Allen Versuchen zum Trotz ist es Angela Merkel auch in ihrer dritten Amtszeit nicht gelungen, die Politik abzuschaffen. Das politische Sendungsbewusstsein der deutschen Popmusik hat sie jedoch kleingekriegt. Wie ein Hund und sein Frauchen sind sich Kanzlerin und Musikschaffende im Laufe der Jahre immer ähnlicher geworden. Sie fährt ihren optimistisch voranfloskelnden Regierungsstil. Der Pop antwortet mit Liedern, die den zugehörigen Lebensstil zwischen Ego-Streichelei und völliger Ruhigstellung besingen.

Der politischste Pop im Land ist schon seit Längerem derjenige, der sich als unpolitisch ausgibt. Er wird von Helene Fischer gemacht, von den Star-DJs der EDM-Szene und einer großen Koalition aus Songwriter-Schwiegersöhnchen, die nur sehr genügsame oder gemeine Eltern ihren Kindern an den Hals wünschen könnten. Mark Forster, Tim Bendzko, Andreas Bourani: Deutschland ist das Wasserglas, in dem diese Schlaftabletten sich selbst und jedes Potenzial zur Unruhestiftung auflösen. Ihr Erfolg beruht darauf, immer da zu sein, aber nie im Weg zu stehen. Ihre Musik sollte auf rautenförmigen Tonträgern erscheinen, denn ihre Botschaft ist ein unbeirrbares "Läuft doch bei uns".

Während sich Teile der Gesellschaft auf Nationalismen besinnen und Neonazis in den Bundestag einziehen, feiert der Mainstream der deutschen Popmusik ein Land, das es gar nicht mehr gibt. In unzähligen Beruhigungs- und Bekräftigungsliedern beschwört er seine Ideen von Identität und Zusammenhalt. Mit der neuen hellblauen Hässlichkeit hat dieser Pop nichts zu tun – vielmehr ist er hängen geblieben auf der Partylaune des schwarz-rot-geilen WM-Sommers 2006. Was vor elf Jahren als vermeintlich weltoffener Patriotismus und lässiger Umgang mit geschichtlicher Altlast durch die Innenstädte hupte, lebt heute auf Festivals weiter, die allen Ernstes Namen tragen wie Fritz Deutschpoeten und mit öffentlich-rechtlichem Sponsoring "herausragende deutschsprachige Künstler" präsentieren.

Wandergitarre ins Nirgendwo

Dazu gehörten dieses Jahr: Jennifer Rostock, die als gute Wutbürger immer dann mit steilen Vorschülerthesen zu AFD, Sexismus und Selbstermächtigung um die Ecke kommen, wenn sich dadurch neue Aufmerksamkeit für ihren Proll-Rock generieren lässt; Madsen, vier Mittdreißiger aus dem Wendland, die bei Konzerten mit Hinsetz- und Mitklatschspielchen über die Inhaltsleere ihrer Songs hinwegtäuschen; der ehemalige Hardcore-Rapper Prinz Pi, heute wortreich unterwegs zwischen Babysegen, Kallax-Regalwand und vollendetem Spießerglück; sowie nicht zu vergessen Philipp Poisel, der ewig untröstliche Romantiker, die Wandergitarre ins Nirgendwo.

Deutschlands erfolgreichste Popmusiker treffen sich bei solchen Veranstaltungen zum Gruppenkuscheln und tasten ihre Seelen auf letzte Restbefindlichkeiten ab. Man sieht sich das an und könnte glauben, das größte Problem des Landes sei das ausbaufähige Liebesleben irgendeines Liedermachers. Tut keinem weh, bringt aber auch niemanden weiter. Denn eine widerständige Haltung oder gar ein Gegenentwurf zum Zeitgeist der Abschottung und Einigelung lässt sich daraus nicht entwickeln. Dafür müsste die deutsche Popmusik das schwarz-rot-geile Selbstverständnis und die Fixierung auf alltägliche Wehwehchen ablegen, mit denen sie in den letzten Jahren so komfortabel gefahren ist. Sie müsste aus ihrem Merkel-Schlaf erwachen und in die Opposition gehen.

"Du bist ein Held. Lass Dich führen"

Stattdessen steigt am 2. Oktober das Coca-Cola Festival der Einheit um, semantisch leicht verwirrend, "die musikalische und kulturelle Vielfalt Deutschlands" zu feiern. Mark Forster ist hier unvermeidlich, aber auch Mensch gewordene YouTube-Filmchen wie Mike Singer und DieLochis bemühen sich vors Brandenburger Tor, um den Leuten zu versichern, dass weiterhin alles fit ist im hiesigen Schritt. Nicht nur das Bessere-Zeiten-Feeling des sogenannten Sommermärchens setzt sich bei der vorab angedrohten "Entdeckungsreise durch die Republik" fort. Sogar der Gut-und-gerne-Wahlkampf der CDU geht hier zombiegleich weiter.

