© Midira Records

thisquietarmy: Democracy of Dust (Midira Records)

Genug mit den singenden Saisonsofties, her mit der harten Dröhnung! Schon als Gitarrist der Postrock-Shoegaze-Band Destroyalldreamers machte Eric Quach deutlich, dass es sich ausgeträumt hat. Auch allein unter dem Alias thisquietarmy brachte es der im Brotjob als Ingenieur tätige Musiker aus Montreal bereits auf mehr als 20 kurze und lange Platten mit elektronischen Drones und Ambient-Sounds. Auf dem neuen Album zerbröselt er die Demokratie zu Staub – oder errichtet sie neu aus Staub? Deutungsoptionen bieten Titel wie Transhumanism, Post-Truth, A World Without Power und Nobody's Free Until Everyone's Free.

Der Projektname thisquietarmy geht laut Quach zurück auf eine Songzeile der Postrock-Legende Godspeed You! Black Emperor, die schärfsten Nonkonformisten der Montrealer Musikszene. Und da rollen und schieben sie los, die rastlos im finalen Loop wummernden Bässe, und begrüßen die Verlogenheit: Welcome To Mendacity. Der Krautrock-Alien ist eine funky Maschine und lässt einen vor den Klippen kalter E-Pianocluster unter säuresprühenden Synthesizern erschauern. Nach dem Abtauchen in den Gitarrenlärmwall führen nur ein paar Haunted Beats zurück an die Oberfläche. Im Track New Home Of Mind gleiten die zerdehnten Drones wie in Vogelperspektive dahin, auf dem Cover ist eine Luftaufnahme von São Paulo zu sehen, der bevölkerungsreichsten Metropole der Südhalbkugel. Abheben, aber nicht abhauen, das scheint die Botschaft zu sein. Visionen für die Unbezähmbaren unter den Widerspenstigen.



© The Helen Scarsdale Agency

Ekin Fil: Ghosts Inside (The Helen Scarsdale Agency)

Persönliches Schicksal verschwindet nicht einfach, wenn drumherum die politische Lage bedrohliche Szenarien schafft. Ekin Fil, mit bürgerlichem Namen Ekin Üzeltüzenci, lebt in Istanbul, und sie liebt das Shoegazing ihrer musikalischen Vorbilder Cranes, Cocteau Twins und Slowdive. Mit dem passenden Arsenal an Verzerrerpedalen und Effektgeräten sowie der Erfahrung einiger Veröffentlichungen im Drone-Rock-Untergrund verarbeitet sie auf Ghosts Inside schlimme Erlebnisse wie die Krebserkrankung ihres Vaters und eine gescheiterte Liebe. Im Echohall wispernder Stimmen, zwischen verfremdetem Pianozirpen und verwehten Keyboardklängen, lässt sie ihre Poesie der Verzweiflung irrlichtern, beschwört mit gehauchten Gesangskaskaden die kaum zu fassenden Geister im Inneren. Aus der Dekonstruktion erwächst Empathie wie etwas Ätherisches, ihre Trauerbewältigung heischt nicht nach Mitleid. Damit schließt Ekin Fil die aktuelle politische Situation in der Türkei bewusst aus, den Hörer aber umso mehr ein – in die Selbstehrlichkeit ihrer zärtlich aufgerauten Kunst.

 


© Full Time Hobby

Katie Von Schleicher: Shitty Hits (Full Time Hobby)

Ein paar Drones und etwas Noise knuspern auch an Katie Von Schleichers schwermütigen Rockballaden. Mit verletzlichem Sirenengesang und dem nostalgisch verwaschen misstönenden Piano pustet sie schwarzen Punkfeenstaub über die elf Songs ihres zweiten Albums, die natürlich weder Hits noch shitty sind. Nur das Leben selbst ist shitty, wie die Dramen über Ängste und äußere und innere Isolation darlegen. Ihr Debüt hatte die New Yorker Songwriterin vor zwei Jahren beim Label BaDaBing Records, auf dem auch Beirut und Sharon Van Etten veröffentlichen. Dazu passt der unabsichtlich verschrobene Name Von Schleicher ebenso wie die zittrig verzerrte E-Gitarre, der kratzig schlurfende SloMo-Bass und die Percussion, die klingt, als würde jemand im langsamen Weglaufen mit langen Armen ein Standschlagzeug tätscheln. Noch ein letzter müder Streich, das muss reichen. Die grobmotorische Country-Melancholie entfaltet in Sell It Back etwas Anrührendes und Reizvolles, zur anderen Seite schlägt das Pendel aus im stereotyp popmelodischen Paranoia, das irgendwo zwischen Hit und Gegenentwurf versackt.


 

© Domino

Avey Tare: Eucalyptus (Domino)

Ein irrer Trip durch hawaiianische Morgenröte und kalifornische Abendsonnenglut, surrealen Folk und psychedelische Tropicália. Das zweite Solowerk von Avey Tare alias David Portner ist schräger und unberechenbarer als so manche der elektroakustischen Experimente mit seiner Formation Animal Collective. Begleitet von Flöten, Klarinetten, Hörnern, Psalter, Zither, Oboe, Fagott, Trompeten und Geigen sieht man sich abwechselnd in schillernde Tagträume und imaginäre Filmszenen à la David Lynch versetzt. Eben noch verkündet Season High mit sachtem Saitenzupfen und Hippieengelschören den Sommer, schon schlägt das warme Schluchzen der Pedal-Steel-Gitarre um ins gefährlich Manische. Derweil droht die Akustikgitarre im Pizzicato, und nervöse Trommelfinger klopfen tribalistische Geister herbei. Epische Quasselpopsongs wuchern mit kurzen Hörspieleinlagen urwaldartig umeinander, das Blattwerk flirrt. Wie der Eukalyptus im Albumtitel, mit seinen trügerischen Lichteffekten zwischen silbrig und blau. Der Weird Folk eines Devendra Banhart erscheint verwandt, doch melodieselige schläfrige Sanftmut ist Avey Tare nicht genug. Er schürt mit seinem Gesang wie in When You Left Me stets die Erwartung, seine Stimme könne unvermittelt laut und roh werden und Emotionen über den Siedepunkt treiben.