Fred Hersch wurde 1955 in Cincinnati, Ohio, geboren. Er ist einer der meistgefeierten Jazzpianisten der Welt. © Vincent Soyez

Auch wenn sie dieselben 88 schwarzweißen Tasten drücken und mitunter die gleichen Titel spielen: Gerade Jazzpianisten zeichnen sich durch ein hohes Maß an Eigenwilligkeit aus. Keith Jarrett gibt in seinen schwelgerischen und frei improvisierten Konzerten gerne den geräuschempfindlichen Zuchtmeister, Thelonious Monk galt zu Lebzeiten als schrulliges, introvertiertes Genie mit einer besonderen Klang-Arithmetik, Bill Evans als der feine Lyriker am Elfenbein und Bud Powell als gehetzte, im Bebop-Rhythmus fliehende Kreatur, während Oscar Peterson die Menschen nur allzu gerne in der den Taumel der swingenden Glückseligkeit versetzte.

Von all diesen Giganten hat Fred Hersch das Beste absorbiert. Und doch gibt es für seinen Stil kein vergleichbares Muster. Keiner versteht es nämlich derzeit, komplexe Zusammenhänge derart verblüffend einfach und klar auf dem Elfenbein darzustellen. Niemand öffnet sein Innenleben am Klavier schonungsloser als der bald 62-Jährige. Dass er dennoch lange Zeit als die Sphinx seiner Zunft galt und den Ruf besaß, unnahbar, schwierig, pedantisch, abweisend und hyperaktiv zu sein, lag an seinem Sonderstatus. Denn Hersch ist schwul – der erste namhafte Jazzpianist, der sich öffentlich dazu bekannte – und HIV-positiv. Ein Umstand, der 2017 normalerweise keine Schlagzeilen mehr generiert und vor allem im Pop bisweilen sogar als veritable Marketingstrategie herhalten muss. Im Jazz jedoch gab es zum Zeitpunkt seines Outings vor mehr als 20 Jahren keinen vergleichbaren Fall.

So wurde er zeitweilig zum Einzelgänger wider Willen, der danach schmerzhaft zur Kenntnis nehmen musste, dass die vermeintlich so tolerante, weltoffene, diskursive Jazz-Community in Wirklichkeit doch nur ein homophober Verein ist, bei dem die weitgehend männlichen Protagonisten in festen Rollenbildern verhaftet bleiben. Nach Jahren der Isolation geht von Fred Hersch allerdings seit Kurzem eine nachdenkliche Leichtigkeit aus, die das Schaffen eines der größten Jazzpianisten der Gegenwart endlich in ein helleres Licht taucht.

Wie Jazz sein sollte

Manchmal, da zuckt sein linkes Auge hinter der randlosen Brille, manchmal wird seine von den täglich wegen Krankheit eingenommenen 34 Tabletten etwas angeraute Stimme einen winzigen Tick lauter, manchmal beginnt er hektisch umherzulaufen. Wer hinter seine Fassade blicken will, den lädt der Pianist bereitwillig ein, seinem Spiel am Flügel zu lauschen, aktuell auf seiner großartigen Solo-CD {Open Book} oder in dem wiederveröffentlichten Duett mit der Sängerin Jay Clayton Beautiful Love von 1994. Hier oder auf den anderen 40 Alben unter seinem Namen erfährt jeder halbwegs empathische Hörer nahezu alles über Fred Herschs Leben. 

Der vielleicht durchdringendste, klarste, intelligenteste und radikalste Klaviervirtuose des modernen Jazz öffnet dabei ein Fenster in seine ganz private Welt, präsentiert Musik, die er normalerweise nur zu Hause spielt. Sie verrät eine Menge über das Seelenleben des Mannes, der Brad Mehldau, Ethan Iverson von The Bad Plus und die Bassistin und Vokalistin Esperanza Spalding unterrichtete. Zehn Grammy-Nominierungen und eine kontinuierlich anschwellende Woge von hymnischen Kritiken belegen, dass der hagere, kämpferische, offenherzige Mann in eine Lücke im zeitgeistig-ästhetischen Musikempfinden stößt. Jason Moran verglich seinen Pianokollegen deshalb sogar mit einem Basketball-Superstar: "Fred am Klavier ist wie LeBron James auf dem Basketballplatz. Er ist vollkommen." 

