Unter den deutschen Popkünstlern der Gegenwart ist Romano aus Berlin-Köpenick ohne Frage der lustigste, tollste und rätselhafteste: ein sonnenbankgegerbter Hipster mit Zöpfen und einer goldenen Bomberjacke, der zu ständig wechselnden musikalischen Stilen über das richtige Leben im falschen rappt. Jetzt ist sein zweites Werk Copyshop erschienen.

ZEIT ONLINE: Wir haben es hier mit einem Album zu tun, das viele Fragen aufwirft. Aber auch viele beantwortet. Zum Beispiel: woher die Romano'sche Zopfmode kommt. Ganz am Ende gibt es ein Stück namens Karl May. Das heißt, das große Frisurenvorbild ist Winnetou?

Romano: Auf jeden Fall! In der Kindheit gab es ja immer die Frage: Bist du Cowboy? Oder bist du Indianer? Und ich war eher so der Indianertyp. Ich konnte auch ganz gut mit Pfeil und Bogen umgehen.

ZEIT ONLINE: In meiner westdeutschen Kindheit gab es das auch, aber in der DDR, wo Sie aufgewachsen sind, war die Neigung zum Cowboy-und-Indianer-Spielen noch mal erheblich ausgeprägter. Warum eigentlich?

Romano: Ich glaube, die Indianer waren in der DDR so etwas wie das Spiegelbild der Arbeiterklasse. Die Arbeiter waren unterdrückt, die Indianer waren auch unterdrückt. Die haben gelitten, und das auch noch unter dem Klassenfeind USA, unter den weißen Amerikanern. Darum waren die Indianer in der DDR hoch angesehen, wie die Arbeiter, die Bauern, die Sklaven, die Spartakisten, alle, die schon mal unterdrückt worden waren! Wir hatten sogar unseren eigenen Winnetou, nämlich Gojko Mitić aus den Defa-Western.

ZEIT ONLINE: Stimmt, Gojko Mitić war der politisch korrekte Indianer. Aber galten nicht Karl May und Winnetou demgegenüber gerade als westlich-reaktionär? Hitler fand Karl May schließlich auch ziemlich gut.

Romano: Ja? Aber das war trotzdem eine angesehene Persönlichkeit, es gehörte zum guten Ton, auch mal ins Karl-May-Museum nach Radebeul zu fahren. Die Gojko-Mitić-Filme rührten eher aus dem Bemühen darum, den Klassikern aus dem Westen was eigenes entgegenzusetzen. Das hatte man in der DDR ja oft, dass die Westkultur nachgemacht wurde, in sozialistischer Variante.

ZEIT ONLINE: Wenn ein Song von Karl May handelt, würde man eigentlich auch ein Country-Stück erwarten, aber weit gefehlt, es kommt eine Power-Ballade mit Streichern und so. Sie haben ja nun schon in allen möglichen Genres gearbeitet, von Schlager über Dubstep bis zu Black Metal. Aber Country fehlt, oder?

Romano: Nicht nur Country hab ich noch nicht gemacht. Auch Blues und Jazz …

ZEIT ONLINE: … och, obwohl, da gibt es schon jazzige Stellen auf der neuen Platte.

Romano: Stimmt, manchmal jazze ich ein bisschen. Aber so richtigen Jazz hab ich noch nicht gemacht. Auch mit Klassischer Musik hatte ich es bisher nicht so. Dabei würde ich mich gern mal als Opernsänger probieren! Ich gehe einmal die Woche zum Gesangslehrer, da sing ich so einfache italienische Sachen aus dem 18. Jahrhundert, wer weiß, vielleicht kann ich als Nächstes eine Romano-Barockoper bringen.

ZEIT ONLINE: Nächstes Jahr. In Berlin in der Volksbühne, die ist jetzt für alles offen.

Romano: Abgemacht! Aber kann ich noch mal auf Karl May zurückkommen?

ZEIT ONLINE: Klar!

