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Casper: Lang lebe der Tod (Columbia/Sony)

Angesichts der aktuellen Weltlage fällt die Entscheidung ja schwer, ob man lieber zornig oder depressiv sein möchte. Auf seinem neuen Album Lang lebe der Tod gelingt dem Sänger und Sprechgesangskünstler Casper eine musikalisch ansprechende Verbindung dieser beiden Gefühlszustände; insofern handelt es sich ohne Frage um das Album der Stunde. In dem eröffnenden Titelstück erinnert Casper, im Wechsel mit Gästen wie dem beliebtesten deutschen Todesromantiker Blixa Bargeld, an den Umstand, dass man Ewigkeit nur in der Vergänglichkeit findet. In dem dazugehörigen Video wird ein junges Liebespaar von einem aufgebrachten Puritanermob verfolgt und gefangen; man fesselt das Mädchen und foltert den Knaben und schneidet ihm schließlich bei lebendigem Leib das Herz aus der Brust.

Das ist eins der Leitmotive des Albums: dass es wieder so viele Menschen gibt, die anderen vorschreiben wollen, wen sie lieben dürfen und wen nicht; das Wiedererstarken der Homophobie und der Intoleranz, der unheimliche Triumph des neuen rechten Mainstreams mit seiner geistigen Enge und Aggressivität. Das Stück Morgellon befasst sich mit den Denkblasen der AfD-Bürger und ihrer Abkapselung von der Realität; in Lass sie gehen möchte der Sänger vor all den "Scheißnazis" nur noch aus der Welt flüchten und verschwinden. Bei Sirenen wähnt man sich auf dem letzten Rave vor der Apokalypse. In dem Stück Keine Angst ermuntern uns Casper und sein hervorragender Duettpartner Drangsal zwar zu Tapferkeit und Zuversicht, doch zittern in dem dazugehörigen Video die Wände des Konzertsaals unter einem Luftangriff.

Mit seinem ersten Nummer-eins-Album XOXO hatte Casper 2011 gezeigt, dass deutschsprachiger Hip-Hop nicht zwangsläufig stumpfsinnig, sexistisch, homophob und musikalisch langweilig sein muss. Leider hat er mit dieser Innovation bis auf den heutigen Tag wenige Nachahmer gefunden. Auf dem Nachfolgewerk Hinterland bereicherte er 2013 seine Palette um Bruce-Springsteen-artige Breitreifenblues-Lieder. Auf Lang lebe der Tod kommt die wesentliche musikalische Inspiration nun aus dem Industrial und Crossover Rock; er habe, sagt Casper im Gespräch, während der Produktion vor allem Nine Inch Nails und Einstürzende Neubauten gehört.

Besonders der Mittelteil des Albums ist von kraftvollen Stadionrock-Dramaturgien geprägt, was bei der bleibenden melancholischen Grundnote gelegentlich zu einer interessanten Stimmungsinterferenz führt. "Alle Hände hoch" – und jetzt alle schlecht fühlen: depressiver Stadionrock! Danach sacken die Kraft und der Furor in sich zusammen, in Deborah und Meine Kündigung geht es nur noch um Suizidgedanken und Depression; und erst in dem in seiner alles wegwirbelnden Wucht gigantischen Schlussstück Flackern, flimmern wird schließlich doch ein Ausweg aus der Misere der Welt und der Krise des Ich gefunden: sich rückhaltlos einem anderen Menschen zu öffnen, mit ihm seine Ängste zu teilen, und die eigenen auch. Denn das ist es, was man Liebe nennt, und die Liebe ist stärker als die Angst. Und als die Scheißnazis sowieso.



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Hercules and Love Affair: Omnion (mr.intl/Skint/BMG)

Dass uns niemand vorschreiben soll, wen wir lieben dürfen und wen nicht – das ist auch das zentrale Motiv im Schaffen von Andy Butler. Vor knapp zehn Jahren debütierte er unter dem Namen Hercules and Love Affair mit einem herrlichen Tanzmusikalbum, auf dem sich federnde Klimper-House-Rhythmen mit Itze-itze-Beats und hechelnden Hintergrundchören paarten und unter anderem Antony Hegarty – heute: Anohni – Lieder zum Lobpreis der freien Männerliebe im Altertum sang. Eine Weile lang wurde Butler mit seinen unaufhörlich wechselnden Ensembles zum Liebling der geschmacksbegabten Dancefloor-Besucher. Auf dem zweiten Hercules-and-Love-Affair-Album Blue Songs befasste er sich 2010 mit der ebenso sonderbaren wie beunruhigenden Tatsache, dass die Popkultur so liberal und queer erschien wie noch nie – während in der realen Welt drumherum die Homophobie wieder wuchs. Die Zahl der Hate Crimes stieg in den USA seit Mitte der nuller Jahre wieder an – eine Entwicklung, die sich seither noch erheblich verschärft hat.

