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Shania Twain: Now (Universal)

Falls sie jemals weg waren, sind sie jetzt wieder da: die neunziger Jahre. Zum Beispiel in Gestalt der legendären Leopardenfellmusteranzugträgerin Shania Twain, die in nämlichem Jahrzehnt mit drei Alben zur erfolgreichsten Country-Musikerin der USA aufstieg, um dann in ihrem bislang letzten Werk Up aus dem Jahr 2002 das Genre mit Glitzer, Pomp, elektronischen Klängen und divenhaftem Benehmen für die weite Welt des Mainstream Pop zu öffnen.

Fünfzehn Jahre hat sie seither gebraucht, um ein neues Album aufzunehmen. Aber zwischendurch hat Shania Twain auch eine Menge erlebt. So wurde sie von ihrem Ehemann und engsten musikalischen Mitarbeiter, dem ansonsten für Led Zeppelin und AC/DC tätigen Produzenten Robert "Mutt" Lange, mit ihrer allerbesten Freundin zunächst betrogen und wegen dieser dann von ihm verlassen. Ein Umstand, den Twain gleich in mehreren neuen Liedern musikalisch verarbeitet, zum Beispiel in Poor Me. Außerdem zog sie sich während einer Tournee einen Zeckenbiss zu, erkrankte an Borreliose und verlor daraufhin ihre Stimme; darüber hat Shania Twain indes keine Lieder geschrieben.

Inzwischen ist alles soweit wieder gut, sie hat nicht nur ihre Stimme, sondern auch einen Mann fürs Leben wiedergefunden, nämlich den Ex-Mann der ex-besten Freundin, die mit dem heutigen Ex-Mann von Shania Twain die erwähnte Affäre unterhielt. Der Neue ist ein Süßwaren-Topmanager aus der Schweiz, was auf eine gewisse Verlässlichkeit hoffen lässt, aber bei der Arbeit im Studio nicht hilft. Da ihr schuftiger Ex-Mann als Produzent und Mitkomponist auch nicht mehr infrage kam, hat Twain für Now stattdessen fünf stilistisch möglichst weit voneinander entfernte Mitarbeiter angeheuert, von dem britischen Elektronik- und Radiopopfachmann Jake Gosling bis zu dem Gospel- und Breitreifenrockproduzenten Ron Aniello.

So divers wie das Personal sind auch die Lieder: Das Eröffnungsstück Swingin’ With My Eyes Closed beginnt beispielsweise mit kräftig gezupften Rockgitarren, die sich aber sogleich in einem schön schunkelnden Reggae-Rhythmus auflösen; dann wird Square-Dance-Gepolter zum Mitklatschen und Auf-den-Boden-stampfen geboten und nach hinten hinaus wie bei einem Scheunenbodenkonzert wild gefiedelt. Im weiteren Verlauf des Albums versuchen sich Twain und ihre Mitmusiker auch noch an klassischem Soul und Motown Soul; es gibt kräftig geschmetterten Mainstream Pop und R ’n’ B zu hören und manchmal auch richtige Countrymusik. In gesanglicher Hinsicht sind die interessantesten Stellen jene, an denen Twain das Stilmittel des Country-Jodlers mit der im Country weithin verfemten und eher bei Pop- und R-'n'-B-Produktionen gebräuchlichen Autotune-Software bearbeitet. Autotune-Jodeln: Das ist ein Sound, den man bislang nur aus dem südkoreanischen Teenie-Pop kannte!



© Warner

Liam Gallagher: As You Were (Warner)

Der britische Sänger Liam Gallagher wurde ebenfalls in den neunziger Jahren mit der von ihm gemeinsam mit seinem Bruder Noel betriebenen Gruppe Oasis bekannt. Oasis spielten einen mittelflotten Gitarrenrock mit gelegentlichem Orgelgetüt, den man auch als Dadrock bezeichnet; das bedeutet, dass es sich um Rockmusik von jungen Leuten handelt, deren Geschmack ausschließlich durch die Schallplatten ihrer Väter beeinflusst wurde. Stilistisch prägend wurden die Gebrüder Gallagher ihrerseits vor allem durch ihre buschigen Augenbrauen und betonierten Helmfrisuren, mit denen sie wie schlecht gelaunte Playmobil-Figuren aussahen.

Schlechtgelauntheit war auch die Grundhaltung, mit der sie in Interviews auf ihre Umwelt im Allgemeinen sowie im Verlauf ihrer Karriere zunehmend auch aufeinander, also auf den jeweils anderen Gallagher-Bruder reagierten, sodass ihre Interviews bald schon erheblich inspirierter und kurzweiliger waren als ihre Musik. Seit der Auflösung von Oasis im Jahr 2009 haben die Brüder, jeder für sich in verschiedenen Bands, eine Reihe von Platten aufgenommen, die mittelflotten Gitarrenrock mit gelegentlichem Orgelgetüt bieten oder, wie nun auf der ersten Soloplatte von Liam Gallagher, mittelflotten Gitarrenrock mit gelegentlichem Mundharmonikagetröt und schwelgenden Streichern. Die Platte trägt den Titel As You Were und begeistert vor allem durch den auf dem Cover zu besichtigenden, unnachahmlich schlechtgelaunten Gesichtsausdruck des Künstlers: Liam Gallagher ist ein Titan des Muffs.



