Rin will hoch hinaus, aber erst mal muss er runterkommen. Bei ihm soll Hip-Hop aus Deutschland endlich ein Stilbewusstsein entwickeln, abseits von Unterhemden, Schlabberjoggern und Kapuzenpullis. In seinen Texten gibt es keine Versteifung auf Technik, Wortspiele und abgekaute Vergleiche, stattdessen großes Lockermachen. Reime wie Glückstreffer, leichtes Lallen, null Toleranz für Versmaß und schwache Silben. Worüber rappt Rin? Über die Liebe – zu Frauen, Freunden und Textilien. Kritische Frage nur, jetzt da sein Debütalbum Eros erscheint: Wie viel kriegt der Typ eigentlich mit von seiner Mission?  

Eros beginnt mit einer ultrasüßen Hasstirade. Säuselsingsang, Auto-Tune, Frank-Ocean-Musik. Kein Beat, softer Bass. Rin hat Beziehungsprobleme. Oder jemand hat ihn an der X-Box abgezockt oder beim Klamottenshoppen überboten oder sein Handy funktioniert nicht mehr richtig. Jedenfalls: Es wühlt etwas in ihm wie einst im irren Dichter Jakob Michael Reinhold Lenz. Rin steigert sich rein in die Sache, und, wie gesagt: Drauf ist er auch bis zum Gehtnichtmehr. Letzte Worte, kurz vor Delirium: "Es nimmt alle meine Werte, mein' ganzen Glauben / Der Hass tut mir alles rauben." Was war noch mal mit Deutsch-Rap?                                                                                          

Mit Deutsch-Rap war, dass er zuletzt herumeierte wie Angela Merkel im Wahlkampfmodus. Immer bemüht um volle Kontrolle, kaum aus der Reserve zu locken, angriffslustig nur gegen weiche Ziele. Rin ist nicht zuletzt deshalb Phänomen und Original, weil er diesem Treiben etwas entgegensetzt. Durch Hartalk und hartes Fühlen führt der Rapper aus dem Schwabenland einen Dauerzustand des Kontrollverlusts über Zunge, Grammatik und Hormonspiegel herbei. Sehnen, Hadern, wunderbare Selbstqual ­– "Komm in meine Seele und verderb mich", heißt es an einer Stelle. Dabei ist Eros so überauthentisch und -emotional, dass die Jan-Böhmermann-Parodie praktisch schon mit drinsteckt. Auf YouTube klickt sich das gerade millionenfach.

Neben einigen hübschen Poservideos kursieren im Zusammenhang mit Rin vor allem zwei streitbare Behauptungen. Erstens: Rin ist ein Dada-Rapper. Darauf könnte man wegen seines spektakulär hirnrissigen Looks kommen, einer Mischung aus Berliner Barista und Backgroundtänzer bei der Band Bilderbuch. Mit Willkür, Zufall und Verwirrungsstiftung haben seine Texte jedoch nichts zu tun. Vielmehr benennt Rin auf Eros ganz genau, was Phase ist: "Mein iPhone-Handybildschirm ist gekracht / Übel teuer / Kein Highspeed-Internet, ich bin gedrosselt / Scheiß Vodafone." Kennt jeder, kann jeder mitfühlen. Rin ist nicht gesellschaftsfeindlich wie Dada, er ist vertonter Volksschmerz. 

Die zweite Behauptung: Rin ist ein Cloud-Rapper. Kleine Auffrischung dazu: Obwohl der Begriff aus den USA stammt, gilt Cloud-Rap als letzte neuartige Erscheinung im deutschsprachigen Hip-Hop. Ein Haufen niedlicher Hühnerbrüste – allen voran Yung Hurn aus Wien und LGoony aus Köln – erschuf einen Rap-Stil ohne viel Reim und Rhythmus. Es ging um den Stoff, den man intus hatte, und das Geld, das noch zu verdienen war. Hinzu kam grob skizzierte Musik, die zwischen US-Südstaaten-Trends und Kanye Wests Robo-R-'n'-B-Platte 808s & Heartbreak verhungerte. Das Berliner Künstlerkollektiv Live From Earth verlieh den Cloud-Rappern mit seinen Low-Budget-Videos eine einheitliche Ästhetik. Im Feuilleton fühle man sich nicht zu unrecht an Punk erinnert.