Das Quartett des israelischen Trompeters Avishai Cohen ist auf Deutschlandtour und eilt von Erfolg zu Erfolg. Die Musik ist lyrisch, frei, gebunden, beglückend, schön. Anfang der Woche hat es das Publikum in der Elbphilharmonie von den Stühlen gerissen. Kurz vor dem Auftritt konnten wir den 39-Jährigen beim Essen sprechen. Seine Vorspeise wird gerade hereingetragen.

Avishai Cohen: Wann haben wir uns zuletzt gesehen? In Mailand?

ZEIT ONLINE: In Berlin, im Gretchen, vor anderthalb Jahren.

Cohen: Das war eines der ersten Konzerte mit dieser Art von Musik vor einem stehenden Publikum. Anfangs hatte ich gedacht, alle stehen, ob das wohl geht? Aber es ging. Offenbar können wir unsere Musik überall spielen.

ZEIT ONLINE: Und jetzt sind Sie auf einer Welle des Erfolgs, spielen in London, Amsterdam, Helsinki, Oslo, in der Elbphilharmonie …

Cohen: Ich war noch sie so zufrieden. Das hat auch mit meinem Umzug zu tun. Ich lebe jetzt in Indien mit meiner Frau, meinen Kindern, sie gehen zur Schule, alles ist da. Bei all der Hektik, die man als reisender Jazzmusiker hat, kann ich mir dort etwas mehr Zeit nehmen.

ZEIT ONLINE: Warum Indien?

Cohen: Wir sind in Goa, einem Ort, den ich schon seit zehn Jahren mag …

ZEIT ONLINE: … der in Israel sehr berühmt ist …

Cohen: … aber auch berüchtigt wegen der jungen Leute, die Partys machen, Drogen nehmen. Das ist bei mir nicht der Fall. Goa erlaubt mir zu sein. Ohne zu viel nachdenken zu müssen über Bürokratie und Geld und all das.

ZEIT ONLINE: Geht es da auch um Spiritualität?

Cohen: Ich mache Yoga, meine Atemübungen, meditiere. Jeden Tag nehme ich eine Privatstunde und fühle mich besser als an jedem anderen Ort. Und was die Musik angeht, sie fühlt sich so gut an wie noch nie. Das sage ich nicht einfach so daher, weil ich schon großartige musikalische Momente hatte in meinem Leben. Aber jetzt steht jeder Auftritt für sich selbst, ist eine eigene Reise. Wir kommen, und wir geben alles, was wir haben. Und ich spiele mit Musikern, die das können. So ein Glück. Und wir sind Freunde dazu. Mit Yonathan Avishai spiele ich seit 27 Jahren zusammen. Dann die letzten beiden Alben, die Reaktionen des Publikums … In jedem Konzert spüre ich, dass die Leute wirklich etwas fühlen.

ZEIT ONLINE: Die beiden letzten Alben hatten harte Themen. Der Tod Ihres Vaters, und dann dieses Stück Will I die, Miss? Will I die? das an den syrischen Jungen aus dem Video erinnert, der einen Giftgasangriff überlebte.

Cohen: Jedes Stück hat ein konkretes Thema.

ZEIT ONLINE: Wie können Hörer damit umgehen, die vom Gefühl her vielleicht gerade ganz woanders sind?

Cohen: Darauf kommt es nicht an. Ich spiele einfach die Musik. Auf der Bühne erwähne ich nie, wovon sie handelt. Die Leute haben keine Ahnung, worum es geht, aber sie fühlen es. Sie kommen nach dem Konzert und wissen, dass es um Verlust geht, um Verlangen, um Abwesenheit – ohne dass ich etwas sagen müsste. Ich möchte das auch nicht. Ich deute die Stücke nicht für sie. Sie finden es heraus. Wir gehen auf eine gemeinsame Reise und erkunden die Gefühle.

ZEIT ONLINE: Also ist das Stück über den syrischen Jungen kein politisches Statement?

Cohen: Doch, schon. Aber ich muss es nicht ausbuchstabieren. Ich nenne den Titel. Und wenn jemand mehr darüber wissen möchte, kann er es herausfinden. Aber ich sage es nicht auf der Bühne. Das Gleiche gilt für die Musik, die ich über meinen Vater schrieb. Da kommen Leute hinterher und sagen, sie hätten an ihre Großmutter gedacht oder an ihre Kinder. Man muss nicht ankündigen: Das ist traurig jetzt, Sie müssen trauern. Nein. Vielleicht macht es ihnen Freude. Die Frage "Was will uns der Komponist sagen?" ist irrelevant. Wenn man ein Buch liest, weiß man auch nicht, was der Autor im Sinn hatte. Man kann es vermuten. Wenn man einen Film sieht, weiß man nicht, was der Regisseur wirklich wollte, aber man hat Einfälle und Gefühle dazu.

ZEIT ONLINE: Wenn es Ihnen nun gerade so gut geht, werden wir demnächst Fröhlicheres von Ihnen hören?

Cohen: Verraten Sie es mir! Ich weiß es nicht. Ich kann nur spielen, was ich spiele und es in Einklang mit meinen Leben bringen. Aber dass es mir so gut geht, ist ein neues Gefühl. So zufrieden und ganz zu sein. Wenn ich morgen sterben sollte, das wäre okay.

ZEIT ONLINE: Auf gar keinen Fall!

Cohen: Ich will das natürlich nicht. Ich will meine Kinder aufwachsen sehen und ihnen zur Seite stehen, so gut ich kann. Aber ich will keiner Sache mehr hinterherjagen. Wenn ich jeden Abend spielen kann, wenn wir uns nicht wiederholen, keinen Mist spielen und keine unnötigen Noten, wenn wir es schaffen, im Gefühl zu bleiben, dann ist es das, was ich von der Musik will. Natürlich will ich keinen Stillstand. Alles dreht und ändert sich. Aber ich forciere nichts mehr.