Wer aber guckt sich das an? Voraussichtlich ein paar Tausend Mitbürger, denen der Sinn nach Softdrinks und softer Weltbildbestätigung steht. "Ich bin ich auf meine Weise", wird ihnen die Band Glasperlenspiel zurufen. "Manchmal laut und manchmal leise." Und dann Mark Forster: "Weil ich immer was such und immer was fehlt / Obwohl es eigentlich gut ist und eigentlich geht." Wem das zu viel "eigentlich" ist, bleibt der zuckerbrotsüße Einpeitscher Mike Singer: "Sei nur du selbst! / Lass dir nichts einreden! / Du bist ein Held! / Lass dich führen! / Heb ab, leg los! / Glaub an dich, denn du bist grandios!"

Es fehlt die Strahlkraft

Bisher war diese Aufrechterhaltung des schönen Scheins lediglich ignorant. Vor dem Hintergrund jüngster Ereignisse und Wahlergebnisse ist sie ab sofort auch fahrlässig. Wer auf "weiter so" und "wird schon" beharrt, muss sich vorwerfen lassen, regressiven und weltabgewandten Stimmungsmachern in die Karten zu spielen. Wer vor klaren Positionen zurückschreckt, weil sich unschöne Gräben im eigenen Fanlager auftun könnten, nimmt durch sein Schweigen die fortschreitende Vergiftung des gesellschaftlichen Klimas in Kauf.

Mark Forster wird seinen Kopf trotzdem nicht in den Wind halten, sonst könnte ja die Mütze wegfliegen. Auch mit Helene Fischer ist bis auf Weiteres nicht zu rechnen: Deutschlands beliebteste Sängerin hat den Schützenfestschlager ihres Frühwerks zwar längst für internationale Einflüsse geöffnet, kommt aber nicht recht von dessen Weltbild weg. Die schwächelnden, von Liebe und Leben überwältigten Frauenrollen, auf die ihre Songs zuletzt wieder zurückfielen, hätte auch Jürgen Drews nicht besser in einen Sangria-Eimer jodeln können.

Natürlich: Es gibt Schlimmeres

Der Sehnsucht nach einer gesellschaftlich aussagekräftigen Popstimme tut die Lethargie der großen Namen keinen Abbruch: Sie zeigt sich in den überbordenden Reaktionen auf das Lied Sommer '89 (Er schnitt Löcher in den Zaun), das die Hamburger Band Kettcar zum 56. Jahrestag des Mauerbaus veröffentlichte. Fünf Minuten lang krebst der Song über Deutschlands eigene Flüchtlingsgeschichte ereignisarm voran. Der Sänger Marcus Wiebusch rezitiert einen ausführlichen Text, auch sein angeschlagener Nachrichtensprecherton kann eine gewisse Rührseligkeit nicht verhehlen. Juli Zeh urteilte: "Ein Song wie gute Literatur."

Kettcar gelten als gutes Gewissen der deutschen Einmischmusik, und Sommer '89 ist ein Song für ihre linksalternative Blase. Seiner Empörung haftet etwas Pflichtschuldiges an, weil mit ihr Gitarren erklingen, die niemanden herausfordern wollen und selbst nicht an ihr umstürzlerisches Potenzial zu glauben scheinen. Ein generelles Problem für den sendungsbewussten Pop des Landes: Meistens reicht es für die Schulterklopfer der Weggefährten und bereits Bekehrten. Darüber hinaus fehlt jedoch die Strahlkraft.

Um daran zu arbeiten, gibt es seit dem letzten Jahr den Preis für Popkultur, ins Leben gerufen von einer breiten Allianz aus Musikern, Musikunternehmern und Musikjournalisten. Während die alteingesessene Industrie bei der alljährlichen Echo-Verleihung die ertragreichste Musik des Jahres prämiert und zugleich den aktuellen Stand ihrer Merkbefreitheit präsentiert, will der neue Preis alles besser machen. Eine Fachjury kürt die Gewinner, unabhängig von Verkaufszahlen und Lobbyarbeit. Bei einem ungezwungenen Galaabend dürfen sich alle Anwesenden mit dem gleichen Alkohol betrinken.

Dennoch verfehlt der Preis für Popkultur bisher sein anvisiertes Ziel. Als erklärter Anti-Echo schießt er sich auf eines der weicheren Feindbilder ein, die der deutsche Musikzirkus hergibt – und kann doch keine schlüssige Gegenposition einnehmen. Der Preis illustriert nicht die Unterschiede zwischen der vermeintlich aufrechten Popmusik des Landes und ihren Coca-Cola-Kollegen vom Brandenburger Tor, sondern die Gemeinsamkeiten der Lager. Beide brauchen die vorzeigbare Bestätigung für ihre erbrachten Leistungen. Beide sind immer dann am besten, wenn sie sich selbst feiern können. Natürlich: Es gibt Schlimmeres. Gerade darin liegt doch das Problem.