Skandale altern schlecht. Entweder sie werden erst im Zeitabstand sichtbar – als sich Woody Allens Figur in Manhattan in die damals 17-jährige Muriel Hemingway verliebt, hat wohl kaum einer mit der Wimper gezuckt; heute kann man sich den Film deswegen kaum mehr ansehen. Oder man dreht sich nach ein paar Jahren um und staunt über das, was einmal als Affront galt. Atonale Musik, James Joyce, Luis Buñuel: Wie titanisch haben sie sich alle gegen die ästhetische Normalisierung, die gutbürgerliche Vereinnahmung ihrer Skandalwerke aufgelehnt, am Schluss stehen sie doch hochklassisch und leicht verschämt im Leistungskurslehrplan.

Gerade das vergangene Jahr hat gezeigt, wie ethisch wichtig Schockiertbleiben sein kann. Woran haben wir uns nicht alles gewöhnt, wie viele einstige Stolpersteine liegen mittlerweile vergessen hinter uns, wie viele rhetorische "rote Linien" sind überschritten worden? "Dies ist nicht normal", so lautet das Mantra des Widerstands gegen Donald Trump, gegen Le Pen, gegen die AfD. Schleichende Gewöhnung ist das Feindbild. Sich jeden Tag aufs Neue skandalisieren zu lassen ist der kategorische Imperativ unserer Gegenwart.

Vielleicht ist die Zeit somit reif für ein neues Album von Marilyn Manson. Jenem sogenannten Schockrocker, der in den Neunzigerjahren zum Ziel parlamentarischer Untersuchungsausschüsse wurde. Dem in drei US-Staaten per Gesetz der Auftritt in öffentlichen Gebäuden untersagt wurde. Dessen Fans sich Schulverweise einholten und, gerade nach dem Amoklauf an der Columbine High School, unter Generalverdacht gerieten. Die neue Platte, Heaven Upside Down, die gerade erschienen ist, kann bisweilen noch Erinnerungen an all das wachrufen, aber es bleiben Erinnerungen. Es ist ein gutes Album, vielseitig und doch aus einem Guss, und es haucht Mansons Lieblingsthemen musikalisches Leben ein. Aber eben weil es so sehr nach Manson klingt, stellt sich die Frage, ob man es 2017 in dieser Form braucht.

Tatsächlich ist sich das Album dessen bewusst. Das Cover, Manson fast im Bowie-Look, schwarzweiß im hochgeschlagenen Kragen, schürt ganz bewusst einen Klassikerverdacht. Im ersten Video zum Album, We Know Where You Fucking Live, schickt Manson Nonnen in hochhackigen Schuhen und Reizwäsche in die Suburbs, das Ganze in einer Roger-Corman-Optik, die an einen billigen Horrorstreifen aus den Siebzigern erinnert. Das Video thematisiert Ängste, die mittlerweile Geschichte sind. Ist Marilyn Manson also heute nur noch ein Nostalgieobjekt? Auf jeden Fall muss er sich einer Zeit stellen, in der der Schock ungefähr genauso abgenutzt ist wie die Berufsbezeichnung "Rocker".

Heaven Upside Down folgt dem Schema der vorangegangenen Alben: Manson und seine Band gleichen Namens machen weiter wie bisher, und vermögen eben dadurch zu irritieren. Doch ob es zum Skandal reicht? Ob ein Video, in dem Manson mit hochkalibrigen Maschinengewehren herumfuchtelt, infolge des Massenmordes in Las Vegas zum Politikum wird, wie seine Musik es nach dem Massaker in Littleton wurde? Das wird interessante Rückschlüsse darauf zulassen, wo amerikanische Kultur und amerikanische Skandale heute stattfinden. Können Musikvideos im Zeitalter von Enthauptungsclips auf YouTube überhaupt noch Sprengkraft entwickeln?

Manson singt nun von einem Lied als "dirty bomb", und man denkt: In Amerikas Alpträumen haben längst andere, reale Personen die einst von ihm belegte Etage übernommen. Das Ökosystem Skandal kommt ohne die Rocker, ja ohne Rock aus. Und keiner weiß das besser als Manson selbst.

Er war immer schon ein Schockhistoriker. Als er als Brian Hugh Warner in Canton, Ohio, zur Welt kam, war Marilyn Monroe sieben Jahre tot. Und als Charles Manson Sharon Tate ermordete, war der Bub ein halbes Jahr alt. Schon der Name seines musikalischen Alter Egos blickt zurück auf das, was einmal schockierend war, hinterfragt, wie viel Energie noch in dem steckt, was einmal als schockierend galt. Auch die großen elterlichen Hysteriewellen – die Zeit, als erwachsene Menschen im Fernsehen allen Ernstes vor Heavy Metal oder Rollenspielen wie Dungeons & Dragons als "Jugend verschwulende Satanistenpropaganda" warnten – waren genau genommen schon vorbei, als die Band 1994 die erste Platte vorstellte. Auf Mechanical Animals heißt es 1999 "Rock is deader than dead / Shock is all in your head". Der Schock, den sie verursachten, also nur ein Nachhall?