Los Angeles - Sänger Tom Petty ist tot Der Leadsänger der Band „Tom Petty and the Heartbrakers“ ist im Alter von 66 Jahren gestorben. Tom Petty hatte in seinem Haus in Malibu einen Herzinfarkt erlitten. © Foto: Eduardo Munoz/Reuters

Es war viel Dosenbier im Spiel, vielleicht ein bisschen Gras, auf jeden Fall eine verlassene Liebschaft und zwei Gitarren, ich saß neben meinem Freund Alec auf dem Boden seines Wohnheimzimmers und spielte die immer gleichen drei Akkorde, die er mir hoffnungslosem Fall geduldig beizubringen versuchte: D–G–D–A und wieder da capo, die halbe Nacht schrummelten wir diese Folge und sangen dazu, "and I'm a bad boy, 'cause I don't even miss her / I’m a bad boy for breaking her heart". Nie wieder fühlte es sich so schön an, ein Klischee zu sein.

Es muss 1990 gewesen sein, in Eugene im US-Bundesstaat Oregon, Tom Petty hatte im Vorjahr sein sagenhaft erfolgreiches Soloalbum Full Moon Fever veröffentlicht, Free Fallin' war die neue Single und gehörte an der Westküste bereits zum Great American Songbook. Zu Hause in Deutschland habe ich niemals von meinem heimlichen Faible für Petty erzählt, zu peinlich eingängig erschienen mir die Akkorde, zu platt die Texte, zu geschniegelt der vom Produzenten Jeff Lynne hochpolierte Sound, "Heartland Rock" sagen die Amerikaner. Und dann erst der Sänger selbst: Typus schlaksiger Südstaaten-Wiedergänger von Otto Waalkes, mit langen, blonden Spaghettihaaren, die weder gut frisiert noch hippiesk verfilzt waren, mit albernen Hüten und getönten Brillen und einem stets etwas verlegen wirkenden Grinsen, ein Rocker von der traurigen Gestalt.

Nein, cool war Thomas Earl Petty, als der er 1950 in Gainesville im US-Bundesstaat Florida geboren worden war, nicht. Auch nicht charismatisch-dunkel wie sein Freund George Harrison oder bärtig-viril wie Lynne oder ein Poetenprophet wie sein Traveling-Wilburys-Kollege Bob Dylan. Eher: petty. "Belanglos, unbedeutend, klein", sagt das Wörterbuch. Ein blasser Superstar, und ich fragte mich manchmal, wie er eigentlich in die Gesellschaft all dieser Titanen geraten war, und so wie er guckte, fragte er sich das manchmal auch.

Möglicherweise war gerade das Tom Pettys Geheimnis: dass er sich – bei allen exorbitanten Höhen und Abgründen, die seine Karriere aufzuweisen hatte – nicht allzu ernst nahm. In seinen Musikvideos trat er gern als psychedelischer Märchenonkel auf, irgendwo im pilzbestandenen Lalaland zwischen David Lynch, Lewis Carroll und Dr. Seuss. Zu seinem Überhit I Won't Back Down öffnet er als Impresario eine magische Schachtel, in der seine getreue Backing Band bis zuletzt, die Heartbreakers, als Musiknibelungen herumwerken. Zum von Dave Stewart produzierten (und bedauerlich schlecht gealterten) Achtziger-Dancefloorversuch Don't Come Around Here No More spielt er den Lewis Carrollschen verrückten Hutmacher persönlich und verleibt sich Alice aus dem Wunderland ein. Und zu seiner Version der uramerikanischen Legende von Aufstieg und Fall in Hollywood, Into the Great Wide Open, bescheidet er sich mit der Rolle des Vorlesers und überlässt den Part des tragischen Superstars dem Hobbysänger Johnny Depp.

Als 2004 George Harrison postum in die Rock-'n'-Roll-Hall-of-Fame aufgenommen wurde, sang Petty mit Harrisons Sohn Dhani, Steve Winwood, Prince und anderen While My Guitar Gently Weeps, so seligmachend, so säuselnd, als seien die Sixties nie vergangen. Gegen Ende des Songs spielt Prince ein Gitarrensolo, das sich der liebe Gott manchmal abends auf YouTube anguckt, um sich zu versichern, dass seine Schöpfung doch nicht ganz missraten ist – und Petty schaut Prince nur milde amüsiert dabei zu und singt stoisch weiter von seiner weinenden Gitarre. Mit ähnlichem Understatement untermalte er das Comeback des Country-Übervaters Johnny Cash, begleitete den Meister auf dessen zweitem von Rick Rubin produzierten Spätwerk, eine Zeitlang war dafür wohl der Titel Petty Cash im Gespräch, "Portokasse"; nachher hieß es dann doch Unchained. Cash revanchierte sich auf seinem nächsten Album mit einer wunderbar abgehangenen, altersweisen Version von I Won't Back Down.

Die großen Gesten waren Tom Pettys Sache nicht, auch nicht die ganz großen lyrischen Würfe, aber er hatte Selbstironie und ein Händchen für diese fabelhaften Refrains, die sich direkt in den auditorischen Cortex bohren und dort einnisten und den ganzen Abend gesungen werden wollen. Deshalb galt er als einer der besten Songwriter des 20. Jahrhunderts. Er wusste, dass free und fallin', die Freiheit und der freie Fall so nah beieinander stehen, dass dazwischen gerade mal drei Akkorde passen. Und er konnte so melancholisch singen mit seiner trügerisch harmlosen Sextanerstimme, und die Herzensbrecher modulierten dazu im Hintergrund so herrliche Harmonien aus dem Beatles/Beach-Boys/Byrds-Kontinuum, dass man ihm auch die schönsten Rockklischees bereitwillig abkaufte. "I wanna free fall out into nothin'", sang Tom Petty, D–G–D–A und wieder da capo: "Gonna leave this world for a while."

Am 2. Oktober war es so weit. Tom Petty wurde nur 66 Jahre alt.