Die Leute sagen immer: Alles kommt irgendwann wieder. Damit meinen sie: Alles Schlechte kommt irgendwann wieder. Im Falle des Liedermachers und Geschichtenerfinders Faber bedeutet das: Akustikrock mit Gehobel und vielen Spänen. Marsch- und Blasmusik aus teutonischer Unterwelt. Polka-Versatz und Klezmer-Reste aus dem Erfahrungsschatz eines Sommers voller Erasmus-Partys. Säuferromantik und Kotz-ins-Taxi-Realismus. Kurzum: Pop der groben Arbeit und Gefühle, verteilt auf den Wuschelkopf eines 23-jährigen Schweizers und die Schultern seiner topversierten Backing-Band. Faber ist zunächst einmal der Hype, den man nicht hören will.  

Er ist aber auch: der Hype, den man hören muss, weil man ihn sonst nicht glauben kann. Alles, was sein Debütalbum Sei ein Faber im Wind an musikalischen Aufmerksamkeitserregern ankarrt, wird bedeutungslos, sobald Faber den Mund aufmacht. Dann singt er Triebtätertexte über kleine Mäuse und dumme Schafe, reimt "big screen" auf "tits seh'n" und "sechzehn" auf "Sexszenen". Die Songs dazu nennt er Wem du's heute kannst besorgen und Brustbeinearschgesicht. Seine Stimme soll lebensgegerbt klingen. Man kann damit aber auch Babys zum Lachen bringen.

Faber ist Sprachgewalt im doppelten Wortsinn. Das Talent für Timing und gossenpoetische Punchlines kann ihm keiner nehmen. Seine Texte sind auf schlaue Weise dumm, sie flirten mit Grenzüberschreitungen, die im deutschsprachigen Pop eigentlich undenkbar sind – und vollziehen den vermeintlichen Tabubruch zielsicher im Moment des größten Effekts und Vergnügens. Zigtausend Konzertbesucher und zukünftige Plattenkäufer sind dieser Masche bereits verfallen. Auch das Feuilleton freut sich mehrheitlich, weil es endlich mal wieder härter rangenommen wird als von Tim Bendzko, Mark Forster oder Philipp Poisel

Sei ein Faber im Wind beginnt mit einer windschief getröteten Ouvertüre, und gleich hat man die Mannheimer Popakademie in Verdacht. Die Wahrheit ist: Zürich, Kantonsschule Stadelhofen. Faber ist dort aufs Musikgymnasium gegangen, er heißt eigentlich Julian Pollina und ist der Sohn des sizilianischen Songwriters Pippo Pollina. (Italiener und Schweizer dürfen jetzt ausrasten.) Seinen nölenden, leiernden Gesangsstil brachte Faber mit Italo-Schlager auf Wettkampfhärte: Als Hochzeits- und Restaurantsänger begann er, die Pausen zwischen den Worten wegzulassen. Vielleicht musste er auch einfach viel trinken, um den Job auszuhalten.

Vor und nach Feierabend schrieb Pollina jene Faber-Songs, die nun mit Salsa-Rhythmus und Saloon-Geklimper, Plattensammlung und Netflix-Account klotzen. Der Klavierwalzer Lass mich nicht los schleicht im Stil einer Mörderballade von Nick Cave voran. Das Titelstück des Albums kopiert den behänden Gitarrenstil des frühen Leonard Cohen. In Paris brennen Autos hat sich die Titelmelodie der Fernsehserie Narcos gemerkt. Für eine Platte zwischen Suff, Bordstein und Puff erledigt Sei ein Faber im Wind seine Hausaufgaben mit bemerkenswerter Gründlichkeit.