© Mascot Records

Bootsy Collins – World Wide Funk (Mascot Records)

Es gibt drei Sorten Popstar, die auch im Rentenalter noch den Fummel ihrer wilden Jahre tragen dürfen, ohne dass es peinlich wird. Kompromisslose Freaks, stilsichere Nostalgiker und beider Quintessenz: Bootsy Collins. Der Exzentriker aus Ohio hat den Soul schließlich schon als Bassist von James Brown mit schrillem Glamour zum Funk veredelt und in seiner Formation Funkadelic sodann zum Durchdrehen gebracht. Heute ist er weiter dort, wo er vor gut vier Jahrzehnten begann. Und so viril, virtuos, so hingebungsvoll irre, wie er seinen Funk mit – Happy Birthday! – exakt 66 noch zubereitet, sei ihm die überdrehte Aufmachung verziehen. Auf seiner zwölften Soloplatte schafft es Bootsy Collins mit mehr als 20 Kollaborateuren, eine Art Glossar sämtlicher Spielarten des Word Wide Funk – so lautet der Titel – zusammenzustellen. Da bleibt kein Auge trocken, kein Genre unkommentiert. Alles für alle und zwar auf einmal. Allein das mitreißende Hot Saucer vereint Hip-Hop feat. Big Daddy Kane mit Zackengitarrensoli und saftigem R 'n' B zu einer kleinen Zeitrafferreise durchs halbe Metier. Ein Album wie der Funk selbst – tosend, fröhlich, grell, Bootsy.



© PIAS

Baxter Dury – Prince of Tears (PIAS)

Wenn Baxter Dury eines nicht ist, dann tosend, fröhlich, grell oder sonst was Richtung funky. Daran ändert auch wenig, dass er seine Cockney-Erzählungen auf dem neuen Album erstmals in ein orchestrales Gewand hüllt. Hatte sich der Songwriter zuvor meist mit relativ wenig Brimborium umgeben, entfaltet Prince of Tears nun manchmal fast sinfonische Wucht. Dichte Schwaden windschiefer Geigen wehen durch viele der zehn Spoken-Word-Konstrukte. Geisterhafte Orgeln umnebeln die Langsamkeit. Immer wieder durchstechen flatterhafte Gitarren den Backgroundgesang von Madelaine Hart. Und wenn der Sleaford Mod Jason Williamson dem Sohn der Siebziger-Ikone Ian Dury in Almond Milk mit ein paar Brocken Entrüstung seine Referenz erweist, wird der Freakpop des 45-Jährigen noch ein bisschen reicher an Aberwitz. Er übersättigt das Album jedoch nicht mit Selbstgefälligkeit, gar Redundanz, sondern sorgt für große Spannung mit ein bisschen Spaß. Trotz der todessehnsüchtigen Stimme lungert Baxter Dury also wieder sehr lässig zwischen Post-Punk und New Wave herum.



© Big Scary Monsters

Slaughter Beach, Dog – Birdie (Big Scary Monsters)

Jake Ewald ist ein Typ, mit dem man gern an der Bar säße, um die Zeit zu vertrödeln. Noch ein Bier, bisschen quatschen, auch mal schweigen, nicht zwingend geistreich, aber sehr amüsant – wie seine Musik. Seit seine Band Modern Baseball pausiert, konzentriert sich der Gitarrist aus Philadelphia auf die Momentaufnahmen des Soloprojekts Slaughter Beach, Dog. Und wie bei dessen Debüt Welcome klingt der Nachfolger Birdie mehr nach Freizeit als Arbeit. Schließlich will Ewalds Powerfolkpop weder virtuos klingen noch außergewöhnliche Storys ersinnen. In seinen zehn Erzählungen aus dem Fantasiedorf Slaughter Beach muss es sich daher nicht mal reimen. Falls aber doch mal "ashtray" auf "birthday" folgt oder in Garden and Green angenehm unklar bleibt, ob da jemand Hanf anbaut oder vom Garten der eigenen Kindheit berichtet, stellt sich sofort dieses Tresengefühl ein, wenig zu wollen und alles zu kriegen. Hier ein paar Country-Riffs, da etwas Westcoast-Gejuchze. Reduziertes Schlagzeug, viel Schlendrian. Es ist ein Album für den Freitagabend, das Wochenende vor Augen. Noch ein Bier, bitte.



© PIAS

Gisbert von Knyphausen – Das Licht dieser Welt (PIAS)

"Pop-Poet": Seit Jan Böhmermanns Suada gegen die Fake-Empathie von Max Giesinger bis Philipp Poisel ist das ein vergiftetes Lob – findet die Subkultur, findet ihr Feuilleton, findet Gisbert zu Knyphausen ganz und gar nicht. Der Songwriter lobt lieber die "schöne Alliteration" und räumt ein, auf poetischen Pop mit eingängigen Refrains zu stehen. Unter einer Bedingung: "wenn sie textlich übers reine Wohlfühlen hinausgeht." Das sollte wissen, wer sein neues, drittes Album hört. Sieben Jahre sind seit dem zweiten vergangen, es gab ein Duett mit Nils Koppruch, der 2012 verstorben ist. Genug Leben und Tod also, um die tiefgründige Melancholie seiner Stimme mit Schwermut aufzuladen. Oder? Weit gefehlt! Das Licht dieser Welt ist Gisbert zu Knyphausens leichtestes Werk. Während er früher bei spärlicher Instrumentierung gern mit seinem Trübsinn allein war, klingt er nun heiter, gelöst, opulenter. Im Up-tempo-Stück mit dem vielsagenden Titel Unterm hellblauen Himmel etwa rennt sogar fröhlich ein Bläser unterm Großstadtfolk hindurch und gibt damit die Stimmung vor: Das Trauern hat ein Ende, es lebe das Leben. So macht Pop-Poesie echt Freude.



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Sequoyah Tiger – Parabolabandit (Morr Music)

Kennt irgendjemand noch die Goombay Dance Band? Das karibifizierte Poporchester aus Hamburg blies Anfang der Achtziger eine schwül warme Urlaubsbrise durchs Traumschiffland. Verglichen damit war Easy Listening hart wie Heavy Metal. Warum das an dieser Stelle der Rede wert ist? Weil es ausgeschlossen sein sollte, die Verantwortlichen von Sun of Jamaica zur Referenzgröße einer Tonträger-Empfehlung zu machen. Eigentlich. Unter dem Projektnamen Sequoyah Tiger hat Leila Gharib aus Verona jetzt ihr Debütalbum veröffentlicht, auch ihre Landsleute Oliver Onions machen mit, die einst den Haudrauf-Quatsch von Bud Spencer vertont haben. Es mag nach dem westdeutschen Wohlfühlsound der Achtziger klingen, wenn Steeldrum und Marimba durch das Album hallen. Aber natürlich ist da noch etwas an Parabolabandit, das all dies hochinteressant kontrastiert. Ein zappeliger Breakbeat-Teppich zum Beispiel, der sich über den vollsynthetischen Lo-Fi-Pop legt. Und weil Gharibs verhuschter Gesang einer weiblichen Version von Beck gleicht, wirken die zehn Stücke trotz der fiesen Alleinunterhalteraura oft seltsam ergreifend. Schlechter Geschmack kann so unterhaltsam sein.