© Xtra Mile Recordings

Beans on Toast – Cushty (Xtra Mile Recordings)

Jay McAllister sieht schwarz: Big Data stiehlt uns die Privatsphäre und Massentierhaltung alle Lebensgrundlagen, Populisten lügen, Kapitalisten betrügen, überall Fake, Verfall und Gewalt. "The world is dying/shit is getting serious/everybody's lying/it's impossible to tell the truth", singt er mit zerkratzter Stimme und folgert beweint von einer Geige, wie uns die Angst im Griff hat. "Worryworryworry…" Selbst für Berufsoptimisten wie den Songwriter McAllister aus Sussex, der als Beans on Toast seit mehr als zehn Jahren den britischen Antifolk aufmischt, wirkt die Zeit hoffnungslos. Nur ernst, das ist sie nicht. Und deshalb steckt sich der Zauselbart zum Auftakt seiner neunten Platte eine Sonnenblume an die Kappe, tanzt durchs Industriegebiet, betont im zugehörigen Video, er sei nun seine eigene Propagandamaschine und glaube einfach nur noch, was sie ihm einflüstere. Es muss was Schönes sein. Denn so beschwingt, furchtlos und humorvoll, wie Beans on Toast auf Cushty die Untiefen des Lebens feiert, scheint ihn nichts auf Erden je unterkriegen zu können. Nicht mal der Brexit, für den er in The Ignorant Englishman auf Deutsch um "Entschuldigung" bittet. Der Untergang kann doch recht unterhaltsam sein.



© Through Love Records

Dialects – Because Your Path Is Unlike Any Other (Through Love Records)

Es ist natürlich ein schöner Twist, sich als Instrumentalband Dialects zu nennen. Weil die vier Freunde aus Glasgow bis auf seltene Refrainpeitschen weitgehend auf Gesang verzichten, sind sprachliche Färbungen per se ausgeschlossen. Umso erstaunlicher ist es, wie sehr ihr Debütalbum mit sich und dem Publikum zu reden scheint. Schon die erste Single, das vielschichtige Auftaktstück Superluminal, feilt mitunter hauchzartes Picking ins Gitarrenbrett, als bäte es schüchtern um Gehör. Später dann beginnt die Hi-Hat von Szymon Ostasz, aufgeregt in Sechzehnteln zu flüstern. Überhaupt – dieser Schlagzeuger. Er firmiert als ordnende Hand, nur um die Soundwände ringsum kurz darauf dekonstruktiv zum Einsturz zu bringen. Wie im Mathcore üblich ist Because Your Path Is Unlike Any Other schließlich Schlagzeugmusik, für ungeübte Ohren völlig unberechenbar, für geübtere oft reine Notenzählerei. Doch anders als im Mathcore üblich, ergehen sich die Dialects dabei nicht im Wettbewerb der vertracktesten Metren, sondern machen die zehn Stücke zum Gesprächsstoff. Dem schönsten seit Langem.



© This Charming Man

Hey Ruin – Poly (Cargo Records)

Linke Haltung zu zeigen, ist leicht dieser Tage. Schön über die AfD lästern, etwas auf Trump schimpfen, bisschen FDP-Bashing – von rechts bieten sich ja massig Gegner zur moralischen Selbstvergewisserung an. Wer da nicht den richtigen Tonfall trifft, klingt allerdings leicht mal moralinsauer. Voriges Jahr zum Beispiel, als Hey Ruin ihr Debütalbum veröffentlicht haben, suchten die fünf Punkrocker aus Köln und Trier spürbar verkrampft nach gerechtem Zorn mit poetischer Note. Ihr Indiesound wirkte unreif, der Gesang plakativ, der alternativen Systemkritik fehlte jedes Augenzwinkern, vor allem aber Geist. Nun aber schafft der Nachfolger Poly die Wende zum melodischen Hardcore abseits phrasenhafter Parolen und reiht sich ein zwischen Captain Planet und Fehlfarben, die ihr falsches Leben im Falschen mit mehr Eigensinn und Spielfreude vertonen. Wenn Sebastian Frost das Leid der Bootsflüchtlinge als Mord besingt und im Titeltrack Feuerfeuerfeuerfeuer für die Verantwortlichen fordert, erreicht das zwar noch nicht die metaphorische Wucht der Referenzgrößen von Love A bis Die Nerven. Doch zur linken Haltung zählt auch: Der Weg ist das Ziel. Hey Ruin sind auf einem guten.



© Pistol Packin' Music

Miss Li – A Woman's Guide To Survival (Pistol Packin' Music)

Vorausgesetzt, Haltung ist ein Gebot der Stunde, fällt sie besonders dort auf, wo man es am wenigsten erwartet. Im Dancepop etwa, Spielplatz von Linda Carlsson. Als Miss Li tummelt sich die schwedische Grammy-Gewinnerin zwar stilsicher im Spannungsfeld von Disco und Trash, Nischentheater und Mehrzweckhalle. Dummerweise aber ist diese Aufmerksamkeitsindustrie anfällig für ein Missverständnis: Wer sich als Frau darin optisch präsentiert wie, sagen wir Lady Gaga, bedient schnell das Klischee inhaltlicher Leere. Es lohnt sich also, an Miss Lis schillernder Fassade vorbeizuhören. Wenn der Titeltrack A Woman's Guide To Survival im dissonanten Synthiegewand erklärt, wie schwer es für Mädchen in einer visuellen Welt ist, Substanz zu zeigen, beweist ihr neues Album nicht nur dem Namen nach Rückgrat. Anstatt sich aber in Sack und Asche zu hüllen, gibt Miss Li weiter den Paradiesvogel mit Botschaft. Produziert von denen, die schon Rihannas Grenzgang zwischen emanzipiert und sexy inszeniert haben, entspinnt sich ein Panoptikum aus Trap, Pop, R'n'B und EDM, in dem Songs wie The Day I Die durchaus Charts-Appeal ausschwitzen. Doch mit rauer Stimme macht Miss Li daraus eine Demonstration der Selbstermächtigung. Zum Tanzen. Und Krafttanken.



© Golden Robot Records

The Cherry Dolls – Viva Los Dolls (Golden Robot Records)

Fliegersonnenbrille, Motorradlederjacke, Siebzigerjahrematte, dazu dreckig verzerrtes Gitarrengeschrammel, "Come on!" im Chor und "Uaaahhh Yeah" obendrauf: Australischer Pubrock hat sich seit den Stadionausgaben von AC/DC bis Rose Tattoo mehrmals gehäutet, aber nicht grundlegend geändert. Obwohl ihr Debütalbum Viva Los Dolls mit Psycho-Grooves und Sixties-Elementen durchsetzt ist, stehen auch The Cherry Dolls in dieser Tradition. Mit stoischen Phil-Rudd-Drums und schlichten Bon-Scott-Vocals rotzt das Quintett aus Melbourne einen Sound zu Boden, der sich nie die Mühe macht, außergewöhnlich, elaboriert, gar intellektuell daherzukommen. Refrains wie "I'm addicted to love" führen das Metier lieber auf den Kern des Augenblicks zurück. Riff, Refrain, Bridge dürfen, müssen aber nicht, der Bass wie eine Kneipenschlägerei, one-two-three-four ab die Post! Wenn Josh Aubry, Jacob Kagan, Jim Stirton, Brendan West und Thomas van der Vliet die Bühne betreten, tropfen Whisky und Schweiß von der Decke, bis alles klebt. Für Außenstehende ist das nichts als ein tausendfach reproduzierter Junggesellenabschied, für alle anderen die Quintessenz der Nacht.