© I/AM/ME

Maya Jane Coles: Take Flight (I/AM/ME)

Weibliche DJs kämpfen nach wie vor oft an einsamer Front in der Männerdomäne. Doch Maya Jane Coles steht da ziemlich cool drüber, nur als DJane sollte man sie nicht bezeichnen, das zeugt von großer Ahnungslosigkeit und verniedlicht die Arbeit von Frauen.

Die Londonerin mit japanischen Wurzeln ist neben Ellen Allien, Magda und Miss Kittin bei Billboard unter 25 Female DJs You Need to Know Now gelistet, sammelte seit ihrem Senkrechtstart vor sieben Jahren reichlich Auszeichnungen, Klickrekorde und Kritikerlob und war dieses Jahr Headliner beim Coachella Festival. Ihr Albumdebüt Comfort von 2013 begeisterte jenseits der EDM-Funktionalität mit einer eigenen Sprache aus Deep House, Dubstep und Indie-Pop. Unter ihrem Schattenalterego Nocturnal Sunshine ließ sie die Bässe sogar noch ein paar Etagen tiefer am Nerv der Zeit schürfen.

Auch Take Flight entstand vom Mix bis zum Artwork und Label ganz in Eigenregie. Der ungewöhnlich paritätische Flow der 24 Tracks auf Doppel-CD braucht weder Floorkiller noch Füllsel. Einer Naturschilderung gleich breitet Maya Jane Coles zwischen psychedelischem Trip-Hop und dickflüssigen Dope-Beats klangliche Feinheiten aus, begleitet von eigenen und Gast-Vocals. Statt großer Sensationen schillern kleine Mysterien mit dem hüftweichen Groove durch die Keyboardsounds und Vocoder-Echos: Hier schöpft eine 29 Jahre junge Meisterin ihres Fachs aus dem Vollen.



© Sacred Bones

Zola Jesus: Okovi (Sacred Bones)

Sie ist wieder in die Wälder ihrer Kindheit zurückgekehrt. Nach Wisconsin, wo die Einsamkeit Zola Jesus alias Nika Roza Danilova einst über das Singen von Opernarien zum düster hymnischen Elektropop führte. Und tatsächlich, das neue Album ist noch theatralischer, schwermütiger, sakraler als alle davor. Und Teufel noch eins, ja: Das liegt auch am kolossal wuchtigen E-Schlagzeugstakkato in Rammsteinmanier. Der slawische Albumtitel Okovi kündet von den Fesseln, die ein jeder mit sich herumträgt, die Songs handeln von Tod und Freitod, von Vermächtnis, Würde, Verlust, Versöhnung. "Ich will dich nicht ausbluten lassen, kann dich nicht ausbluten lassen", schmettert die mystisch Maskierte mit ihrer tiefeninvasiven Stimme. Schwere Kost, doch sie fasziniert mit kreischenden Industrial-Gitarren im Abgang und bis zur Richtungslosigkeit zerfaserten und zerwühlten Beats. Trotz Schwachstellen wie dem zu glatten Song Remains greift die Kritik am Vorgängeralbum, Zola Jesus sei die "gediegenere Lady Gaga", hier nicht. Berauschend schlägt sich das morbide Ausbluten in den Wechseln und Brüchen zwischen Elegie und Bombast nieder.



© Warp Records

Mount Kimbie: Love What Survives (Warp Records)

Überraschung, schrille Lärmfanfaren läuten das dritte Album der sanften Dubstep-Erneuerer ein. Vier Jahre nach der letzten Platte wollen Kai Campos und Dominic Maker aussieben, Bewährtes nicht reflexartig fortführen, nur noch das lieben, was überlebt. Beim Check-up halfen Weggefährten wie James Blake, Micachu und King Krule. Der Dramatiker des Folk-Rap katapultiert in Blue Train Lines die lässige Mount-Kimbie-Melancholie in fremde Galaxien, welch poetisches Leuchten. Den Post-Punk-Beat greift das Instrumentalstück Delta wieder auf, drumherum jedoch verflüchtigt sich die Spannung in Kalimbaplingpling und Krautrockgedöns. Kai Campos soll einmal gesagt haben, Kunst sei am besten, wenn sie die Gegensätze unseres Lebens einfängt. Die Gegensätze hätten hier einen Tacken mehr Kollision und Reibung vertragen, stattdessen schaukelt Blake in We Go Home Together seine Stimmbänder und man treibt mitsamt göttlich orgelndem Synthesizer gemütlich im alten Dubstep-Fahrwasser. Es ist halt einfach zu schön im Safe Space der Stile: Autistisch tönt die Handtrommel im Gospelblues How We Got By, dem Schluss- sowie Herzstück des Albums, und Pianofingerübungen driften verloren ins Leere.



© Planet Mu

Antwood: Sponsored Content (Planet Mu)

Störgeräusche, Laufwerkrattern. Der Rechner dreht durch, wirft eigenmächtig Sprachbefehle aus. Ein Erzähler stottert in hakender Tonspur von einer "funny story". Kühl röhrende Keyboardsounds verhallen oder mutieren zu stimmhaften Fremdwesen. Stop, Memotaste: Laurie Andersons Cyborg-Pop! Nur klingt der bei Antwood alias Tristan Douglas weniger nach Song als nach Chaostheorie. Der Kanadier entwarf mit Sponsored Content ein Konzeptalbum über versteckte Werbung und co-moderierte Online-Inhalte und bettet das sperrige Thema in eine implodierende Ambient-Szenerie. Ironische Kommentare zucken in Disable Ad Blocker, The New Industry und I'm Lovin' I.T. durch teilamputierte melancholische Melodien, bevor subsonische Beatgewitter sich in die Magenkuhle drücken. Hat dieses bei aller Reflexion Urgewaltige mit Douglas' Studium der Mikrobiologie, dem Wühlen in Karbonschichten westkanadischer Mündungsgewässer zu tun? Er schreibt es eher seinen dunklen Seiten und inneren Dämonen zu. Vielleicht die wahre Urkraft aller experimentellen Kunst, in Human sprüht sie als übertrieben hymnische Kakofonie auch noch vor Witz.