© XL Recordings

King Krule: The Ooz (XL Recordings)

Fake-News, Brexit, Zersplitterung der urbanen Kultur – King Krule alias Archy Marshall hält mit seinen etwas anderen Taschenlampenliedern tapfer dagegen. Das zarte Großmaul, Poet einer verwirrten Generation, stapft und schwebt und singt und rappt auf dem zweiten Album durch Südlondons dunkelste Ecken. Liebesleid und die vergebliche Suche nach Orientierung bestimmen sein morbides Programm aus Punkmelodien, Düsterfolk und entschleunigtem Endzeit-Swing. E-Gitarren-Slides ziehen goldene Fäden, Jazz schimmert auf: Krule ist ein Crooner, ein King im falschen Königreich – der Sinatra in Billy Bragg. Im Underground-Pub sinniert er über fiese Körpersekrete und überzieht das Scheitern mit einem Hauch von Glamour. 

Seit dem 15. Lebensjahr schreibt er Songs, verfolgt vom Erfolg des Debütalbums wringt er sich nun auf The Ooz die Katharsis samt Schreibblockade, Depression und Beziehungsende aus der Seele. In Czech One scheint es gar, als bewohne der Geist von Leonard Cohen seine Nebenhöhlen und Stimmbänder. Die Textzeilen "Why’d you leave me? Because of my depression? You used to complete me but I guess I learnt a lesson" erinnern in ihrer schmerzlichen Selbsterkenntnis an Cohens Master Song und Teachers. Reife Leistung für einen erst 23-Jährigen.



© 36 Chambers ALC

Wu-Tang Clan: The Saga Continues (36 Chambers ALC)

Gib mir ein Wu: Der Clan ist zurück! Die rappende Shaolin-Gang aus Staten Island wirkt weiter an ihrer 24 Jahre gewachsenen Legende. Neu klingt es nicht, was die Hip-Hop-Masterminds RZA und DJ Mathematics hier raushauen, aber von Natur aus spannender als alle Rockdaddys zusammen. Elf Tracks, aufgefüllt mit unterhaltsamen Skits, also kurzen hörspielartigen Sketchen, vermischen sich mit Vocal Parts und Gastbeiträgen von Method Man, Raekwon, GZA, Inspectah Deck, Masta Killa, Redman, Killah Priest und anderen Größen. 

Den Dauerbrennerthemen Rassismus und soziales Elend passt das Early-Nineties-Outfit auf The Saga Continueswie eine zweite Haut. Wenn der Refrain die Brummel-Beats mit warmem Blues umspielt, sieht man die gestikulierenden Hände des MC vor sich. Mit My Only One beschwören Ghostface Killah, RZA, Cappadonna & Steven Latorre geradezu ein Manufactum-Feeling im längst durchdigitalisierten Hip-Hop. Zum Glück ohne den elitären Beigeschmack des vergangenen Albums Once Upon A Time In Shaolin, das 2015 als Einzelstück und teuer zu ersteigerndes Kunstunikat die Fans ausschloss und Unmut hervorrief. Schwamm drüber, diesmal dürfen wieder alle mit auf die Oldschool-Party.



© Capitol Records

Beck: Colors (Capitol Records)

Von der Party zum Klassentreffen: Dort gibt es ja oft Enttäuschungen. Mit seinem Hip-Hop-geschwärzten Collagenpop war Beck seit 1994 das Idol der Slacker-Jugend. Mittlerweile klemmt er fest im niedrigschwelligen Entertainment des Alternative-Sektors – und kommt mit seinem neuen Album Colors auch nicht aus dem Quark. Das Stile verschmelzende Fegefeuer der frühen Erfolge sucht man in den zehn Songs vergeblich, wie bereits beim Vorgängeralbum Morning Phase von 2014. Die hymnischen Arrangements und Melodien haben nichts von einer geilen (Anti-)Hymne wie Loser, dafür umso mehr Bambusflötenkitsch, "Hoo-hoo, schu-bi-du" und perlende Synthie-Schauer aus der Miami Vice-Requisite. Im Track Wow wummern endlich ein paar Breakbeats, doch Beck shoutet überall seine Mehrspurgesangsfanfaren drüber. Akzentuierter eingesetzt könnte dieses von Rockausbrüchen und Gitarrentwängs konterkarierte Beach-Boys-Chiffre pfiffig sein. Aber so: langweilig!



© Crammed Discs

Matias Aguayo & The Desdemonas: Sofarnopolis (Crammed Discs)

Beim Eintritt in die Ton- und Bilderwelt der fiktiven Stadt Sofarnopolis ist es, als öffnete sich ein Wimmelbuch: Diffuser Postpunk, flirrende Tropicalia, Krautrock und Dub mischen sich mit einer englisch-deutsch-spanischen Fantasiesprache und mysteriösen Klängen aus dem Kurzwellenradio. Der Erfinder dieser experimentellen Oral History ist der Technoproduzent Matias Aguayo. Der Kölner mit chilenischen Wurzeln betreibt das auf lateinamerikanische Elektronikmusiker spezialisierte Label Cómeme, bewegt sich hier jedoch weit außerhalb der Clubszene. Begleitet vom Schlagzeug, Keyboard, Bass und der Gitarre seiner Band The Desdemonas spielt er selbst Percussion und singt.

Seine Visionen im Vocoderhall sind ein komplexes Listening-Event – sich dafür Zeit zu nehmen, lohnt sich. Dann kommen der bedrohlich schnalzende Bass oder die cineastischen Keyboardwellen ganz nahe. Das selbst gezeichnete Artwork im Stil von Graphic Novels verstärkt den Eindruck fantastischer Erzählungen, dennoch kapselt Aguayo sich nicht ab: den Track Antidoto versteht er als Gegengift zur Social-Media-Hyperaktivität und der abwertenden Vereinfachung im Denken. Sofarnopolis ist seine Idee einer halb aus Teenagerzeiten erinnerten und halb imaginierten Parallelwelt, in der Bands wie The Desdemonas kein Randphänomen sind und Clubs mit Namen The Rabbithole niemals schließen müssen.