© Caroline/Universal

Max Richard Leßmann: Liebe in den Zeiten der Follower (Caroline/Universal)

Gefühlvolle Männer, die romantische Lieder singen, sahen sich in den vergangenen Jahren zumeist scharfer Kritik ausgesetzt. Beim männlichen Publikum galten sie als frauenverstehende Jammerlappen; die weiblichen Hörerinnen fragten sich zusehends entnervt, ob sie beim Streben nach Geschlechtergleichheit aus Versehen nun auch jene maskuline Brunftbekundung eliminiert hatten, die sie zumindest bei musizierenden Männern gelegentlich ganz gerne genossen. Tim Bendzko, Philipp Poisel, AnnenMayKantereit: Das sind Männer, mit denen man gern mal ein Rilke-Gedicht diskutiert oder die Praktikumsplanung nach dem Bachelorabschluss. Aber Leidenschaft, Schwitzen, Kopulation? Genau. Darum ist gegenwärtig auch die generelle Begeisterung über Faber, den schweizerischen Krächzbarden mit Out-of-bed-Frisur, so groß: Er singt, als würde er riechen, das kommt in der aktuellen Aseptikära schon aus Abwechslungsgründen gut an. Leider singt Faber aber auch wie Joe Cocker, und wenn man bei ihm mal genauer hinhört und hinsieht, wirkt sein Verwahrlosungsstil ebenso muttersöhnchenhaft und verklemmt wie der zwanghafte Gebrauch von unartigen Wörtern.

Womit wir bei Max Richard Leßmann wären. Auch dieser kraftvolle junge Knabe präsentiert jetzt sein Albumdebüt; es trägt den Titel Liebe in den Zeiten der Follower, und anders als Faber versteht es Leßmann darauf durchweg, sexuelle Dominanzgesten mit guten Manieren und gebügelter Bekleidung zu kombinieren. Oder anders gesagt: Die von ihm ausgesonderten Pheromone liegen einem auch dann gut in der Nase, wenn man selbst gerade nicht paarungsbereit ist. Leßmann jammert nicht und ist nicht weich, aber auch die paläolithischen Schwanzposen liegen ihm fern. Er protzt und prahlt ausschließlich mit musikalischen Mitteln, mit üppigen, fast aus dem Korsett platzenden Bildern und viel zu groß geratenen Arrangements. Leßmanns abenteuerliches Herz schwebt über brennende Lavendelfelder und durch die glühenden Drähte der sozialen Netzwerke. Er schmachtet mit seiner stets leicht unter der harmonischen Ideallinie schwebenden Stimme schöne Frauen an, die "trinken" und "rauchen", aber eben auch "gut riechen"; und er unterfüttert seine Hingabe mit orchestralen Arrangements, die einen wahlweise an Pepe Lienhard erinnern können oder an Prefab Sprout.

Natürlich liegt auch über dieser Musik eine gewisse Einsamkeit und Melancholie. Aber Leßmann lebt sie nicht offensiv aus, sondern belässt es bei der Andeutung, beim Subtilen. Vielleicht könnte man sagen: Wenn Faber unser neuer Joe Cocker ist, der sich vor dem Konzert durch ausgiebigen Whiskykonsum die Stimmbänder in Stimmung gerbt – dann ist Max Richard Leßmann unser neuer Harald Juhnke, der sich vor großem Publikum lässig durch schöne Swingnummern tanzt und doch in Wahrheit nur danach sehnt, sich nach dem Auftritt in der Hotelbar allein was hinter die Binde zu kippen.



