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Andreas Dorau: Die Liebe und der Ärger der Anderen (Staatsakt / Caroline / Universal)

Als Andreas Dorau die Charts dominierte, wäre er wahrscheinlich schon mit einem Walkman zufrieden gewesen. Heute ist der Walkman in jedem Dreckshandy mit drin, und Dorau will unbedingt zurück in die Charts. Mit der absurden NDW-Hitsingle Fred vom Jupiter stieg der Hamburger 1981 zum überqualifizierten Kinderstar auf. Danach studierte er Film, arbeitete als Videoberater für allerlei Pop-Hohlbirnen und kokettierte mit dem Image eines unterqualifizierten Plastikliedermachers, der sich nonchalant durch Alltag, Shows und Plattenproduktionen schummelt. Ein astreiner Lebensplan, doch damit soll es nun vorbei sein.

Die Liebe und der Ärger der Anderen ist Doraus zehntes Album und ufert so ambitioniert aus wie sonst nur Platten von Drake. 20 Songs, 80 Minuten. Eine Popseite und eine Dudelelektroseite, wobei auch die Popseite Dudelelektroelemente enthält und die Dudelelektroseite Popelemente. Alles fein ausgearbeitet, doch stets spontan und sprunghaft. Dazu schöne Liebes- und Quatschliedtexte, Reime und Songtitel wie Ossi mit Schwan, Liebe in Dosen oder Radiogesicht. Auf dem Ölgemäldecover hält Dorau einen Leoparden mit Schwanenkopf im Arm. Aber die Charts? Sollten nun wirklich sein kleinstes Problem sein.



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Broken Social Scene: Hug Of Thunder (City Slang / Universal)

Von 1999 bis 2011 hatte Kevin Drew den schwersten Job der Rockmusik. Seine Band Broken Social Scene war im Laufe der Jahre auf 17 feste und noch einmal so viele halbfeste Mitglieder angewachsen (darunter Leslie Feist) – und Drew fiel die Aufgabe des Organisators zu, bei dem alle Fäden, Ideen und Extrawurstwünsche zusammenliefen. Alben des Kollektivs aus Toronto und Montreal betonten den Community-Spirit der Musiker, klangen jedoch auch wie Platzhirschkämpfe um die Hoheit auf den Tonbändern. Drew löste Konflikte meist pragmatisch: Er fügte noch mehr Aufnahmespuren hinzu. Und ließ sich eine Beißschiene gegen das nächtliche Zähneknirschen verschreiben.

Nicht ganz zufällig ergab sich daraus eine neue Art von Rockmusik. Broken Social Scene waren indie in Ethos und Anliegen, aber grenzenlos in Sound und Schlagkraft. Eine Post-Rock-Band fürs Olympiastadion – die nun auf ihrem ersten Album nach sechsjähriger Pause klingt, als ginge sie voll in dieser Rolle auf. Erstmals greifen die Zahnräder sauber ineinander: All die Gitarren, Posaunen, Synthesizer, Melodien, Refrains und übereinandergeschichteten Gesänge verwachsen zu Popsongs, die von Systemkritik, Gruppenumarmungen und Offline-Time als altmodischen Spaßangeboten erzählen. Fehlt manchmal der Kampf von früher? Ja, aber dafür geht es Kevin Drews Zähnen heute besser.



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This Is The Kit: Moonshine Freeze (Rough Trade / Beggars / Indigo)

Wie die meisten normalen Leute verabscheut Kate Stables den Klang von herzhaft angeschlagenen Gitarrensaiten. Die Aufmerksamkeit ihres Gelegenheitsgehilfen Aaron Dessner dürfte sie nicht zuletzt deshalb erregt haben: Der Gitarrist der nordamerikanischen Indierock-Institution The National weigert sich schon seit beinahe 20 Jahren, einfach mal einen gottverdammten Akkord runterzubrettern. Stattdessen zupft und friemelt er an den Saiten herum, hantiert mit Geigenbogen und Delay-Pedalen und guckt intellektuell-gequält, wenn er einmal ein Solo spielen soll. Auf Moonshine Freeze bleibt ihm diese Zumutung erspart. 

Stables' viertes Album unter dem Projektnamen This Is The Kit ist eine Platte der musikalischen Kleinigkeiten und Genauigkeiten. Tapfer und behände folkpickt sich die britische Wahlpariserin durch ihre Strophen, singt über Liebe und andere Dämonen und scheint selbst zu staunen, wenn ihren Songs plötzlich Flügel wachsen. Moonshine Freeze driftet ab in Afrobeat-Jams und Barjazz-Geklimper. Dessner tüftelt derweil im Hinterland der Songs an irgendwelchen Details herum. Und wenn niemand mehr damit rechnet, erklingen sogar beherzt angeschlagene Gitarrensaiten.



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Vince Staples – Big Fish Theory (Def Jam / Universal)

Vince Staples trinkt nicht, tanzt nicht, flirtet nicht – es gibt keinen Grund für ihn, in den Club zu gehen. Trotzdem ist das zweite Album des Musikers aus dem kalifornischen Long Beach eine Club-Rap-Platte. Auf Big Fish Theory erhöht Staples das Tempo und den Schwierigkeitsgrad: Während seine Produzenten (darunter Bon Ivers Justin Vernon) ihm Detroit Techno, Acid House und britischen Dubstep vorsetzen, passt der Rapper den Bewegungsradius, die Aggressivität und den Rhythmus seiner Stimme an die veränderten Begebenheiten an. Die Resultate sind streckenweise atemberaubend.

Es gibt Vorbilder für Staples' stilistische Neuausrichtung: Schon Azealia Banks und Danny Brown hatten in den vergangenen Jahren erfolgreiche Verbindungen zwischen Straßenrap und Clubmusik hergestellt. Was Staples' ihnen voraushat, ist der Fokus seiner Geschichten, den er auch im Getöse von Big Fish Theory nicht verliert. Mit ökonomisch-gehässiger Sprache zerlegt er den Blick des weißen Amerikas auf seine schwarzen Rapstars, berichtet von den Vorteilen und Verführungen neu erlangter Berühmtheit und bilanziert einleuchtend: Vince Staples ist der klügste Mann im Raum. Ab sofort gilt das auch in der Großraumdisco.