© False Idos

Tricky – Ununiform (False Idols)

Stockdunkel ist das neue Album von Tricky, stockdunkel ist auch dessen Cover. Stockdunkel ist schließlich alles am Alter Ego von Adrian Nicholas Matthews Thaws, der dem freudlosen Trip-Hop einst eine Extraportion Trübsinn verpasst hat. Jetzt aber scheint Tricky Licht am Ende des Tunnels zu sehen. Eher ein zartes Schimmern als gleißenden Sonnenschein, aber keine Frage: Das zwölfte Album ist von allen das hellste. Noch immer besingt der Waisenjunge aus Bristol zwar alles, was ihm das Leben nach dem frühen Suizid der Mutter verhagelt hat. Doch mithilfe einer Riege russischer Produzenten und Rapper, die bei der Herstellung in Moskau am Werk waren, wirkt Ununiform geradezu gelöst. Blood on my Blood zum Beispiel oder Dark Days mögen wie so viele seiner Songs eher rhythmisiertes Hintergrundrauschen sein als Melodien für Millionen; stets herrscht darin minimalistisches Nichts in Moll, ständig flehen vereinsamte Tonfetzen um Gesellschaft. Doch all seine Worte über Familiendramen und den Tod wirken, als blicke er diesmal nach vorn und ließe seine Dämonen zurück. Tricky macht seinen Frieden mit sich. Und wir können dabei zuhören, ohne in uns zusammenzufallen. Endlich.



© Dead Oceans

Phoebe Bridgers – Stranger in the Alps (Dead Oceans)

Hell ist das erste Album von Phoebe Bridgers, hell ist auch dessen Cover. Hell ist vor allem die Stimme der Sängerin. Den Alternativefolk ihres Debütalbums als unbedingt lebensbejahend zu bezeichnen, wäre dann aber doch zu oberflächlich. Phoebe Bridgers war noch ein Teenager, als Ryan Adams vor zwei Jahren auf ihre erste Single Killer aufmerksam wurde und begann, die Platte Stranger in the Alps mit ihr aufzunehmen. Und Melodramatik ist ja durchaus ein jugendliches Gefühl. Melodramatik ist es daher auch, die ihre Lyrik hauchzart durchwirkt, mit Worten voller Sehnsucht, Selbstzweifel und Schwermut. Alles gern garniert mit tröpfelndem Hintergrundpiano oder einer Geige, die im Eröffnungsstück Smoke Signals den dünnen Gitarrenvorhang gleich mal wie ein laues Lüftchen aufwirbelt. Trotzdem klingt das Album nie getragen, geschweige denn pathetisch, dafür selbstbewusst, aber nie abgebrüht. Damit hat sie es immerhin zum Support von Conor Oberst gebracht und in mehrere Soundtracks bekannter Fernsehformate. Da wächst etwas heran im Sommersonnenschein.



© Dead Oceans

Beliefs – Habitat (Dead Oceans)

Shoegazing war schon immer ein Missverständnis. Zwar wird oft kolportiert, diese schwelgerische Variante des Postrocks heiße so, weil die Musiker sich aus Schüchternheit auf die Füße schauten anstatt ins Publikum. Dabei senkten sie ihren Blick, weil ihre ausufernden Gitarrenteppiche größter Konzentration bedürfen. Beim kanadischen Shoegaze-Duo Beliefs ist Konzentration auf jeden Fall vorrangig. Auf dem neuen Album nämlich mischt sich weit mehr technoides Raunen ins analoge Klanggewebe als auf den vorherigen Platten. Das macht Habitat experimenteller, expressionistischer, radikaler, trotz der verstörenden Noise-Elemente aber auch interessanter und dabei überaus hörbar. Dennoch legen es Jesse Crow und Josh Korody im Grunde nicht mehr auf Hörbarkeit an. Der Popappeal früherer Tage wird so lang ins Stahlbad des Industrial getaucht, bis alles nach einem Mix aus Sonic Youth und Aphex Twin klingt, den Jesse Crows angenehmer Sopran regelmäßig zurück auf den Boden der Eingängigkeit holt. Sollte das der Plan gewesen sein, ist er gelungen. Dennoch: Habitat ist definitiv eher etwas für Alternativefans als für scheue Shoegazer.



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Jordan Rakei – Wallflower (Ninja Tune)

Ninja Tunes, eines der angesehensten Independentlabels überhaupt, ist nicht unbedingt bekannt für sein Soulportfolio. Von London aus geht ja gemeinhin eher elektronische Avantgarde um die Welt als sentimentale Geschmeidigkeit. Es gibt also nur zwei Gründe, warum Jordan Rakei den Nachfolger des selbstveröffentlichten Debütalbums Cloak bei Ninja Tunes veröffentlichen könnte: Sein Soul ist weder sentimental noch geschmeidig oder aber digitaler als im vorwiegend analogen Genre üblich. Die Auflösung wirkt überraschend und einleuchtend zugleich: Die Aura, vor allem aber der Gesang auf Wallflower ist vielfach bis zur Rührseligkeit gefühlig. Der Multiinstrumentalist aus Neuseeland unterfüttert allerdings fast jede seiner elf Kompositionen mit so eleganten elektronischen Spielereien, dass daraus – ergänzt durch Virtuosen von Rock bis Jazz – vielschichtiger Synthsoul entsteht. Schon das erste Stück Eye to Eye wandelt sich nach etwas warmem Gitarrengeklimper über atonale Bridges hinweg zu einer Art Free-R-’n’-B mit unterschwelligem Bassraunen. Sein Heil findet er nicht in Harmonie, sondern in Verstörung. Rakeis Seelensound gleicht somit einer Psychoanalyse im Partykeller: Tiefgründig, aber elegant und tanzbar.



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Cold Specks – Fool's Paradise (Arts & Crafts)

Als Ladan Hussein unter dem Namen Cold Specks vor fünf Jahren ihr Debütalbum veröffentlichte, war es ein medizinisches Phänomen, dass die Kritik so geschlossen euphorisiert war vom Sound der Kanadierin. Normalerweise hätte das hauchzarte Gespinst aus Trip-Hop und Wavepop im Lärm seiner Zeit verhallen müssen. Stattdessen sorgte es für einen der wärmsten Schauder des Frühlings 2012. Jetzt bringt Al Spx, wie sie sich auch nennt, ihr drittes Album heraus. Auch Fool’s Paradise verliert sich bisweilen in schwelgerischer Entrücktheit, als flüchte Cold Specks vorm eigenen Mut, ins Rampenlicht zu treten. Kraftvolle Songs wie das leichtfüßige Wild Card oder der sonore Soul von New Moon stehen aber für neue Energie im Schaffen von Ladan Hussein. Angeblich liegt das an ihrer Auseinandersetzung mit der eigenen Familiengeschichte im Bürgerkriegsland Somalia, wo ihr Vater dem Elend mit aufsässiger Musik getrotzt hat. Für Cold Specks war diese Begegnung offenbar Erinnerung und Auftrag zugleich – um ein Album zu machen, das von der  Suche nach der eigenen Identität erzählt. Ladan Hussein ist fündig geworden. Sie scheint darüber nicht unglücklich zu sein.