Denken wir uns für einen Moment zurück auf den Schulhof, um gewissenhaft und humorlos eine Debatte zu führen, die sonst nur Pubertierende anzetteln: Was ist das beste Musikgenre der Welt? Hip-Hop oder Rock? Crew oder Band? In diesen Dichotomien denkt nicht nur der Schulhof, sondern auch die US-Firma Nielsen, eines der größten und wichtigsten Marktforschungsinstitute der Welt.

In deren aktuellem Music Report für das erste Halbjahr 2017 steht zwar auch nicht, welches Genre nun das beste ist; sehr wohl wissen die Nielsen-Forscher aber, welches gerade das beliebteste ist. Und da zeichnet sich zum ersten Mal ganz offiziell eine Verschiebung von plattentektonischen Ausmaßen ab. Die Nielsen-Berechnung ist kompliziert, weil die Marktforscher nicht nur digitale und analoge Verkäufe zählen, sondern auch, wie oft ein Song bei Spotify und anderen Streaming-Anbietern abgespielt wird. Rechnet man aber alles zusammen, dann ist zum ersten Mal in der Geschichte der Nielsen-Musikmessungen das Genre "R&B/Hip-Hop" das meistgehörte der Vereinigten Staaten. Mehr als ein Viertel des Musikkonsums im ersten Halbjahr 2017 entfällt auf diese Genres. Die alte Dame Rockmusik, bisher immer auf dem ersten Rang im Nielsen-Beliebtheitswettbewerb zu finden, ist mit 23 Prozent nur noch Vizemeister.

Zu diesen Zahlen passt auch eine gefühlte Zeitdiagnose, von der in den vergangenen Jahren bei Poptheorie-Stammtischen und auf Trendforscher-Kongressen häufig zu hören war: Schwarze Musik, Hip-Hop genauso wie R 'n' B, reißt gerade alles mit sich, ist die nicht nur politisch wichtige Kraft. Weiße Gitarrenmusik eher nicht so. Beyoncé, Kendrick Lamar, Rihanna und Kanye West: So geht kulturelle Hegemonie. Und im Indie-Club an der Ecke? Da spielen sie jeden Freitag wieder die gleichen Lieder wie schon vor zehn Jahren. Außer vielleicht mal einen Austro-Rock-Song von Bilderbuch, aber selbst der hat mehr mit schwarzer Musik zu tun als mit Gitarrenmuff. Ansonsten bibbernder Stillstand, so sexy wie ein Aschenbecher, den seit zehn Jahren keiner ausgeleert hat.

Hier vorne geht sie unter

"Die entscheidende Musik für die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts war Rock", schrieb der Kritiker Chuck Klosterman kürzlich in einem Essay mit dem provokanten Titel "Which Rock Star Will Historians of the Future Remember? " – welchen Rockstar werden in der Zukunft Historiker überhaupt noch kennen? Die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts ist vorbei, und Rockmusik damit irgendwie auch, findet Klosterman. Rock, das sei nur noch "ein Musikgenre mit jugendlicher Zielgruppe, das a) symbolisch kaum mehr Bedeutung hat und dem b) kreatives Potenzial fehlt und das c) keine Beziehung mehr zu Jugendlichen hat., Rockmusik habe "ihre historische Flugbahn" vollendet. Sie versinkt jetzt am Horizont irgendwo im Meer.

Nun ist es mit der Gitarrenmusik so wie mit der Sonne in dem Heine-Gedicht: Hier vorne geht sie unter und kehrt von hinten irgendwann zurück. So oft ist sie schon gestorben, dass sie wohl auch diesen Tod überleben wird. Interessanter als Nachrufe ist deshalb die Frage, warum und unter welchen Bedinungen Rockmusik in ihren Nadir wandert. Und welches Genre im Zenit steht.

Die Nielsen-Messungen zeigen, dass Rockmusik, betrachtet man nur die Anzahl verkaufter Alben, weiterhin den Markt dominiert. Hip-Hop und R 'n' B hingegen herrschen über den immer wichtiger werdenden Streaming-Markt. "Mehr als 30 Prozent des Audio-on-Demand-Streamings kommt aus dem R&B/Hip-Hop, fast so viel wie die zwei folgenden Genres zusammen (Rock 18 Prozent und Pop 13 Prozent)", heißt es im Music Report. Schwarze Musik ist die Musik des Streaming-Zeitalters. Die Musik der Jungen, die kein Geld für teure Deluxe-Platten-Editionen haben und kein fetischhaftes Verhältnis zum Pop-Besitz. Bei denen es darum geht, was gerade gut kommt, und nicht darum, wo sie Ersatzteile für ihren Vintage-Kassettenrekorder finden. Das Streaming ist der digitale Schulhof der Popmusik. Und da interessieren sich immer weniger für Musik, die aus Gitarren kommt.