Omnion heißt nun das vierte Album von Hercules and Love Affair. Es ist von Trotz und Durchhaltewillen geprägt, in einer immer feindlicher werdenden Welt, und es preist die Liebe und die Gemeinschaft der freien Menschen. Die Transgender-Disco-Diva Rogue Mary fordert in dem flotten Disco-Stampfer Rejoice zur Bekämpfung des Unglücks durch Glücklichsein auf. In Are You Still Certain? duettiert sie mit dem schwulen libanesischen Sänger Hamed Sinno: "Du glaubst also, die letztgültige Wahrheit zu kennen? Bist du dir ganz sicher?" Wie die frühen Disco-DJs der siebziger Jahre sucht auch Andy Butler mit seinem Ensemble und in seiner Musik nach Safe Spaces, in denen uns der Hass aus der Außenwelt nicht erreicht und die Menschen dem Versuch widerstehen, sich aufeinander hetzen zu lassen: Dancefloor als Utopie.


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Daughter: Music From Before The Storm (4AD/Beggars/Indigo)

Um ein lesbisches Mädchen, das durch die Zeit reisen kann, geht es in dem Videospiel Life Is Strange; oder genauer gesagt um ein Mädchen, das über fünf Folgen seit 2015 hinweg eine intensive, aber erotisch unausgelebte Beziehung zu einer Mitschülerin pflegt. Am Ende der bislang letzten Folge geben sich Maxine und Chloe endlich einen sehr langen Kuss – oder auch nicht, je nachdem, für welchen Spielzug man sich zuvor entschieden hat. Ob solche Inszenierungen jungen queeren Menschen bei der Selbstfindung helfen oder ob es sich bloß um queerbaiting handelt, also um Zielgruppenerweiterung durch erotische Anspielungen, die aber politisch folgenlos bleibt: Das ist in jüngerer Vergangenheit, auch wegen ähnlich gelagerter neuer TV-Serien wie Rizzoli & Isles, ein viel diskutiertes Problem. Umso gespannter kann man auf die neue Episode von Life Is Strange sein, die am 31. August erscheint: Before the Storm schildert die Abenteuer, die die junge Chloe gemeinsam mit einer neuen Freundin namens Rachel erlebt. Den Soundtrack zu dieser Folge hat das englische Trio Daughter eingespielt, das gefühlvolle Menschen seit 2013 mit opulent ausgepinseltem Pastoral Folk beglückt; auch auf Music From Before The Storm schwingt es sich in nebligem Märchenwaldlicht in den höchsten Pathos-Himmel hinein. Eine Musik, zu der man sogleich jemanden küssen möchte, gleich welchen Geschlechts und warum.



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Haco: Qoosui (Someone Good)

Die völlige Befreiung von den Beschränkungen des Körpers feiert dagegen die japanische Sängerin und Klangkünstlerin Haco auf ihrem neuen Album Qoosui. Ältere Leserinnen und Leser kennen sie vielleicht noch aus der New-Wave-Band After Dinner aus den achtziger Jahren oder von ihrer Zusammenarbeit mit Otomo Yoshihide und Fred Frith. Auf Qoosui lässt sie neblig schimmernde Klangschwaden wehen und befunkelt sie alsdann mit silbrigem Licht; dazu hört man zwitschernde Vögel und fiepende Kommunikationssatelliten im Orbit, und Haco haucht mit barmender Stimme schöne Zaubersätze in Märchensprache. Zwischen den Lauten des Tiers und den Worten der Menschen, zwischen den Klängen der Natur und der Technik gibt es hier keinen Unterschied mehr. Die Welt ist im Fluss, ganz ohne Grenzen: Noch so eine Utopie, von der sich die Realität immer weiter entfernt.