Was Annie Clark anmacht, kann sie nicht ausmachen. Wenn die texanische Wahl-New-Yorkerin bei den Konzerten ihres Projekts St. Vincent ins Publikum springt, trägt sie schon mal Verletzungen davon – und sagt hinterher trotzdem: Hier gibt es nichts zu bereuen. Singt sie über Sex, hat das weniger mit Vergnügen zu tun als mit Machtspielen, Erniedrigung und anderen kleinen Perversionen. Und geht sie zum Friseur, kann wirklich alles passieren: ergraute Dauerwelle, schwarzer Bob oder Starkstromschock nach dem Dunja-Hayali-Prinzip. Was haben Lady Gaga, Marilyn Manson und Bella Hadid gemeinsam? Sie wären gern St. Vincent. 

Schon für ihr vergangenes Album hat Clark vor drei Jahren einen Grammy gewonnen, allerdings in der Schmuddelkinder-Kategorie "Best Alternative Album". Das soll nicht noch einmal vorkommen. Ihre fünfte LP Masseduction hat die 35-Jährige deshalb mit dem Produzenten Jack Antonoff aufgenommen, bekannt als Lebenspartner von Lena Dunham und Co-Produzent der letzten Alben von Lorde und Taylor Swift. Antonoff steht für Poppräzision, Schulterpolster-Sounds und Momente der Wahrheit am Klavier. Sein Stil funktioniert am besten in Verbindung mit Textzeilen, die man von der Aussichtsplattform des Empire State Building herunterschreien möchte.

Als virtuose Sängerin und Gitarristin stand Annie Clark bisher für Songs, die immer eine Bonusidee zu vertrackt waren, um der Einkerkerung im Alternative-Fach zu entkommen. Spielte sie ein Gitarrensolo, klang das Instrument wie der Einwahlton eines Neunzigerjahre-Modems. Sang sie einen Refrain, der die Welt umarmen wollte, blieb ihre Stimme kühl. St. Vincent war verkopft, distanziert, prätentiös – das Projekt einer Frau, die gewohnt ist, die klügste und talentierteste Person im Raum zu sein. Das machte ihre Musik zur Herausforderung, darin lag der Reiz.

Masseduction lässt sich nun auf die Antonoff-Methode ein. Was nicht bedeutet, dass der Produzent die Musikerin neu erfunden hätte: Clark hat ihre Songs lediglich an die Stärken des Kollaborateurs angepasst. Viele Stücke hetzen durch kurz angebundene Strophen, um schnellstmöglich bei Refrains anzukommen, die wie gemacht erscheinen für Playlist- und Radiodominanz. Clark demonstriert den Mut und das richtige Timing für große Popgesten. Es gibt weniger Gitarre und mehr Computer als bisher, eine Hitsingle im Werbejingle-Format und ein Bündel Steine erweichender Klavierballaden.

Wäre das alles, müsste man sich Sorgen machen. Die Latex-, Leopardenprint- und Catsuit-Connaisseurin Clark wäre bloß Lorde mit besseren Klamotten. Neben ihren Ambitionen ist jedoch auch Clarks Interesse an abseitiger Inszenierung nochmals gewachsen. Schon vor 16 Monaten stellte sie den ersten Song aus Masseduction bei einem Konzert in New York vor und trug zu diesem Anlass ein hautfarbenes Toilettenkostüm inklusive Spülung. Clark lieferte beides: neuen Stoff und einen Kommentar zum Wegwerfcharakter vieler typischer Vorabsingles.