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Miley Cyrus: "Younger Now" (RCA)

Was Miley Cyrus auch macht, sie macht es zu sehr. Die noch nicht ganz 25-Jährige hat in jedem Kapitel ihrer Karriere von der Übertreibung gezehrt: Als Fernseh-Star war sie so saccharin, dass sie mehrere Zuschauergenerationen mit Disney-Diabetes angesteckt hat; als Country-Patriotin hat sie die amerikanische Flagge abgeknutscht; nach dem erwachsenen Image-Wechsel wurde sie zur wandelnden Warnwerbung für zu viel Marihuana-Konsum und hat es nicht, wie ihre Disney-Kollegin Ariana Grande, beim Bunny-Kostüm belassen, sondern gleich mit Robin Thicke coitus a tergo auf der Bühne simuliert.


Das war alles schon nervig, aber nicht deprimierend: Im Gegensatz zu Justin Bieber wirkte Miley Cyrus nie völlig kopflos. Außerdem gab es da diese Unplugged-Videos, in denen sie Jolene von Dolly Parton sang und für einen kurzen Moment alles verkörperte, was an Nashville richtig und schön ist. Parton ist der einzige Gast auf Cyrus' neuem Album Younger Now, eine Rückkehr zu den Country-Wurzeln der erklärten Demokratin, die damit ihre Botschaft von – tief einatmen – Liebe und Harmonie ihren konservativen Fans von gestern nahebringen will. 

Tatsächlich ist der twang eine stete Begleitung in diesen Songs. Dass das alles trotzdem nicht nach Bro-Country klingt, liegt vor allem an Cyrus selbst, die gleichzeitig kaputt und selbstbewusst ist, die singen kann und sich in den großen Momenten auch anstrengt, um dann in anderen wieder zu zeigen, dass ihr eigentlich alles egal ist. Mal ganz vorsichtig in den Raum gefragt: Ist Miley Cyrus die weiße Rihanna?





© EMI

Benjamin Clementine: I Tell A Fly (EMI)

Die Stimme, die Stimme, grabestief und wolkenhoch. Aber sie ist nicht der Schlüssel zum Geheimnis von Benjamin Clementine, das hier enthüllt werden soll. Es ist das Cembalo, das zwischen Schauermelodie, Stummfilmgeplänkel und Chanson-Gestampfe jede Untermalung parat hält, die Clementine für seine Dramolette braucht.


Kurzzeitige Versuche, ihn als Retro-Sänger wie Michael Kiwanuka zu vermarkten, zogen nicht, so deutlich war Clementine den weirdos verpflichtet. Tom Waits ist der Besitzer des Schrottplatzes, auf dem sich Clementine bedient und aus alten Eisenrohren eine Bühne gebaut hat, auf dem er jetzt sein Varietéprogramm zum Ende der Welt präsentiert.


Die großen opernhaften Momente gelingen nicht immer, und unter der Oberfläche seiner barocken Song-Mehrakter, oft von Klavieretüden zusammengehalten, ist es etwas eisig: Clementine fliegt durch die Welt wie Bruno Ganz in Der Himmel über Berlin und betrachtet das Chaos. Wenn er am Ende den Konflikt zwischen Träumern und Barbaren beschwört, dann klingt es fast so, als hätte er seine Wette schon abgeschlossen.






© Omnivore Recordings

Linda Perhacs: I'm A Harmony (Omnivore Recordings)

Amerikanische Leben, verkündete F. Scott Fitzgerald einst, haben keinen zweiten Akt. Das Problem vergessener Musiklegenden hingegen ist eher der vierte: Was kommt nach dem einen großen Album, dem Rückzug und dem späten Ruhm? Die kurze Musikkarriere von Linda Perhacs war 1970 quasi ein Zufallsprodukt: Ein Filmkomponist hörte die Folk-Demos der Assistentin seines Zahnarzts, ließ sie ein Album aufnehmen, das aber unterging. Perhacs kümmerte sich wieder um Zahnstein, während ihr Album Parallelograms mystische Dimensionen annahm und erst vor einigen Jahren offiziell wieder veröffentlicht wurde, gefolgt von einem zweiten Album.


I'm A Harmony ist also das erste Perhacs-Album, das ohne tolle Geschichte auskommen und für sich bestehen muss. Es ist vom ersten Takt an ungeerdet, freischwebend. Manchmal verliert es sich in der Suche nach Klängen oder schielt zu sehr auf Neoklassik. Und Perhacs' Texte zwischen Wetterbericht und Technologiekritik profitieren davon, dass die Vocals so hallend abgemischt sind. Aber ihre überraschende Stärke sind Groove und Hooks: Folk-Alternative-R 'n' B, mit Wüstenwind statt Eiseshauch.



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Wolf Alice: Visions of a Life (Dirty Hit)




"Unser Album ist wie Hummus", sagt die Band Wolf Alice aus London, und das klingt so großspurig, als würde sie sagen, ihr Album sei Sauerstoff. Was die Musiker meinen, ist weitaus banaler: Ein Song klingt so, ein anderer so, aber am Ende ist es doch die Band, die halt Indierock spielt, wie man ihn vor zehn Jahren schon gespielt hat, als die Welt noch nicht unterging, und wie man ihn heute spielt, wo sie es an drei Tagen der Woche tut. Anders gesagt: Visions of a Life ist eigentlich ein langweiliges Album, aber das auf die denkbar angenehmste Art.


Gegen die Gitarrenwand, die die Band um Ellie Rowsell hochzieht, lässt sich gut der Kopf schlagen – das war es aber schon mit Aggression. Denn auch wenn die Band immer mal wieder das Tempo anzieht und schreddert, letztlich bleibt Versöhnlichkeit. Die vermeintliche Punk-Nummer Yuk Foo macht aus dem Fluch lieber einen Spoonerismus, und der Song Sadboy ist auch kein Hieb gegen grund- und nutzlose traurige Schmerzensmänner, sondern eine Einladung zum Kopfhoch. So sympathisch bodenständig Wolf Alice also auch sind: Das Album grenzt an Hummusbeleidigung.