Um das Mysterium des Pianisten zu entschlüsseln, lohnt es sich auch, den Dokumentarfilm The Ballad Of Fred Hersch von Charlotte Lagarde und Carrie Lozano von 2016 anzusehen. Die seit Mitte September erhältliche Biografie Good Things Happen Slowly: A Life In And Out Of Jazz gehört ebenfalls in die lange Reihe dieser therapeutischen Nabelschauen. "Ich habe mir alles von der Seele geschrieben", sagt Fred Hersch beim Treffen in New York. "Es war wie eine Katharsis, das alles noch einmal zu rekapitulieren. Aber ich bin dadurch nicht in einer Zeitmaschine eingefroren worden, sondern bewege mich zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder vorwärts." Er gibt offen zu, was er während seiner Leidensphase gelernt hat, auch in künstlerischer Hinsicht: "Nach 40 Jahren weiß ich nun, wie Jazz sein sollte: sich einfach hinsetzen und es passieren lassen. Es geht nicht darum, alles zu rekapitulieren, was du weißt, sondern dorthin zu gehen, wo du noch nie warst."

Sieben Wochen zwischen Leben und Tod

Einmal war Hersch schon dort, von wo nur wenige zurückkehren. 2008 lag der Jazzpianist wegen akuten Nierenversagens im Koma. Sieben Wochen dauerte dieser Schwebezustand zwischen Leben und Tod. Dann erwachte er wieder und musste aufs Neue lernen, wie man seine Finger über die 88 Tasten bewegt – mit 52 Jahren. Seine dabei gemachten Erfahrungen ließ er in das Jazztheater My Coma Dreams einfließen, das 2010 mit einem elfköpfigen Ensemble uraufgeführt wurde.

Inzwischen sind weitere Jahre vergangenen. Immer mehr Menschen entdecken Herschs klares, eindringliches Spiel zwischen intensiver Intelligenz und emotionaler Direktheit, zwischen nostalgiefreier Tradition und unverkrampfter Moderne. Es sind gerade die Kleinigkeiten, die man nicht aus den Augen verlieren sollte, wenn man sich ihm nähert. Wie den kleingedruckten Satz des griechischen Philosophen Platon, der jede seiner E-Mails als Fußnote ziert: "Musik ist ein moralisches Gesetz. Sie schenkt unseren Herzen eine Seele, verleiht den Gedanken Flügel, lässt die Fantasie erblühen und spendet allen Dingen Freude und Leben." Im Prinzip entspricht dies exakt seinem Lebenscredo: Musik bahnt sich immer ihren Weg, selbst aus dem größten Chaos heraus. In And So It Goes von Billy Joel, einem minimalistischen Kleinod am Ende von {Open Book}, erklärt Hersch dies in der Sprache der Noten und später dann noch mit eigenen Worten: "Dinge können passieren, egal wie schön oder schlimm sie sind. Man darf nur nicht stehenbleiben. Es geht immer weiter. Irgendwie". So marschiert er in Through The Forest durch einen Wald, fast 20 Minuten lang. Es geht über Stock und Stein, kleinere oder größere Hindernisse türmen sich auf, der Untergrund beginnt zu verschwimmen, bis er schließlich das Ende der Straße erblickt. Eine Art vertonte Wiederauferstehung.

Die Jazzszene: eine Ansammlung von Machos

Dass die dezent melancholische, versunkene Hersch-Klangfarbe jedoch nie weichgespült daherkommt, sondern eher kantig, rau, manchmal gläsern klingt, entspringt keinerlei Vorsatz. "Perfektion war noch nie mein vorrangiges Ziel. Es gibt Kollegen, die über technische Fähigkeiten verfügen, die ich nie erreichen werde. Ich will mir ein Stück Musik aus sich selbst heraus erschließen." Allein elf Soloalben umfasst seine Diskografie. Elf Mal dieser hochriskante instrumentale Seelen-Striptease ohne Netz und doppelten Boden. Doch {Open Book}, sagt Fred Hersch, sei etwas Besonderes. Dabei sei er vor dem Konzert in Seoul nicht in Bestform gewesen. "Ich hatte verschlafen und befand mich nicht in der Verfassung, ein Solokonzert zu spielen. Ich ging auf die Bühne und sah dieses Meer von jungen Koreanern im Konzertsaal. Und ich habe mich einfach hingesetzt und angefangen zu improvisieren. Alles passierte organisch."