© XL/Beggars/Indigo

Ibeyi: Ash (XL/Beggars/Indigo)

Zwei Geschwister, die sich sehr gut verstehen, bilden hingegen das Duo Ibeyi. Lisa-Kainde und Naomi Diaz debütierten vor knapp drei Jahren mit einer ebenso sanften wie klanglich kühnen Verbindung von Tradition und Moderne. Auf ihrem Debüt Ibeyi gab es kubanische und afrikanische Volksmusikstile zu hören, aber auch warm wobbelnde Bässe und klitzeklein zerklickerte Samples nach Art der neueren Laptop-Elektronik. Dazu sangen die Zwillingsschwestern in der westafrikanischen Sprache Yoruba sowie auf Französisch und Englisch; aus den hell-heiser gebarmten Melodien fielen sie immer wieder in den Erzählton von Klagegesängen.

Das ist auch auf ihrem zweiten Album Ash nicht wesentlich anders, auch hier gibt es elektronische Beats und kubanische Kastentrommeln, rituelle Gesänge und gesampelte Loops. Doch wo die Schwestern und ihr Produzent Richard Russell den Reichtum der Einflüsse auf dem Debüt einem konsequenten Minimalismus unterwarfen, sind die neuen Arrangements weit üppiger geraten und manchmal auch allzu üppig.

So werden die Diaz-Schwestern gleich zu Beginn von dem Gesang des bulgarischen Frauenchors Le Mystère Des Voix Bulgares umbraust, dessen Dunkelwucht sich schon bei den Gothic-Pop-Künstlern der achtziger Jahre großer Beliebtheit erfreute; die antirassistische Empowerment-Hymne Deathless ist mit einem in seiner Dudeligkeit eher überflüssigen Saxofonsolo von Kamasi Washington unterlegt; die bleibende Notwendigkeit der feministischen Emanzipation wird in No Man Is Big Enough For My Arms mit ausgiebig gesampelten Passagen aus einer Rede von Michelle Obama belegt. So ist Ash politisch noch engagierter als das Debüt, aber auch dicker aufgetragen und in seinem Bemühen um Eindeutigkeit manchmal etwas zu eindimensional. Bei aller bleibenden Schönheit der Stimmen fehlt der Musik drumherum jene Schroffheit, die aus dem Spartanischen kam und die Aura der Zartheit und der Verletzlichkeit umso erhabener erscheinen ließ.



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Wolf Parade: Cry Cry Cry (SubPop/Cargo)

Ansonsten haben wir ja gerade große Wolfswochen im Pop. Wölfe, wohin man schaut beziehungsweise hört: Das Londoner Indiepopquartett Wolf Alice verklebt, wie in der letzten Woche an dieser Stelle bereits berichtet, die Ohren des Publikums weiterhin mit mittelfestem Melancholieschlick; während die große Goth- und Doom-Metal-Tragödin Chelsea Wolfe auf ihrer neuen Platte Hiss Spun mantrenartigen Gesang über zähen Lärmschlamm hinwegschweben lässt. Die hervorragende Ökologie-Esoterik-Black-Metal-Gruppe Wolves In The Throne Room hat mit Thrice Woven das erste Album seit sechs Jahren herausgebracht und arbeitet weiter daran, die musikalischen Leitmotive des Genres – heiseres Herumgeschrei und brutales Blastbeatgedresche – mit einer positiven spirituellen Botschaft zu verbinden; als Gast ist die schwedische Sängerin Anna von Hausswolff zu hören.

Und schließlich – davon sollte hier eigentlich die Rede sein – verbindet das kanadische Quartett Wolf Parade wie stets, so auch auf seinem vierten Album Cry Cry Cry, hymnisch sich überschlagenden Männerduettgesang mit sinnlos komplizierten Gitarrenrockarrangements, dazu quält der singende Keyboarder Spencer Krug aus seinen Geräten sehr schöne Retrofiep- und Quietschtöne heraus. Der Gitarrist und zweite Sänger Dan Boeckner trägt übrigens eine Katzentätowierung auf seinem Oberarm, was der Tatsache, dass er in einer Band mit einem Wolfsnamen spielt, nur scheinbar widerspricht. Denn es handelt es sich um das fauchende Maskottchen der revolutionären Arbeitergewerkschaft IWW und mithin um ein Tier, das es mit jedem noch so wilden Wolf aufzunehmen vermag.