Am Ende von Niente singen die Geigen. Sonst singt eigentlich immer Marco Michael Fitzthum, aber der hat sich schon verabschiedet aus dem neuen Album seiner Band Wanda. Stattdessen eben die raumgreifend ausholenden Streicher, dazu psychedelisch wabernde Gitarren, mehr Letzter-Walzer- als Noch-ein-Drink-Stimmung. Der Tod kommt schleichend zu den stürmischen Männern aus Wien. Immer wieder kündigt er sich auf Niente in Vorahnungen und beiläufigen Zeilen an. Bis schließlich der letzte Song den Titel Ich sterbe trägt. Uh-oh. 

Fitzthum hatte seine Band eigentlich nicht gegründet, damit sie an Geigen herumzupft. Für Wanda gilt seit 2012: keine Umwege, keine Schnörkel, bloß nichts machen, was von der eigenen Erzählung ablenkt. Sie sind die Band, die säuft und raucht und rauft, die Lederjacken über dem Unterhemd trägt und in dieser Montur durch die Stadt streunt, immer auf der Suche nach Liebe. Songs schreiben Wanda auch, aber die sind nicht so wichtig. Rock 'n' Roll ist für sie weniger Musik als Gemeinschaftsgefühl. Nur ganz bestimmte Bands können das für einen flüchtigen Moment heraufbeschwören.

Bei Wanda allerdings will sich der Moment nicht verflüchtigen. Er hat sich in den vergangenen vier Jahren verselbstständigt zum längsten Junggesellenabschied der Musikgeschichte. Platz eins in Österreich, Platz fünf in Deutschland, Platz acht in der Schweiz. Die Konzerte immer ausverkauft, die Festivals nur noch Wanda plus Rahmenprogramm. Wie geht das mit Liedern, die zwischen Gossenpose und Machopoesie bei den letzten Verbliebenen in der hinterletzten Wiener Kneipe sitzen? Wenn sie dazu eine Sprache bemühen, die außerhalb dieser Kneipe praktisch unverständlich ist?

Wahrscheinlich, indem man nicht nur eine Band gründet, sondern auch ein Versprechen gibt. Das Versprechen von Wanda lautet: Wir machen die Drecksarbeit. Der Hörer kann sich schmutzig bei ihnen fühlen, ohne sich selbst schmutzig zu machen. Die Band spielt ultraeingängigen, stets rückwärts gerichteten Poprock, der anstiftet zu Unvernunft und Dämlichkeit – aber nie zu sehr. Sie empfiehlt einen Lebensstil der Selbstverschwendung und lässt doch genug von einem übrig, damit man am nächsten Morgen halbwegs unversehrt ins Bett kriechen kann. Wandas Grenzüberschreitungen finden dort statt, wo der Zaun nicht besonders hoch ist.

Ein Coup, natürlich. Einerseits versprach die Themenfindung der ersten beiden Wanda-Alben einen Ausbruch aus dem neoliberalen Fit-for-fun-Diktat und allen anderen Hamsterrädchen, in denen die Band ihre Zielgruppe suchte und fand. Andererseits widersagte sie einer als einengend empfundenen politischen Korrektheit, laut derer man nicht mal mehr einen Blowjob einfordern dürfe, ohne als Sexist zu gelten. Mit bemerkenswertem Scheißmichnix wechselte Fitzthum zwischen Beknieungen seiner Angebeteten und ruppigen Auf-die-Knie-mit-dir-Fantasien. Seine Sünden waren groß genug, um haften zu bleiben und klein genug, um durchzukommen. Im Zweifel würd's der Herrgott schon vergeben.