Ob Matthias Reim, wenn er sich morgens aus dem Bett erhebt, seine Glieder streckt und in die Puschen schlüpft, diese alltägliche Handlung wohl schon als Wiederauferstehung bezeichnet? Zuzutrauen wäre es ihm. Dieser Mann schläft nicht nur und wacht nicht einfach auf wie unsereins, nein: Er überlebt die Nächte. So wie er seit Jahren alles überlebt, den Ruhm, den Abstieg, seine Karriere und sich selbst. Sein ganzes Leben mithin, das in der Rückschau in viele Tausend Leben zerfällt, in all die Tage, an denen er eben wiederauferstanden ist, aus der Asche der Tage zuvor. Sein aktuelles Album heißt: Phoenix. Es erklomm Platz zwei der Charts.

Das war mir, um ehrlich zu sein, bislang recht gleichgültig. Ich kenne seinen Hit Verdammt, ich lieb' Dich, wer kennt ihn nicht? Ich habe in den Illustrierten im Wartezimmer gelesen, dass dieses Lied ihm nicht viel Glück gebracht hat, dass er mal ziemlich pleite war, und dass er, ohne je weg gewesen zu sein, ein Comeback nach dem anderen feiert, weil er offenbar öfter und tiefer abstürzt als andere, als ich selbst etwa. Es gibt eigentlich nichts, das mich mit Matthias Reim verbindet.

An diesem Samstagabend Ende November jedoch, in einem sehr dürftig beleuchteten Hinterhof in Berlin-Mitte, bei Nieselregen und sich anbahnender Erkältung, wünsche ich mir nichts sehnlicher, als dass dieser Matthias Reim aus seiner klammen Asche wiederaufersteht, und zwar schleunigst.

"Bitte rufen Sie die Auskunft an"

Laut Einladung soll hier, in einem Etablissement namens Secret Garden, die Party zu seinem 60. Geburtstag stattfinden, zu der ich als Reporter entsandt worden bin. Doch nichts deutet darauf hin, dass hier jemals etwas dergleichen vorgesehen war. Kein Licht scheint in den Fenstern, die Nummer des Lokalbetreibers ist unbekannt, "bitte rufen Sie die Auskunft an". Die Pressedame, die die Einladung verschickt hat, hat ihr Telefon gleich ganz ausgestellt. Tropfen fallen auf eine Mülltonne, eine Katze niest im Verborgenen, ich sage: "Gesundheit". Sie antwortet nicht.

Drei einsame Spaziergänger lasse ich passieren, ohne sie zu fragen, ob hier irgendwo Matthias Reim seinen Sechzigsten feiert, weil ich nicht für einen verirrten Fan gehalten werden möchte. Der vierte, den ich schließlich doch anspreche, rennt lachend davon. Ich überlege kurz, ob ich der Pressedame auf den Anrufbeantworter weinen soll. Hoffentlich niest die Katze noch einmal.

In solchen verregneten Hinterhöfen, bei Nacht, beginnen vermutlich all die Matthias-Reim-Videos, die ich nie gesehen habe, denke ich dann. Und plötzlich halte ich es für möglich, dass auch das hier eine Inszenierung ist. Dass Reim gleich um die Ecke kommt, in Jeans und Lederjacke, mit einer Gitarre über der Schulter und wie von Zauberhand trocken gebliebenem Haar, durch die Pfützen auf mich zuschreitet und raunt: "Hey. Ich bin's, Matze. Verdammt, ich lieb dich."

Es ist dann doch profaner, zum Glück oder auch leider, ach, es ist mir inzwischen einerlei. Die Pressedame ruft zurück und teilt mir fröhlich mit, dass sie es versäumt habe, mich über die Verlegung der Veranstaltung an einen anderen Ort zu informieren, offenbar als Einzigen. Aber keine Sorge, ich würde noch rechtzeitig kommen, der Matthias rocke erst in einer guten Stunde los, sagt sie, "ja, bis gleich dann, tschüssi". Und während ich, triefnass und demoralisiert, die dunklen Straßen entlang in Richtung Clärchens Ballhaus stapfe, bereitet sich Matthias Reim im trockenen, warmen Backstagebereich auf seine tausendste Wiederauferstehung anlässlich seines 60. Geburtstages vor. Dieser Phönix, denke ich, ist schon ein drolliger Vogel. Phönix müsste man sein.