Es war 1988, als der Technologiehersteller Sony die Plattenfirma Columbia Records kaufte. Das japanische Unternehmen, das bis dahin vor allem Audiogeräte und Fernseher produziert hatte, brauchte dringend ein Musikrepertoire, mit dem es seine Weltneuheit namens Compact Disc (CD) bespielen konnte. Ein Jahr später presste Sony die letzten Vinyl-Schallplatten, die CD hatte den Wettstreit der Tonträger gewonnen. Heute ist Sony einer der drei großen, weltumspannenden Musikkonzerne und die CD im Rentenalter ihres Daseins angekommen. Welch eine Ironie der Technikgeschichte, dass die Japaner nun ankündigen, im Südwesten von Tokio wieder mit der Pressung von Schallplatten zu beginnen.

Viel hat man in den vergangenen Jahren gelesen und gehört von Vinyl-Sammlern, HiFi-Nerds und Rillenjunkies, aber dass das schwarze Gold jemals wieder einen ernstzunehmenden Marktanteil erringen könnte, erschien doch unwahrscheinlich. Tatsächlich wurde mit Vinyl 2016 ein weltweiter Großhandelsumsatz von rund 560 Millionen US-Dollar erwirtschaftet, das sind 23,5 Prozent mehr als im Vorjahr. Vinyl bestreitet in den USA mehr als ein Viertel des Umsatzes des Tonträgermarktes. In Deutschland hat sich der Umsatz zwischen 2008 und 2016 verachtfacht, es wurden im vergangenen Jahr LPs im Wert von 70 Millionen Euro verkauft. Die CD bleibt allerdings mit einem Gesamtumsatz von 860 Millionen Euro in Deutschland das ökonomisch relevanteste Musikformat. Die Einnahmen aus Downloads (604 Millionen Euro) und Musikstreaming (385 Millionen Euro) stehen weit dahinter zurück. Die Schallplatte ist hierzulande ein reines Nischenprodukt mit einem Marktanteil von 4,4 Prozent.

Die Nische ist weltweit aber groß genug, um ökonomisch relevant zu sein. Bei steigender Nachfrage kämpfen die Plattenfirmen schon seit einiger Zeit gegen Produktionsengpässe. In Deutschland gibt es nur wenige Plattenpresswerke, wie beispielsweise die B.R. Productions & Packaging GmbH in Görlitz, die noch weitere Kapazitäten zur Verfügung stellen können. So weichen vor allem die Major-Labels ins Ausland aus. Universal, Warner und Sony kaufen Presskapazitäten im großen Umfang auf, was wiederum die Indie-Labels mit ihren kleineren Auftragsvolumina benachteiligt. Wer heute Vinyl-Pressungen von weniger als 500 Stück in Auftrag geben möchte, wird bestenfalls milde belächelt.

Die GZ Media im tschechischen Loděnice bei Prag, die nach eigenen Angaben das weltweit größte Plattenwerk betreibt, stellt mit rund 1.400 Mitarbeitern im Dreischichtbetrieb täglich 65.000 Stück Vinyl-Schallplatten her. Neben den alten Pressen, die noch aus den 1960er und 1970er Jahren stammen, wurden in den vergangenen Jahren neue vollautomatische Pressen konstruiert, weil für die alten Geräte schlicht die Ersatzteile fehlen. Dennoch kommt man mit der Erfüllung der Bestellungen nicht nach. Während ein Label vor einigen Jahren nur ein paar Wochen auf die Auslieferung der Scheiben warten musste, sind es mittlerweile mehrere Monate – ein untragbarer Zustand für ein trendabhängiges, hitgetriebenes Business, das kurz nach dem Veröffentlichungstermin einer neuen Aufnahme Einnahmen generieren muss. Da ist es nur konsequent, dass Sony sich von externen Presswerken unabhängig machen und im Frühjahr 2018 wieder eine eigene Fabrikation eröffnen will.

Technisch hat sich seit 1989 freilich einiges getan, deshalb beschränken sich auch europäische Hersteller nicht auf alte Methoden. Ausgerechnet die Digitaltechnologie könnte der analogen Schallplatte zu weiterem Wachstum verhelfen. Der im österreichischen Tulln ansässige Digitalmusikvertrieb Rebeat entwickelt in einem Joint-Venture mit Joanneum Research in Graz die HD-Vinyl-Schallplatte mithilfe von Lasertechnologie. Während Kenner historischer Vinylaufnahmen deren breites Klangspektrum loben, ist in Zeiten digitaler Musikstudios zu bedenken, dass so gut wie alle digitalen Tonaufnahmen stark komprimiert sind und sehr hohe und sehr niedrige Frequenzen einfach wegschneiden. HiFi-Fans hätten demnach nichts gewonnen, wenn man nun lediglich digitale Aufnahmen auf Vinyl pressen würde. Um den Unterschied zwischen CD und neuer Schallplatte überhaupt hörbar zu machen, müsste man eigentlich die gesamte Aufnahmetechnik verbessern.

Die Rückkehr zum Vinyl mag zunächst wie ein Anachronismus wirken, dabei ist sie doch eine logische Konsequenz der digitalen Revolution in der Musikindustrie. Jede technologische Veränderung erzeugt nicht nur die Nachfrage nach dem Neuen, sondern fördert auch die Besinnung auf Altbewährtes. Der Zugriff auf schier grenzenlose Mengen von Musik über Download- und Streamingservices, denen aber niemand mehr habhaft wird, erweckt den Wunsch nach haptischem, analogem Musikkonsum.

In Ländern, deren digitale Transformation des Musikmarktes abgeschlossen ist, fällt der Umsatzzuwachs im Vinyl-Segment besonders stark aus. Musikstreaming hat in Schweden einen Marktanteil von rund 84 Prozent; der Vinyl-Umsatz 2016 ist im Vergleich zum Vorjahr um 39 Prozent gewachsen und liegt noch vor den Musikdownloads. In Norwegen sieht es ganz ähnlich aus.

Die digitale Revolution hat also nicht nur zum Siegeszug des abonnementbasierten Musikvertriebsmodells geführt, sondern gleichzeitig auch ihre Antithese in Form des Vinyl-Booms hervorgebracht. Sicherlich ist es eine relativ kleine Schicht begeisterter Hörer, die diesen Boom trägt. Wann deren Verlangen gesättigt sein wird, vermag niemand zu sagen. Vielleicht wächst gerade die neuste Gegenkultur zu Streaming und Vinyl heran.