© Azzlack

Celo & Abdi – Diaspora (Azzlack)

In zwei Jahren, vielleicht auch schon in zwei Wochen, werden sich viele deutsche Feuilletonisten dafür schämen, wie sie einst über den polyglotten Straßenrap von Haftbefehl, Xatar oder Celo & Abdi schrieben: die einen, weil sie inzwischen in ganz anderen Gefilden wildern und zum Beispiel in letzter Zeit viel lieber spanischen Dream-House gehört haben; die anderen, für die es noch Hoffnung gibt, weil sie zögernd immer erst einmal begründen mussten, warum sie diese Art von Musik überhaupt hören, sogar feiern, und deswegen zu recht peinlichen Goethe-Vergleichen griffen, weil alles andere ja doch unter ihrer Würde wäre.

Inzwischen ist der Deutschrap-Hype im Feuilleton abgekühlt, und über den Wert dieser Musik, als Wortkunst, als Ausdruck originärer Rapkultur aus Deutschland, letztlich auch als Kommentar zur Stimmung im Land, muss eigentlich nicht mehr diskutiert werden. Haftbefehl und Xatar waren 2017 schweigsam, dafür treten Celo & Abdi an, der eine Sohn von Eltern aus Bosnien, der andere von Eltern aus Marokko, beide in Frankfurt am Main geboren.

Sie haben mit einem Mixtape und inzwischen vier Alben jene Art von Deutsch popularisiert, die ihr Azzlack-Labelbruder Haftbefehl einst "Kanackiş" nannte – die Mischung aus Deutsch, Englisch, Französisch, Türkisch, Arabisch, Rotwelsch, Jiddisch und derlei noch mehr, die aus Feuilletonisten begeisterte Sprachethnologen machte, und die sich als Instrument gut dafür eignet, von einer Welt zu erzählen, die keine großen klaren Geschichten mehr hergibt.

Ihr neues Album heißt Diaspora, und es beschreibt tatsächlich eine Art von Heimatlosigkeit, mental, emotional, auch musikalisch. Drogen werden konsumiert, Deals werden gemacht, dazu französisch anmutende Trap-Beats, das Azzlack-Erfolgsrezept also. Die Dealer- und Exzessbeschwörungen – von Storys kann man kaum sprechen – bleiben seltsam leer und sind noch nicht mal psychopathisch gut gelaunt. Der Titelsong ist nachdenklicher und beschreibt eine unmögliche Ankunft in Deutschland, selbst wenn man hier geboren ist. Doch wovon Celo & Abdi eigentlich sprechen, ist eine unmögliche Rückkehr.



© Keine Liebe Records

Prinz Pi – Nichts war umsonst (Keine Liebe Records)

Es wäre zu einfach zu sagen, dass Celo & Abdi das Leben führen, das Prinz Pi gern hätte: nämlich eines mit echten Geschichten, echten Höhen und Tiefen und echten Problemen. Denn auch der Langzeitstudent ohne Imma-Bescheinigung aus Kreuzberg (eigentlich ja Zehlendorf, aber wer kennt schon den Unterschied abgesehen von der Postleitzahl) hat jede Menge Mist erlebt: Auf der Abifeier saß sein Anzug nicht, zwischendurch hatte er auch schon Sex mit Frauen, die er gar nicht liebte. Von den Erfahrungen dieser schweren Zeiten hat er sich aber nicht unterkriegen lassen, sondern ist an ihnen gewachsen und kann diese hart errungene Weisheit jetzt in Musik packen.

Nun kann es ja durchaus vorkommen, dass man morgens zum Beispiel sein Portemonnaie vergisst und dann der ganze Tag danach im Eimer ist. A Tribe Called Quest haben daraus sogar einen Song gemacht. Aus diesen ganzen Alltagsquerelen sich aber eine Außenseiteridentität konstruieren, tatsächlich sogar Diskriminierung behaupten zu wollen, dafür braucht es schon einen Profi-Solipsisten. Zwischen Retro-Beats, Piano-Loops und Gesangsparts der ähnlich gelagerten "Kopf hoch, immerhin bist du Mittelschicht"-Sänger Mark Forster und Bosse entsteht so ein Album für besinnliche Stunden während der Nachhausefahrt von der Agentur. Oder für Momente der Melancholie am Geldautomaten, weil die Putzfrau ja nur Bargeld nimmt.



© Blue Note

Gregory Porter – Nat King Cole & Me (Blue Note)

Dass aus Gregory Porter ein Star des Vocal Jazz wurde, ist schon eine Überraschung, vielleicht sogar für ihn selbst. Seine natürlich auch immer gefällige Musik geht, bei aller Café-Tauglichkeit, dann doch zu wenige Kompromisse ein und bleibt erkennbar in einer Tradition verankert, die wenig mit Pop und einiges mit Hard Bop zu tun hat. Porter schreibt nicht nur seine Songs selbst, er ist immer auch Bandleader, der seinen Musikern Raum lässt.

Ein Album mit Coverversionen von Klassikern von Nat King Cole ist auf den zweiten Blick also mutiger als auf den ersten. Denn Porter bleibt beim Klang der Originale, oder versucht es wenigstens. Wo Cole immer in Hörernähe war – so nah, als würde er einem ins Ohr flüstern –, bleibt Porter distanziert, wie auf einer großer Bühne, was zur Orchestralität der Arrangements passt. Oft legt er sogar noch eine Portion Streicher obendrauf. Gerade in den oft unerwartet langen Instrumentalpassagen entsteht so der Eindruck, gerade die Aufnahme eines Jukebox-Musicals vom Broadway zu hören.

Porter trifft in der Phrasierung stets eigene Entscheidungen, die allerdings in den meisten Fällen hinter Coles Akzenten zurückbleiben. Nur bei I Wonder Who My Daddy Is schimmert und ächzt es mal kurz, aber das mag bloß biografische Projektion sein. Dem eleganten Weltschmerz seines Helden kann Porter jedenfalls nichts entgegensetzen.



© Epic

Keyshia Cole – 11:11 Reset (Epic)


Mitte der Nullerjahre trat Keyshia Cole an, um die Nachfolgerin von R-'n'-B-Königinnen wie Monica und Brandy zu werden. Damit hatte sie immer genug Erfolg, wurde aber nie zur Ikone. Jetzt will sie auf einem neuen Label neu anfangen. Obwohl sich Cole dieses Jahr von ihrem Mann hat scheiden lassen, nachdem ihre Liebe in diversen Reality-Shows festgehalten wurde, ist ihr Album kein Lemonade-Aufguss. Schließlich hat Cole noch nie über etwas anderes gesungen als über den Kreislauf Verlieben-Herzschmerz-Triumph-Repeat.

Keyshia Cole kann jeden dieser Schritte mit glaubhaft viel Gefühl füllen, dazu passt ihre stimmliche Performance, die selten Oktav-Loopings schlägt, aber trotzdem gerade überlebensgroß genug ist, um Emotionsgewitter auszulösen. Auch bei der Auswahl ihrer Kollegen beweist Cole viel Geschick, neben dem unvermeintlichen DJ Khaled (dessen Aussprache von "mountain top" ein frühes Highlight der Platte ist) glänzen vor allem die junge Kamaiyah und Remy Ma. Trotz dieser auf Zeitgeist schielenden Gästeliste macht es sich Cole auf denkbar beste Weise im Jahr 2003 bequem, hochgepitchte Soul-Samples inklusive. Das Ergebnis ist wunderbarer und vor allem unangestrengt fließender R 'n' B.