Von wegen flüchtiges Medium! Computer sind Universalmaschinen, und deshalb ist das Internet – neben allem anderen – auch ein einzigartiges Archiv. Noch dazu eines, das einlädt, durch historische Bestände zu flanieren, ungefähr so wie eine Biene von Blüte zu Blüte fliegt. Jahrhundertealte Bücher sind da zu entdecken, obskure Zeitschriften oder unerwartete Fotodokumente. Und eben Musik, zu Unrecht vergessene Tondokumente stilistischer Wege etwa, die nicht weiter beschritten wurden, weil sie den Zeitgenossen zu steil waren.

Und deshalb liebe ich Spotify. Trotz der immerwährenden Debatte darüber, ob der Streamingdienst den Künstlern von heute genug zahlt oder nicht. Sie soll hier nicht fortgeführt werden. Stattdessen will ich das assoziative Herumstreifen durch die Landschaft der musikalischen Avantgarde von einst preisen, weil es so viel Spaß macht, lehrreich ist und den Geist erweitert. Das ist etwas anderes, als den progressiv gemeinten Tönen früherer Zeiten sentimental nachzuhören. Kein schwelgerisches Wiederfinden also, vielmehr ein Entdecken bislang unerhörter Klänge.

Ausgangspunkt meiner jüngsten Reise war etwas Bekanntes: Ionisation von Edgar Varèse, erstmals aufgeführt im Juni 1933. Es dauert etwa sechs Minuten und ist vorwiegend perkussiv. Frank Zappa sagte später, die Zufallsbegegnung mit diesem Stück sei seine entscheidende musikalische Erfahrung gewesen. Er war damals 14 Jahre alt. Ich interessierte mich dafür wegen meiner Liebe zu Zappas Musik.   

Vom Vertrauten, dem Unbekannten

Auf Spotify findet sich Ionisation in einer Vielzahl von Aufnahmen. Darunter eine, die auf dem Album Percussion Music erschienen ist. Schauen wir es uns an: Aha, da gibt es auch eine Version des Ostinato Pianissimo (1934) von Henry Cowell. Über den lesen wir in der englischsprachigen Wikipedia, er habe Conlon Nancarrow stark beeinflusst. Ich muss zugeben, dass ich Nancarrow nur dem Namen nach kannte, und zwar weil der Komponist John Cage ihn einmal in einer Rundfunksendung erwähnt hatte. Überraschung: Spotify hat schier unendlich viel Material des Pianopioniers Nancarrow, sogar eine eigene Playlist. Stoff für mehr als einen Abend. Aber morgen soll es John Cage sein.

Und das sind nur die bekannten Namen. Völlig neu entdeckt habe ich die experimentelle Wahnsinnsplatte Popular Electronics: Early Dutch Electronic Music 1956-1963 sowie die Komponistinnen Daphne Oram, Else Marie Pade und Pauline Oliveros, alles drei Pionierinnen elektronischer Musik. Interessanter Nebeneffekt: Wer es darauf anlegt, stößt auf viele Frauennamen, die leider nur selten genannt werden, wenn von Musik gesprochen wird. Allein schon um den weiblichen Anteil an der Befreiung der Ohren zu ermessen – und er ist groß! –, lohnt es sich, ein paar Abende mit Spotify (und guten Kopfhörern) zu verbringen.

Es gäbe noch viel mehr Beispiele solcher Reisen zu berichten. Geholfen haben mir beim Herumstromern in diesen Gefilden die Funktion "Ähnliche Künstler" auf Spotify sowie Wikipedia.

Begonnen hatte ich also mit Vertrautem, stieß aber in Unvertrautes vor. Es gibt Leute, die reduzieren alles Unbekannte auf Bekanntes; der Maler René Magritte hat einmal gesagt, er reduziere lieber Bekanntes auf Unbekanntes. Er hätte seine Freude an Spotify gehabt.  

Wie war das noch mal: Die Digitalisierung verhindere die Begegnung mit dem Ungewohnten, führe zur Vereinheitlichung und Formierung der Vorlieben, sperre jeden in seiner Filterblase ein und so weiter und so fort? Nein, entscheidend ist, wie viel Offenheit die User mitbringen. Die zu trainieren, und ebenso den Umgang mit dem Schatz des Internets, wäre eine Aufgabe der Musikpädagogik.

Allenfalls ein bisschen uninspiriert finde ich, was mir der Dienst als "Dein Mixtape" anbietet: gewohnte Gleise. Aber wer sie verlassen will, hat es heute unendlich viel einfacher als alle früheren Generationen. Merkwürdig nur, dass sich das in der aktuellen Popmusik so wenig wiederspiegelt ... Aber das ist ein anderes Thema. Am Internet liegt es jedenfalls nicht.