollsten Klubkultur-Aktivistinnen zurzeit. Das von ihr mitbegründete Discwoman-Kollektiv fördert weibliche, queere und Transgender-DJs in einem – bei allen emanzipatorischen Erfolgen der letzten Jahrzehnte – immer noch wesentlich von heterosexuellen Männern geprägten Geschäft. Zu den Künstler*innen, die es hier zu entdecken gibt, zählen so großartige Talente wie die in Berlin ansässige mobilegirl, die mit live geschredderten und dann in unfassbarer Geschwindigkeit wieder verfugten Hitparaden-R'n'B-Schnipseln noch auf jeder Tanzfläche für Euphorie gesorgt hat, oder die in Philadelphia lebende DJ Haram, die Techno mit Industrialkrach, arabischen Samples und Beats zu einer wahrhaft postglobalisierten Musik erweitert. 

Aber auch die Produktionen von Umfang selbst sind unbedingt hörenswert: Auf Symbolic Use of Light, ihrem ersten bei einem größeren Label erschienenen Album, lässt sie aus spannungsvoll verhaltenen Ambientflächen und gut gemulmtem Dunkelgebrumm schöne Strecken mit geraden Beats blühen, die durch winzige Verschiebungen in den rhythmischen Mustern sonderbare Funk- und Groove-Qualitäten entwickeln; eine ebenso zarte wie aufregend ambivalente und dennoch durchweg tanzbare Musik.



© Deutsche Grammophon/Universal

Hans-Joachim Roedelius & Arnold Kasar: Einfluss (Deutsche Grammophon/Universal)

Nichts zu tanzen gibt es hingegen bei Hans-Joachim Roedelius und Arnold Kasar, ihre Musik eignet sich eher dazu, in einem abgedunkelten Raum auf gemütlichen Kissen zu kauern und nach dem Genuss bewusstseinserweiternder Substanzen in spiritueller Art tief nach Innen zu schauen. Roedelius gehört als Mitglied von Gruppen wie Kluster, Cluster und Qluster, aber auch Harmonia und Aquarello zu den zentralen Figuren des schon seit Ende der 60er Jahre elektronisch und ambientös geprägten Westberliner Zweigs des sogenannten Krautrocks; der 40 Jahre jüngere Kasar hat als Pianist beispielsweise das Frühwerk des damals noch nicht ganz so unausstehlichen Friedrich Liechtenstein mitgeprägt. 

Auf dem Duowerk Einfluss spielen Roedelius und Kasar ihre Klaviere in möglichst minimalistischer und sanfter Weise – Roedelius hat sein Gerät sogar noch mit Filz präpariert –, während darunter wuschige Synthklänge huscheln. Das kann über die gesamte Dauer von 80 Minuten hinweg auch leichte Züge ins Langweilige zeigen, wirkt aber bei weitem wahrhaftiger und nicht so wichtigtuerisch überspannt wie der aktuelle Mainstream des Minimalklavierwesens, den so trübe Figuren wie Nils Frahm und Max Richter in ihrer knöchrigen Klammerhand halten.



© Matador/Beggars/Indigo

Algiers: The Underside of Power (Matador/Beggars/Indigo)

Die zwischen London und New York pendelnde Gruppe Algiers könnte man gewissermaßen als Synthese der hier bislang beschriebenen musikalischen Ansätze verstehen. Sie beschwört einerseits das Glück und die Kräfte des Kollektiven und strebt andererseits nach Bewusstseinserweiterung und spiritueller Inspiration. Alles Kuscheln und Wuschige ist Algiers freilich fremd. In zwölf Liedern, die zum Beispiel Cry of the Martyrs oder Death March heißen, predigen sie in hymnischer Weise gerechten Zorn gegen die neuen, alten Herren ihrer US-amerikanischen Heimat. Es gibt erhebende Gospelgesänge und maschinengewehrartig knallende Beats zu hören; technoid-unbehagliche Bässe werden mit gottesfürchtig-hoffnungsvollen Chören verflochten; zu schroffen Punk-Disco-Klängen mit verzerrter Gitarre rappt Algiers-Sänger Franklin James Fisher gegen die "crypto-fascist contagion" der Gegenwart, die krypto-faschistische Seuche.

Ähnlich wie die aus New Jersey stammenden Ho99o9 im letzten Monat auf ihrem großartigen Debüt United States Of Ho99o9, bedienen sich Algiers auf diesem ihrem zweiten Werk bei afroamerikanischen Stilen ebenso wie bei den wesentlichen "weißen" Protestmusikformen der letzten Jahrzehnte, Punkrock, Industrial, Crossover-Metal. Um der Wut und der Verzweiflung über die Zustände einen angemessen unversöhnlichen Ausdruck zu verschaffen, ist hier jedes musikalische Mittel recht: The Underside of Power ist ein großes, wegweisendes Werk.