© Fantasy/Caroline/Universal

Prophets Of Rage – Prophets Of Rage (Fantasy / Caroline / Universal)

Harte Zeiten erfordern harte Maßnahmen, aber das hier kann wirklich niemand gewollt haben. Prophets Of Rage sind eine so genannte Supergroup der US-amerikanischen Rock- und Rapmusik, rekrutiert aus Mitgliedern von Public Enemy, Cypress Hill und Rage Against The Machine. Ihr unbetiteltes Debütalbum entspricht auf sensationell haarsträubende Weise allen Erwartungen, die man an diesen Satz knüpfen könnte. Es verbindet den Zorn eines grundlos schreienden Babys mit dessen politischem Differenzierungsvermögen und fügt den Groove eines künstlichen Hüftgelenks hinzu. Niemand hat sich bisher aussichtsreicher aufgedrängt für den Titel der schlechtesten Platte des Jahres.

Wohlwollend könnte man sagen: Durch die Verbannung aller kompositorischen und inhaltlichen Nuancen aus ihren Songs bemühen sich Prophets Of Rage um eine Zuspitzung aktueller weltpolitischer Diskurse auf die wesentlichsten Probleme – Trump und wie man ihn loswird. Was aber gibt es da noch zuzuspitzen? Und wieso überhaupt wohlwollend sein? Prophets Of Rage enthält nicht ein originelles Gitarrenriff, keinen einzigen klugen Slogan. Selbst den Titel ihrer Single Unfuck The World hat die Band von der Folkmusikerin Angel Olsen geklaut. Kaufen Sie dieses Album nicht. Starren Sie lieber 40 Minuten lang auf ein Che-Guevara-Poster. Das bringt denselben Erkenntnisgewinn.



© Rough Trade/Beggars/Indigo

Princess Nokia – 1992 Deluxe (Rough Trade / Beggars / Indigo)

Princess Nokia ist der Rapstar, der nicht sein soll. Immer wieder hat die New Yorker Künstlerin in den vergangenen fünf Jahren ein eigenwilliges Hip-Hop-Verständnis offenbart: Ihre besten Tracks klangen, als sei der Club-Rap-Exzentriker Lil Wayne zum zehnten Mitglied des traditions- und verdienstreichen Wu-Tang Clans aufgestiegen. Princess Nokias Texte pflegen einen offensiven Umgang mit queerness und brownness, ihr Flow ist beispiellos mühelos. In die Charts hat sie es aber noch nicht geschafft.

Warum das so ist, bleibt auch nach 1992 Deluxe schleierhaft. Die zum Debütalbum aufgepäppelte Neuveröffentlichung eines letztjährigen Gratis-Mixtapes spielt alle Stärken von Princess Nokia aus: grimmige Geschichten aus der Bronx über das Leben unterhalb aller Armutsgrenzen, feierliche Songs über die eigenen Aufstiegschancen und puerto-ricanisch-nigerianischen Wurzeln – und mit Tomboy sogar ein stolzer Hit über den eigenen Körperbau. Vielleicht sind es zu viele verschiedene Stühle, zwischen die sich Princess Nokia mit ihrer Musik setzt. Vielleicht geht den Entscheidungsträgern bei Spotify, Apple und Co. auch einfach ihr Künstlername auf die Nerven.



© Relapse/Rough Trade

Myrkur – Mareridt (Relapse / Rough Trade)

Das Letzte, was die Black-Metal-Gemeinde braucht, ist ein Poster-Girl. Denkt sie zumindest selbst. Trotzdem wird Amalie Bruun alias Myrkur von ihrer Plattenfirma seit drei Jahren als solches angepriesen. Eine junge Frau aus Dänemark, getrennt nur durch ein paar Liter Nordsee vom Black-Metal-Heimatland Norwegen. Dem Genre gibt sie nicht nur ein neues Antlitz, abseits von Kriegsbemalung und Erdmännchen-Chic, sondern auch eine neue musikalische Perspektive. Weniger Highspeed-Gebretter, mehr Game of Thrones-Schlachtenromantik. Keine Überraschung: Das Feuilleton horchte auf, die Gemeinde winkte ab.

Black Metal ist komplizierte Musik. Es gibt viele Regeln und wenig Toleranz für Abweichler oder nach innen gerichtete Provokationen. Myrkurs Problem ist jedoch nicht die vermeintliche eigene Perspektive, sondern die Ehrfurcht vor dem Regelwerk. Um bloß nichts falsch zu machen, macht sie es doch lieber wie die meisten Black-Metal-Bands. Tremolo-Gitarren und tackerndes Schlagzeug, epische Spannungsbögen, die Stimme erst lieblich, dann laut und schmerzverzerrt. Ihr zweites Album Mareridt findet mehr Zeit für Folk und Pathos, bleibt jedoch eine Pflichtübung im Dazugehören. Wer echte Skandale will, hört weiterhin Liturgy.



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Rostam – Half Light (Nonesuch / Warner)

Das erste Soloalbum von Rostam Batmanglij beginnt, als hätte Panda Bear einen Song von Vampire Weekend produziert. Vor zehn Jahren wäre dieser Satz in New Yorker Indiepop-Kreisen eine Sensation gewesen. Heute bedeutet er selbst für viele besser Informierte so viel wie: "Wer hat was gemacht?!" Der Wind weht längst aus einer anderen Richtung, er hat den Artschool-Pop aus der Stadt geblasen. Rostam aber tut so, als hätte er davon nichts mitbekommen. Half-Light ist 2007 for life: eine Datenbank der unmodernen Songs, Sounds und Studiotricks.

Bis er Vampire Weekend vor anderthalb Jahren verließ, war Rostam die Allzweckwaffe der Band, verantwortlich für Arrangements, ungewöhnliche Instrumente und alles, was aus Laptops und Synthesizern kommt. Seine eigenen Songs bewahren sich das Neunmalkluge und Wolke-sieben-Verträumte der alten Combo, blicken aber mit bisher ungekannter Nostalgie auf vergangene Szenen, Sommer und Affären zurück. Die barocke Instrumentierung aus Cembalo, Flöten und Streichern bestärkt dieses Gefühl, doch sie kann auch für trügerische Sicherheit stehen. Den größten Spaß nämlich hat Rostam, wenn er seine Feinarbeit mit allerlei Küchengeschirr-Schlagzeug wieder kaputtkloppt.