© RCA/Sony

Kesha – Rainbow (RCA/Sony)

Lange Zeit sprachen nur die Anwälte. Fast drei Jahre dauern die Rechtsstreitigkeiten zwischen der Sängerin und Songwriterin Kesha Rose Sebert und dem Musikproduzenten Łukasz "Dr. Luke" Gottwald inzwischen an. Sebert wirft ihrem ehemaligen Kollaborateur vor, sie gedemütigt, unter Drogen gesetzt und vergewaltigt zu haben. Sie klagte auf die Auflösung eines langfristigen Vertrags, den sie als 18-Jährige mit Gottwalds Plattenfirma abgeschlossen hatte. Weil ihre Anschuldigungen nicht zu beweisen und in Teilen widersprüchlich waren, wurde ihr Anliegen jedoch zurückgewiesen. Vielsagend bezeichnete eine Richterin das Arbeitsverhältnis zu Gottwald als "branchenüblich".

Die Künstlerin sollte weiter mit ihrem angeblichen Vergewaltiger kooperieren. Oder eben gar nicht arbeiten. Zahlreiche Kolleginnen, darunter Taylor Swift und Lady Gaga, sprangen ihr zur Seite. Kelly Clarkson berichtete von eigenen Erfahrungen mit Gottwald, deutete Erniedrigungen und Erpressung an. Der öffentliche Druck wuchs, bis der Produzent von Sony, dem Mutterkonzern seiner Plattenfirma, gefeuert wurde. Damit war der Streit nicht vorbei, der Weg aber frei für Rainbow, das erste Album von Kesha nach fünfjähriger Karrierepause.

Ohne Häme möchte man darüber sagen: Das Beste an Rainbow ist, dass es die Platte überhaupt gibt. Endlich sprechen nicht mehr nur die Anwälte. Kesha changiert zwischen Katy-Perry-Geruder, den glatten Gitarrenriffs und stimmlichen Kapriolen der jungen Alanis Morissette sowie neu interpretierten Countrystandards, die den Ärger der letzten Jahre in musikalische Trotzreaktionen überführen. Subtil ist das nicht, befreiend allemal – und vielleicht sogar lehrreich. Kein Urteilsspruch könnte die Funktionsweisen des Popgeschäfts besser illustrieren als der Aufstieg, die Zwangspause und das Weitermachen von Kesha Rose Sebert.



© Sub Pop/Cargo

Downtown Boys – Cost Of Living (Sub Pop/Cargo)

Kann man eine Mauer abreißen, die noch gar nicht gebaut wurde? Für Downtown Boys aus Providence, Rhode Island, wäre diese Frage viel zu theoretisch gedacht. Die Musikerinnen und Musiker mit lateinamerikanischen Wurzeln sind Bauch- und Kopf-durch-die-Wand-Menschen. Mit klassischer Rock-'n'-Roll-Aufstellung, erweitert um Saxofon und Tuba, stampfen sie Songs aus dem Boden, die schon nach kurzer Zeit unter Gitarrenkrach und anderem Getöse in sich zusammenstürzen. Aufrütteln, Dagegensein und Kaputtmachen: Für Downtown Boys sind das die obersten Bürgerpflichten einer Punkband.

Ihr zweites Album Cost Of Living beginnt mit dem Song A Wall, der sich gegen präsidiale Baupläne entlang der US-amerikanisch-mexikanischen Grenze und die Mittäterschaft einer Gesellschaft richtet, die schon einmal den Mörtel anrührt. Könnte diese grandiose Kompakthymne auch von Bruce Springsteen stammen? Natürlich – wenn man ihm Anwesen, Vermögen, Familie und Zuchtpferde wegnähme. Downtown Boys springen weiter zum Aufbegehren gegen weiße Hegemonie und Gefängnisindustrie, Polizeigewalt und Bro-Kultur, stets atemlos und mit rechtschaffener Wut in Szene gesetzt. Lösungen bleiben aus, aber die Truppenmoral steigt. Reagan-Punk für die Ära Trump.



© Static Shock / Cargo

Sheer Mag – Need To Feel Your Love (Static Shock/Cargo)

Erinnert sich noch jemand an Kings Of Leon? Lange bevor die Großfamilie Followill aus Tennessee über Eheverträge, Haarausfall und Mehrzweckhallen-Catering so sehr verzweifelte, dass sie mit der Hitsingle Sex On Fire die Bierzelttoiletten der Welt zu erogenen Zonen erklärte, war das eine ehrenwerte Southern-Rockband. Vital, agil, wirklich voll im Saft – genau wie Sheer Mag heute. Der Band aus Philadelphia verdanken wir ein kleines Classic-Rock-Revival mit gespreizten Beinen, Gitarrensoli, Powerchords und brünftigem Rockröhrengesang. Das mag jetzt anders klingen, ist aber gar nicht schlimm.

Need To Feel Your Love folgt als Debütalbum auf drei Auskenner-EPs und suhlt sich 40 Minuten lang in Beispielsongs für Rockdiscos, die schon um die Jahrtausendwende dicht gemacht haben. Alles ist hymnisch, euphorisch, erfüllt von süßem Schmerz – also eigentlich nicht auszuhalten. Tina Hallady rettet aber auch die platteren Sheer-Mag-Stücke ins gelobte Land. Ihre Stimme ist Hochdruck ohne Kraftmeierei, kehlig und krakeelig, aber nie zu sehr. Hätten alle Rockbands so eine Sängerin, würden wir noch immer in den siebziger Jahren leben. Und nichts vermissen.



© Republic/Universal

Aminé – Good For You (Republic/Universal)

Bleiben wir noch einen Moment auf der Toilette und begrüßen dort den Rapper Adam Aminé Daniel aus Portland. 182 Millionen YouTube-Streams hat dessen Gutfühl-Single Caroline in den vergangenen 17 Monaten gesammelt. Letztes Jahr war sie ein Sommerhit, dieses Jahr ist sie schon wieder einer. Hinzu kommt nun Good For You, das Debütalbum von Aminé, auf dem es ebenso vergnügt weitergeht. Ein Song über Sex mit den Spice Girls bleibt jugendfrei, das folgende Shut The Fuck Up säuselt Aminé mit einem Grinsen so breit wie die Westküste. Gott im Himmel, ist der Typ süß!

Aber natürlich: Aminé kann auch sauer. Als er Anfang des Jahres in der Tonight Show von Jimmy Fallon auftrat, erweiterte er Caroline um eine Anti-Trump-Strophe und klang plötzlich so gutbürgerlich erbost wie sonst nur Chance the Rapper. Good For You versteckt diese Seite des Künstlers etwas zu gut hinter Klimper- und Kullerbeats, höflichem Aufschneidergetue und elastischem Selbstzweck-Rap. Den Ernst des Lebens hebt sich Aminé für die zweite Amtszeit des Präsidenten auf. Bis dahin genießt er den Sommer, solange es ihn noch gibt.