Romano: In dem Stück geht es eben nicht nur um Ostalgie, sondern auch ganz allgemein um Kindheitserlebnisse. Ich singe da ja auch über meinen Papa, der war erst der große Held meiner Kindheit und meiner Jugend, dann hab ich mich von ihm losgelöst, und irgendwann haben wir uns wiedergefunden, auf gleicher Augenhöhe als Freunde, und ich glaube, wir haben uns alles vergeben, was an nicht so schönen Dingen zwischen uns passiert ist.

ZEIT ONLINE: Haben Sie das Stück darum als Duett mit Dieter "Maschine" Birr von den Puhdys aufgenommen? Ist das eine musikalische Vaterfigur, in der sich der biologische Vater spiegelt?

Romano: Na, tatsächlich gehörten die Puhdys-Platten zu den ersten Dingen, die ich als Kind gehört habe, Geh zu ihr (und lass deinen Drachen steigen), ich kann mich genau daran erinnern, wie ich mit fünf dazu abgegangen bin. "Maschine" ist ein Held meiner Kindheit, und dass er mit mir jetzt dieses Stück eingesungen hat, darüber bin ich sehr glücklich.

ZEIT ONLINE: Kann ich jetzt noch mal auf die Zöpfe zurückkommen?

Romano: Klar!

ZEIT ONLINE: In Wirklichkeit trägt Winnetou ja gar keine Zöpfe …

Romano: … nein?

ZEIT ONLINE: Nein. Der hat die Haare immer offen. Zöpfe tragen die Indianerfrauen. Nscho-tschi zum Beispiel, die hat Zöpfe. Das heißt: Haben Sie sich als Kind schon eher mit ihr identifiziert?

Romano: Sie meinen, ob ich was Weibliches in mir trage? Natürlich! Wir tragen doch alle männliche und weibliche Hormone in uns! Jeder Mann hat was Weibliches in sich. Das wird schon auf meiner ersten Platte thematisiert: "Der Schöne General / trägt Kajal / und hat einen Blick aus Stahl". Ich sage immer: charmant dominant, darauf kommt es an. Hart, aber herzlich; Zuckerbrot und Peitsche. Die Mischung macht's. Und Zöpfe haben ja auch etwas Maskulines, denken Sie mal an die Wikinger und die ganzen alten Naturvölker, die Zöpfe trugen. Ich bin zu Zöpfen über den Hip-Hop gekommen, über Snoop Doggy Dogg; später gab es die auch bei Hardcore- und Nu-Metal-Bands wie Suicidal Tendencies und Korn. Und wenn Sie zum Beispiel Draht in die Zöpfe flechten und die dann nach oben biegen, dann hat das auch etwas Diabolisches.

ZEIT ONLINE: Zöpfe sind also in Wahrheit ein Zeichen archaischer Männlichkeit?

Romano: Zöpfe sind ein Zeichen dafür, dass man zu sich selbst steht.

ZEIT ONLINE: Flechten Sie die eigentlich täglich neu?

Romano: Nun, ich habe da handwerkliche Probleme. Wenn ich beide allein flechte, brauche ich bis zu einer Stunde dazu, das ist einfach zu lange. Ich mach das darum so: Ich spreche fremde Menschen an und frage die, ob sie mir nicht die Zöpfe flechten können. Wenn ich mal eine Regel aufstellen sollte für Deutschland und für die Welt, dann würde ich sagen: Jeder sollte sich mindestens fünf Minuten am Tag mit einem wildfremden Menschen unterhalten. Dann wären alle ein bisschen lockerer.

ZEIT ONLINE: Ich komme ja viel mit fremden Menschen ins Gespräch, wenn sie wie ich einen Bart tragen. Da gibt es allerlei zu bereden, das richtige Tonikum, die beste Schurtechnik … Wieso haben Sie eigentlich keinen Bart?

Romano: Wächst nicht. Ich hab alles probiert. Da kommt immer nur so ein Flaum, ich hab den schon mit Streichhölzern dunkler gefärbt, aber das brachte es auch nicht. Ist nichts zu wollen.

ZEIT ONLINE: Haben Sie Brusthaare?