© Corn Dawg Records

Füffi: Walter (Corn Dawg Records)

Ins Fach der männlichen Jammerlappen fällt hingegen der aus dem Emsland stammende Sprechgesangskünstler Füffi. Auf seiner Debütplatte Walter hadert er ausgiebig mit menschlichen und künstlerischen Minderwertigkeitsgefühlen und seinem verpfuschten Dasein im Ganzen. Gleich im Eröffnungsstück Karrieremodus ††††† bekundet er die Überzeugung, dass seine Karriere beendet ist, bevor sie überhaupt begonnen hat, "der Traum faded aus", er möchte am liebsten "in den Wald gehen und sterben", ein Elend, das alles. Aber ein ausgesprochen kurzweilig dargebotenes Elend, denn Füffis stets kurz vor dem Schluchzkrampf stehende Stimme schmeichelt sich dann doch in schönem Flow über die schweren Bässe und brünftigen Britzelgeräusche hinweg, die ihm der Berliner Produzent Yunis auf glühendem Amboss geschmiedet hat. Und natürlich macht Füffi sich und allen anderen Menschen auch Mut, denn wenn man nicht mehr weiß, wie es weitergeht, kann man sich ja immer noch auf die elementaren Lebensfunktionen konzentrieren: "ausatmen und spitten / egal, was du tust / immer nur ausatmen und spitten".



© Universal

Mura Masa: Mura Masa (Universal)

Wie man als junger gefühlvoller Mann auch unter ausgesprochen widrigen Ausgangsbedingungen eine rasante musikalische Karriere hinlegen kann, zeigt uns wiederum der gerade mal 21-jährige Alex Crossan, der unter dem Namen Mura Masa auftritt. Er ist auf der Kanalinsel Guernsey in weitgehender Abgeschiedenheit von der Zivilisation aufgewachsen und hat darum, wie er im Gespräch erzählt, während seiner gesamten Jugend nur Punkrock gehört. Erst die Begegnung mit der Musik von James Blake habe ihm für den Umstand die Augen geöffnet, dass man auch mit elektronischen Instrumenten interessante Ergebnisse erzielen kann. Von diesem Aha-Erlebnis bis zu seinen ersten internationalen Erfolgen hat es zirka drei Jahre gedauert: Ein paar Soundcloud-Dateien wurden im britischen Radio gespielt, es gab Remix-Aufträge von Ibeyi und Ed Sheeran ("meine Mutter hat mich geliebt dafür"), und jetzt hat Mura Masa auch schon sein Albumdebüt veröffentlicht. Es ist ein großartiger Parcours durch die verschiedensten Bass- und Tanzmusikstile mit einem beeindruckenden Ensemble singender Gäste von Charli XCX bis Damon Albarn, deren Stimmen aber – darin zeigt sich die frühe James-Blake-Prägung – gnadenlos zerhackt und zerfitzelt und wie jede andere Klangquelle in die musikalischen Texturen eingefügt werden.



© Editions Mego

Xordox: Neospection (Editions Mego)

Zur Entspannung sei zum Schluss dann noch das Spätwerk eines einst großen Grobians empfohlen. In den achtziger Jahren war James George Thirlwell alias Foetus der bedeutendste Düstermann und Psychopath der an Düstermännern und Psychopathen nicht eben armen New Yorker No-Wave- und Industrial-Szene. Er variierte seine Künstlerpersönlichkeit in zahllosen Projekten, die zum Beispiel Foetus Ueber Alles oder Scraping Foetus Off the Wheel hießen; zu dunklem Beatgerumpel fummelte er auf der Bühne an Schweineköpfen herum und grunzte ins Mikro lyrische Miniaturen über Analsex und Inzestbeziehungen. Insofern könnte man ihn als ästhetischen Ahn von Künstlern wie Faber betrachten, nur dass das Transgressions- und Exzessniveau der Achtziger doch deutlich über dem heutigen lag. Überraschenderweise hat Thirlwell das Ende der Ära sowohl körperlich als auch musikalisch einigermaßen überstanden und nimmt auch im für einen Industrialveteranen biblischen Alter von 57 Jahren immer noch Schallplatten auf. Zum Beispiel unter dem Namen Xordox das jetzt erschienene Werk Neospection, darauf hört man beruhigendes Synthesizergebrumm, über dem gelegentlich die lieblich gesprenkelten Töne einer prozessierten Gitarre funkeln. Dazu öffnet man sich als älterer Hörer gern ein Fläschchen Rotwein und denkt verliebt an die krass-maskulinen Grenzüberschreitungen von einst.