Am vergangenen Wochenende erregte ein ZEIT-ONLINE-Artikel, den ich geschrieben hatte, große Aufmerksamkeit. Bis Montag war er eine halbe Million Mal aufgerufen worden und hatte mehr als 400 teils heftige Kommentare provoziert, und sogar Bild berichtete

Der Text war die Vorschau auf einen am vergangenen Samstag auf 3sat ausgestrahlten Dokumentarfilm gewesen, Der Preis der Anna-Lena Schnabel,in dem der beim ZDF angestellte Regisseur Jan Bäumer die junge Saxofonistin Anna-Lena Schnabel porträtiert. Sie war im Juni 2017 in der Kategorie Newcomer mit dem Echo Jazz ausgezeichnet worden, einem Preis, den die Musikindustrie jährlich vergibt. Der Film zeigt sie vor und während der Verleihung in Hamburg. So sehr sich die Nachwuchsmusikerin über die Anerkennung freut, so sehr betrübt es sie, dass sie bei der Gala kein eigenes Stück spielen darf, sondern lediglich die einzige auf ihrem Debütalbum enthaltene Coverversion. Der NDR habe ihr das verboten, sagt sie, und spricht von "Wirtschaftszensur", denn es gehe um Geld und Einschaltquoten.

Es dauerte viereinhalb Tage, bis der NDR – von der Wucht der öffentlichen Empörung über die Behandlung einer weithin unbekannten Jazzmusikerin ebenso überrascht wie wir – am Mittwochabend schließlich im Detail reagierte. Die Reaktion ist bemerkenswert, weil sie sich nicht mit der eigentlichen Frage beschäftigt, "Wie geht das öffentlich-rechtliche Fernsehen mit Jazz um?", sondern den in der Dokumentation beschriebenen Sachverhalt bestreitet: Man habe ja gar nichts zensiert.

Der NDR-Unterhaltungschef Thomas Schreiber äußert sich nicht in einer von ihm verfassten Stellungnahme, sondern lässt sich von einer Journalistin, die für den NDR arbeitet, in einem NDR-Video interviewen. Dieses Video dauert 7 Minuten und 46 Sekunden – eine in Fernsehmagazinen kaum je anzutreffende Länge; offenbar gibt es viel zu erklären.

Umfassende Verschwörung zum Nachteil des NDR?

Die Stellungnahme läuft darauf hinaus, dass in der Causa Echo Jazz alle, die den NDR kritisieren, die Unwahrheit sagen, unredlich sind oder sich unprofessionell verhalten: die Saxofonistin, ihr Label-Chef, ein Musikprofessor, der Dokumentarfilmer und schließlich der ZEIT-Rezensent. Offenbar glaubt man beim NDR an eine allumfassende Verschwörung zum Nachteil des Senders – bloß weil man mal kritisiert wird.

Wörtlich sagt Thomas Schreiber: "Anna-Lena Schnabel hatte ein erstes Stück von ihrer CD, die prämiert wurde, vorgeschlagen, das Stück heißt Plop. Das hat die Redaktion gehört und hat daraufhin die Frage gestellt: Gibt es vielleicht Alternativen? Daraufhin wurden drei weitere Vorschläge gemacht, und die Redaktion hat sich nach Absprache mit dem Bundesverband Musikindustrie, der den Preis veranstaltet, und der Produktionsfirma Kimmig, die das umsetzen sollte, für ein Stück entschieden …", und damit sei Frau Schnabel einverstanden gewesen.

Der NDR – im Verein mit einem Bundesverband und einer Produktionsfirma – hat sich für das einzige Stück der Newcomerin entschieden, das nicht von ihr geschrieben war, sondern von einem alten Meister. Genau so stellt es auch der Film dar.

Anna-Lena Schnabel (Mitte) während der Generalprobe zu ihrem Auftritt beim Echo Jazz © ZDF/Thomas Frischhut

Die Kritiker können die NDR-Replik sportlich nehmen. Wer jemanden kritisiert, darf nicht auf dessen Applaus hoffen. Schäbig ist allerdings der Umgang mit der Musikerin, die hier zum zweiten Mal nicht ernst genommen wird.

Das Videointerview mit Thomas Schreiber ist eingebettet in einen sehr langen Artikel ähnlicher Stoßrichtung, in dem sogar noch der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger in die gegen den NDR gerichtete Verschwörung einbezogen wird. Geschrieben hat diesen Text eine zweite im Auftrag des NDR tätige Journalistin. Man bietet beim NDR also allerhand aus Fernsehgebühren bezahltes Personal auf, um die öffentliche Kritik am NDR als abwegig und boshaft darzustellen.

Ich wünsche mir eine andere Reaktion des NDR: Der Sender könnte den Film, der ihn kritisiert, an einem Abend um 20.15 Uhr im Dritten Programm ausstrahlen. Anschließend gäbe es um 21 Uhr eine Diskussion mit jemandem vom Echo Jazz, jemandem aus der NDR-Fernsehredaktion und zwei Musikern über die Frage, wie Jazz im Fernsehen präsentiert werden sollte und wie nicht, vielleicht unter Beteiligung des im Saal anwesenden Publikums. Zwischendurch hätte Anna-Lena Schnabel die Gelegenheit, Versäumtes nachzuholen und mit ihrer Band ein paar eigene Stücke zu spielen.

Das hätte Größe, wäre der Sache dienlich und dem öffentlichen Interesse angemessen. Also, lieber NDR, wann geht es los?