Selten klang der Pianist freier, verletzlicher, direkter. Vielleicht auch ein wenig mit sich im Reinen. Nun kann er sich wie ein Buch öffnen, endlich! Und weil es ihm augenscheinlich guttut, schrieb er gleich ein reales Buch dazu. Das Resümee eines mutigen Grenzgängers. Die Lebensbeichte des Jungen aus Cincinnati, Ohio, der schon an der Primary School beim Vorspielen auffiel, der Komposition bei Gunther Schuller studierte, 1980 voller Tatendrang in die damals drogenüberschwemmte New Yorker Szene eintauchte, sich als Sideman von Stan Getz, Art Farmer, Gary Burton, Charlie Haden und Joe Henderson rasch einen bemerkenswerten Ruf erwarb und nach seinem Outing 1993 von einem Tag auf den anderen wieder aus dem Karrierekarussell hinauskatapultiert wurde. Dazu kam noch die schockierende Diagnose Aids.

"Vieles ergibt sich von selbst"

"Mein Ziel ist es weniger, mich mit dem Buch zu profilieren, sondern vielmehr meine Erfahrungen mit anderen Leidensgenossen zu teilen, ihnen zu helfen", erklärt Hersch die Motive für seine Biografie. Denn im Jazz habe sich bis dato nur wenig verändert. Dieser sei bis auf wenige Ausnahmen nach wie vor "eine Ansammlung von Machos, die sich in Wettbewerben oder bei Konzerten messen, die auf der Bühne stehen und sich gegenseitig bekämpfen und mit dem besseren, dem impulsiveren, dem lauteren Solo niederringen wollen. Dabei gibt es nach wie vor eine Menge von schwulen Jazzmusikern, die unter diesen Umständen leiden. Als ich mich damals zum Schwulsein bekannte, dachte ich, das hätte keinen Einfluss auf meine musikalischen Aktivitäten. Aber ich musste die Erfahrung machen, dass die Leute meine Emotionen am Piano und meine Freundlichkeit manchmal mit meinen sexuellen Neigungen zusammenwarfen und meinten, ich würde ihnen zu nahe kommen. Es dauerte eine ganze Weile, bis sich das normalisierte." Heute engagiert sich der Jazzmusiker als Aktivist für Aids-Hilfsprojekte und Aufklärungseinrichtungen, für die Rechte Homosexueller, sammelt Spenden und schenkt Leidensgenossen neuen Mut.

Er habe gelernt, dass das Gute seine Zeit brauche, sagt Hersch, während das Schlechte oft schneller passiere. Dennoch war der vergangene September für ihn ein hektischer, ein aufregender Monat, in dem sich viele wichtige Ereignisse innerhalb kurzer Zeit zu einem großen Ganzen kulminierten. Die beiden Alben, die Vorstellung des Buches, die Neuauflage seines Kammermusikprojektes Leaves Of Grass, das er 2003 über die Verse des Dichters Walt Whitman schrieb, die Auftritte im New Yorker Lincoln-Center mit den Vokalisten Kurt Elling und Kate McGarry. Zudem gab er Interviews und Konzerte und spürte eine öffentliche Aufmerksamkeit, die ihm bis dahin völlig fremd war. "Ich habe einen Punkt erreicht, an dem sich vieles, um das ich früher hart kämpfen musste, inzwischen von selbst ergibt. Nun versuche ich, einfach das Richtige zu tun."

Aktuelle CDs:
{Open Book}
(Palmetto/Indigo); Soloalbum
Sunday Night At The Vanguard (Palmetto/Indigo); Trio mit John Hébert (Bass) und Eric McPherson (Drums)
Beautiful Love
(Sunnyside/Delta); Duo mit der Sängerin Jay Clayton
My Coma Dreams
(Palmetto); Soloalbum

Buch:
Good Things Happen Slowly
A Life In And Out Of Jazz (2017, erschienen bei Crown Archetype/Random House)

Konzerte:
7. November in München, 9. November in Köln