In der Anfangszeit haben sich Kritiker oft lustig gemacht über AC/DC und ihre vermeintliche Dummheit. Da haben sie wohl was verwechselt. Wer so einen völlig zeitenthobenen Seelentröster, einen in die Konstitution aller Pubertanden dieser Erde schier hineinkriechenden Song wie T.N.T. zu schreiben vermag, kann gar so tumb nicht sein. Das ist der Grund für den grandiosen Erfolg der Band, vor allem und zunächst mal unter minderjährigen Jungs: Man muss nicht verstehen, worum es in ihren Songs geht, um die Songs zu verstehen.

Ihre ausgestellte Simplizität ist denn auch nicht mangelnder musikalischer und instrumentaler Kenntnis geschuldet, sondern schlichtes Kalkül oder, wenn man so will, ästhetische Notwendigkeit. AC/DC sind der radikale Pragmatismus des Plebejers, der mit seinen Mitteln haushalten, jeden Pfennig dreimal umdrehen muss, aber dennoch ganz gern mal über die Stränge schlägt, ins Rockmusikalische gewendet. Hier herrscht eine Ökonomie, die noch jedem einzelnen Akkord Bedeutung beimisst. Hier macht es noch einen Unterschied, ob der letzte Ton vor dem Chorus gedämpft, abgestoppt oder stehen gelassen wird, weil er aufgeladen ist mit kompositorischer Bedeutung, weil die Dramaturgie zum Teufel wäre, weil man den Fehler sofort hören würde, wenn der Rhythmusgitarrist sich im Modus vergriffe.

Aber der Konjunktiv war immer ein Irrealis, denn hier war Malcolm Young der Rhythmusgitarrist, die beste rechte Hand des Rock'n'Roll.

Ein Open Air im Niedersachsenstadion in Hannover, es waren die frühen neunziger Jahre. Bei Let there be rockpeitschte Malcolm seine Herde voran und Angus gab seinen notorischen Ritt auf des Lieblingsroadies Schultern durch die Menge, als plötzlich – vermutlich hat er sich zu weit von der Bühne entfernt, die Reichweite des Senders überschritten – die Sologitarre ausfiel. Was dann folgte, ist schwer in Worte zu fassen, wie immer, wenn man einer Epiphanie teilhaftig wird:

Malcolm Young sah nicht einmal auf, geschweige denn vor Überraschung seine Mitmusiker an. Angus Youngs Leadgitarre gab nichts mehr von sich, war mausetot. Sein Bruder Malcolm indes schlug weiter seine Akkorde. Er wurde nicht schneller, nicht langsamer, gab keine einzige Note, keine einzige rhythmische Variante dazu und ließ auch nichts weg. Er schlug einfach seine Akkorde. Und schlug. Und schlug. Minutenlang war nur diese sattsam bekannte Riff-Folge zu bestaunen. Aber das reichte vollkommen, das Publikum explodierte förmlich. Malcolm sah immer noch nicht auf, aber eine überirdische Lumineszenz umspielte ihn und seine zerschundene 1963er Gretsch Jet Firebird, ein Heiligenscheinchen, das möglicherweise dem gewieften Lichtmixer zu verdanken ist – und dessen metaphysische Qualität trotzdem außer Frage stand. Kein Angus-Solo hätte diese konzentrierte, rohe Durchschlagskraft haben können, das war die Essenz von AC/DC, und 50.000 Menschen wussten es und feierten ihn dafür.

Malcolm Young war schon längere Zeit angeschlagen. Zunächst erkrankte er an Lungenkrebs und wurde wieder gesund, später litt er an einer Herzinsuffizienz und ließ sich einen Schrittmacher einpflanzen, sogar von einem Schlaganfall erholte er sich und lernte all die Riffs neu, die er sich zusammen mit Angus ausgedacht hatte. Aber sein Gehirn war offenbar doch ernster beschädigt als zunächst gedacht. Man steckte ihn in ein Heim für Demenzkranke – und machte ohne ihn weiter. Es hingen offenbar zu viele Arbeitskräfte dran, um den Laden AC/DC einfach so zu schließen. Eine Pietätlosigkeit war es dennoch.

Vor Jahrzehnten, bald nach dem Verlust ihres charismatischen Sängers Bon Scott, hatten sich die Gebrüder Young geschworen, den Bettel hinzuschmeißen, wenn einem von ihnen etwas passierte. Jetzt war der Ernstfall eingetreten und jetzt gab es eben doch einen Plan B. Ihr Neffe Stevie Young sprang ein, der schon mal für eine Tour ausgeholfen hatte, als Onkel Malcolm in einer Suchtklink saß. AC/DC nahmen sogar noch ein Album auf, aber Rock or Bust offenbarte nur zu deutlich, wer hier fehlte.

Wie sehr Malcolm Young den Unterschied macht, lässt sich leicht herausfinden, wenn man eine beliebige AC/DC-Coverversion mit dem Original vergleicht. Es scheitert gar nicht zuallererst am Gesang, es scheitert an Grundlegendem. Es fehlt die Essenz.

Am 18. November ist Malcolm Young im Kreis seiner Familie mit 64 Jahren gestorben.