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Morrissey: Low In High School (BMG)

Man möchte milde lächeln über den Knaben mit der Axt vorm Buckinghampalast. Doch Steven Patrick Morrissey, dienstälteste Giftspritze des Britpop, meint es wohl auch auf seinem elften Soloalbum ernst mit dem Hass auf die Monarchie. Wie die vorangegangenen Alben ist Low In High School hochpolitisch, musikalisch allerdings fehlt der Biss. Der frühere The-Smiths-Sänger klagt die Mainstream-Medien an und nutzt dafür ausgerechnet 08/15-Pop mit Gitarren und Schlagzeug im Bombastrockformat. Schwierig, die majestätischen Bläserfanfaren als Sarkasmus zu lesen, während sich die Produktion von Joe Chiccarelli (The Strokes, Beck, White Stripes) ungebremst im Pomp ergeht.

Im Song Jacky's Only Happy When She's Up On The Stage möchte Morrissey den Union Jack als Star auf der politischen Bühne sehen. Das riecht nach Pro-Brexit und passt zu seinem sonstigen Nationalismusgeschwafel. Dadurch verlieren die zarteren Töne vom Piano oder der Latin-Touch ebenso an Glaubwürdigkeit wie die Reflexionen über amerikanische Außenpolitik, Nahostkonflikt und Arabischen Frühling. Nicht nur der Sturm und Drang des Britpop ist lange vorbei, die Reminiszenzen an Black Sabbath und The Sweet kommen noch gestriger daher. Im Video zu Spent The Day In Bed sitzt Morrissey nach seiner Krebserkrankung im Rollstuhl, und bleibt doch die sich in Widersprüchen umtänzelnde Protestdiva.

 

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Textor & Renz: The Days Of Never Coming Back And Never Getting Nowhere (Trikont)

Einmal das komplette Gegenteil, bitteschön. Radikaler und minimalistischer geht Songwriting nicht. Der Rapper Textor aus Ulm, ehemals Mitglied bei Kinderzimmer Productions, singt hier mit seinem Kumpel Holger Renz auf Englisch. Für ihre dislozierten Westernballaden nehmen sie sich alle Zeit der Welt. