Ed Sheeran saß auf einem Baumstumpf und sollte wie ein Ritter aussehen. Mit Brustpanzer und Sankt-Martins-Umhang hatte man den Popstar und Jungschauspieler für eine Gastrolle in der Auftaktfolge zur siebten Staffel Game Of Thrones hergerichtet. Er sang dort ein paar Zeilen über wärmende Frauenhände, aß ein verkohltes Kaninchen und lächelte recht freundlich an der Kamera vorbei. Sein Auftritt dauerte kaum drei Minuten, beschäftigte das Internet aber noch drei Tage später. Wie konnte er nur, warum durfte er überhaupt – und wieso schlug ihm niemand den Kopf von den Schultern?

Die Schurken in Game Of Thrones müssen normalerweise erst foltern, verstümmeln oder morden, um solche Reaktionen zu provozieren. Sheeran musste nur den Mund aufmachen. Zeitgleich wurde bekannt, dass er als Comicfigur auch in der neuen Staffel der Simpsons zu sehen sein wird. Fans der Serie liefen gelb an vor Entsetzen. Seit sechs Jahren geht das inzwischen so: Der Musiker von der englischen Ostküste singt seine Lieder über betrogene, versetzte, ignorierte oder anderweitig erfolglose Männer auf der Suche nach Liebe. Anschließend prasseln Hipsterhäme, Social-Media-Zorn und Kritikerverrisse auf ihn ein. Die Welt liebt es, Ed Sheeran zu hassen. Das ist die eine Seite der Geschichte.

Auf der anderen Seite stehen Millionenverkäufe und Milliardenstreams, Grammy-Awards, Festivaltriumphe und genügend Platinschallplatten für die Dekoration unzähliger Gäste-WCs. Das Wembley-Stadion bespaßte Sheeran dreimal hintereinander nur mit Akustikgitarre und Effektpedal. Jeweils 90.000 Menschen kamen. Weil im vergangenen März 16 Songs in den britischen Top 20 von ihm stammten, wurden inzwischen neue Regeln für die Charts eingeführt, um mehr Vielfalt und weniger Sheeran zu gewährleisten. Ginge es im Pop nur nach Zahlen, gäbe es derzeit keinen größeren Star als ihn.

Ganz und gar unverbindlich abgegrast

Wer noch nie einen Song von Ed Sheeran gehört hat, erwartet nun wahrscheinlich Musik der absoluten Spalt- und Strahlkraft. Wie mag dieser 26-Jährige klingen, dem Spotifystreamer und Twittertrolls gleichermaßen ihr Datenvolumen schenken? Die Wahrheit ist nicht sehr aufregend: Sheeran spaltet und überstrahlt die Welt mit unkontroversem Radiopop und gelegentlichen Rap-Einlagen. Ganz und gar unverbindlich grast er die Genres ab, in denen Aussicht auf Erfolg besteht. Coldplay, Drake, Mumford & Sons, Chris de Burgh. Ein schneller Kostümwechsel, und fertig ist das Mondgesicht.

Nie bleibt Sheeran so lange bei einem Stil oder einer Stimmung, dass man ihn darauf festnageln könnte. Ist er ein trauriger Troubadour, ein kumpeliger Draufmacher, Justin Biebers Songwriter und Golfbuddy oder doch ein Rapper, der so lange vor dem Badezimmerspiegel geübt hat, bis er dachte, dass es auch für den Rest der Welt reicht? Seine Antwort ist immer Ja zu allem. Weil er keiner Szene angehört, muss sich Sheeran auch niemandem verpflichtet fühlen. Schamlos erspürt er in jedem Dorf den harmlosesten Hund – und reitet darauf in den nächsten goldenen Sonnenuntergang. (Behalten Sie dieses Bild im Kopf, denn es könnte bald in einem Video von Ed Sheeran auftauchen.)

Der Künstler ist inzwischen so fest im Bewusstsein der Welt verankert, dass er auch mal etwas Verrücktes versuchen darf. Auf seinem jüngsten Album gibt es den Marimba-Sex-Jam Shape Of You, das U2-auf-der-Streckbank-Szenario Castle On The Hill und den Fiedel-Folk-Rap Galway Girl, zu dem man unwillentlich in Riverdance-ähnliche Tanzreflexe verfällt. Weil Sheeran natürlich auch als Backpacker unterwegs war, erklingt gegen Ende der Platte die Eine-Welt-Musik Bibia Be Ye Ye. Mit ghanaischem Singsang, aber erstaunlicherweise ohne Löwengebrüll.