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Zugezogen Maskulin – Alle gegen alle (Four / Sony)

Zugezogen Maskulin mögen nicht, wie Sie Ihren Kaffee trinken. Auch das Experiment mit dem Chiamüsli-Frühstück vor Kurzem? Überhaupt nicht nach dem Geschmack des Berliner Rap-Duos. Ihre Amazon-Prime-Mitgliedschaft? Das Probeabo im Fitnessstudio? Die Dauerkarte fürs Fußballstadion? Alles unverkennbare Ausprägungen Ihrer Idiotie – und für Moritz "Grim 104" Wilken und Hendrik "Testo" Bolz deshalb schlicht nicht zu dulden.

Auf ihrem dritten Album Alle gegen alle findet sich viel Ärger über Dunkel- und Kartoffeldeutschland, Brandredner, Mitläufer und andere Problemkinder der Gesellschaft. Was jedoch wirklich an einem nagt, sind die Sticheleien gegen alltägliche Mitbürger-Marotten, die klugen und unverschämten Beobachtungen, von denen man sich immer wieder ertappt fühlt. Insbesondere Wilken schwingt sich mit seiner unvorstellbaren Axtmörder-Stimme zu seltener Topform auf. Bolz übernimmt den undankbaren, aber wichtigen Gegenpart: nicht gerade good cop, aber Stimme der relativen Vernunft auf einem Album, das härter austeilt als ein Großteil der aktuellen Konkurrenz. Wer traut sich und findet heraus, ob Zugezogen Maskulin auch einstecken können?



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Courtney Barnett & Kurt Vile – Lotta Sea Lice (Marathon / Rough Trade)

Die Indierock-Freundschaft zwischen Courtney Barnett und Kurt Vile ist eigentlich zu gut, um wahr zu sein. Beide bevorzugen einen unaufdringlich vernudelten Gitarrenstil und Songs, die in der fünften Minute auch mal aus dem Leim gehen dürfen. Beide können sehr schön lakonisch gucken und noch lakonischer darüber texten, wie es sich anfühlt, an den Banalitäten des Lebens zu verzweifeln oder den Verstand zu verlieren. Beide haben gar wunderschönes Haupthaar. Aber können sie auch zusammen musizieren?

Das Album Lotta Sea Lice macht aus dieser Frage sein Kernthema und beantwortet sie zugleich mit einem Schulterzucken. Das Gemeinschaftswerk der Songwriterin aus Melbourne und des Songwriters aus Philadelphia enthält von Country- und Roots-Rock geküsste Lieder über die Kunst des Liedermachens, gegenseitige Coverversionen und eine Menge vertontes Studiogeplauder. Vile und Barnett singen übereinander hinweg und aneinander vorbei, verständigen sich kurzzeitig auf eine gemeinsame Harmonie und befeuern das instrumentale Understatement des jeweils anderen. Essenziell ist das nicht, aber ein kleines Juwel der Beiläufigkeit.



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Destroyer – Ken (Dead Oceans / Cargo)

Dan Bejar ist der hardest working Hochstapler im Showbusiness. Das elfte Album seines Art-Pop-Projekts Destroyer beginnt mit dem Song Sky's Grey und legt eine beeindruckende To-do-Liste offen: Der Protagonist muss sich von einer desaströsen Hochzeit erholen, den Kapitalismus überwinden, einen Nachfolgeroman zu Oliver Twist schreiben und nicht zuletzt seine Texte einüben, da ihm diverse Schauspielengagements in den Schoß gefallen sind. Während Bejar über all das sinniert, erklingen Synthie-Ungemach und sehr schöne Schlechtwetter-Streicher.

Seit Mitte der Neunzigerjahre steht Bejar für diese Art von Spießumdreher-Spielen. Kaum jemand kann es mit seinem sensiblen Händchen für Popsongs aufnehmen – und kaum jemand verabscheut Popsongs so leidenschaftlich wie der 45-Jährige aus Vancouver. Vor allem auf seinen letzten Alben Kaputt (2011) und Poison Season (2015) ergaben sich daraus spektakuläre Spannungseffekte, die nun bis in die ersten Stücke von Ken nachhallen. Im Laufe der Platte zeigen sich jedoch auch Abnutzungseffekte an der Destroyer-Masche. Entweder fehlt Bejars neuen Songs die alte Verführungskraft. Oder der Typ stürzt inzwischen etwas zu routiniert in den Orchestergraben.



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Hope – Hope (Haldern Pop / Rough Trade)

Die Rockgruppe Hope befindet sich in Lauerstellung. Man kann das in Bezug auf ihre Karriere verstehen, die mit der Reviermarkierungssingle Kingdom und einer Reihe von Brachialkonzerten vielversprechend begonnen hat. Es trifft aber genauso auf die Songs der Berliner Band zu. Geduldig und siegesgewiss ziehen diese ihre Kreise, verweisen bisweilen auf ihre Noise-Rock-Herkunft und schreiben die Geschichte längst vergessener Vorbilder wie The Duke Spirit und Serena-Maneesh fort. Kaum zu glauben, dass Hope ihren Anfang auf einer bayerischen Jazz-Akademie nahmen.

Die Band hat jedenfalls gemerkt, dass die intensivsten Höhepunkte oft jene sind, zu denen man es gar nicht kommen lässt. Trotzdem ist das Beste an ihrer ersten Platte, wie sie Spannungsbögen in die Länge zieht, Erlösungen hinauszögert und auch sonst mit großer Strenge gegen das anvisierte Publikum vorgeht. Die Sängerin Christine Börsch-Supan leistet dazu einen ebenso entscheidenden wie kuriosen Beitrag. Ihre Worte über Selbstfindung und -bestimmung betont sie hart und akkurat, ohne in den eisern-teutonischen Rammstein-Duktus zu verfallen. So erfindet sie, was wir alle gebraucht haben: eine neue deutsche Art auf Englisch zu singen.