Schöne Grüße von David Bowie! 20 Monate nach seinem Tod kontrolliert der Unsterbliche noch immer das Popgeschehen. Nicht nur sein Abschiedsalbum Blackstar erwies sich als bleibender Ideengeber, auch die Rückkehr von LCD Soundsystem brachte Bowie mit auf den Weg. Nach drei Platten, die stilprägend waren für Sound und Haltung der New Yorker Tanzmusik im vergangenen Jahrzehnt, hatte LCD-Impresario James Murphy seine Band im April 2011 aufgelöst. Lieber wollte er ungestört Kaffee und Wein trinken, als zum Onkel der Szene zu werden. Dann erklärte ihm Bowie, welch ein Quatsch diese Entscheidung war. LCD Soundsystem kehrten im Dezember 2015 zurück – und Murphy wurde, was er niemals sein wollte: ein Rockstar mittleren Alters.

Auf dem Höhepunkt ihres Schaffens waren LCD Soundsystem eine Stadionrockband ohne Breitbein-Gitarren, Led Zeppelin in Discoschuhen. Wie alle guten Stadionbands beschworen sie eine Stimmung zwischen Ekstase, Exzess und süßer Melancholie herauf. Dabei setzten sie auf die Macht des Vertrauten: Mit zitatreichen Songs und stets zitierfähigen Texten inszenierten LCD Soundsystem ein Ratespiel für Rock'n'Roll-Besserwisser. Wer erfand diesen Synthie-Sound? Wo kam jenes Riff noch mal her? Jede richtige Antwort war zugleich Teil einer alternativen Popgeschichtsschreibung. Das Evangelium nach James Murphy.

Der inzwischen 47-Jährige ist Songwriter, Sänger, Multiinstrumentalist und Produzent, versteht sich aber nur zweitrangig als Musiker. In New York fasste der Quereinsteiger aus New Jersey als Partyschmeißer und Labelmacher Fuß: Die von ihm mitbegründete Plattenfirma Death From Above veröffentlichte ab 2001 Dance- und Punk-Singles, die einen Brooklyner Gegenentwurf zum schmuddeligen Lower-East-Side-Rock der Strokes und ihrer Imitatoren markierten. Die besten dieser Singles nahm Murphy mit LCD Soundsystem selbst auf. Andere hatten mehr Talent, er hatte die richtige Plattensammlung. Als Connaisseur und Kurator bewies er, dass Stil und Geschmack schon mehr als die halbe Miete sind.

Mit diesem Ansatz brachten es LCD Soundsystem zwar nie in ein richtiges Stadion, aber immerhin in die berühmteste Mehrzweckhalle der Welt. Am 2. April 2011 fand im New Yorker Madison Square Garden das angeblich letzte Konzert der Band statt. Noch einmal schöpfte sie aus dem Vollen ihrer Möglichkeiten: Mehr als drei Stunden Spielzeit, 29 Songs auf der Setlist, obskure und offensichtliche Coverversionen, extrafestliche und -lange Fassungen der eigenen Stücke. 18.000 Zuschauer erlebten, was es eigentlich gar nicht gibt: eine Band, die den perfekten Abgang hinlegt.

Dass LCD Soundsystem noch während derselben US-Präsidentschaft zurückkehrten und auf großer Festivaltour abkassierten, nahmen ihnen nicht nur Besucher dieser vermeintlich letzten Show übel. Mehr als andere wiedervereinte Gruppen schienen LCD Soundsystem durch die Reunion ihr Vermächtnis aufs Spiel zu setzen. Die Band, die nie eine schwache Platte gemacht und auch gängige Fortysomething-Verzweiflungstaten mit Sinfonieorchester und Expeditionen nach Afrika ausgelassen hatte, musste sich fragen, was nach dem perfekten Abgang noch kommen könnte. Die Kuh stand plötzlich wieder auf dem Eis.

Murphy formulierte sogar ein zerknirschtes Entschuldigungsschreiben an die aufgebrachten Anhänger – er habe schlicht nicht bedacht, dass sich irgendjemand betrogen fühlen könnte. Dabei ist die Rückkehr von LCD Soundsystem nur konsequent für eine Band, die immer von ihrer Kenntnis und ihrem Verständnis der Musikgeschichte lebte. Murphy weiß: Im Rock'n'Roll gibt es keine perfekten Abgänge. Große Kunst kann erst außerhalb der eigenen Komfortzone gelingen, eine richtige Band muss auch mal auf die Fresse fliegen. Das neue Album von LCD Soundsystem heißt American Dream und ist ein grandioses Fallbeispiel für diese These.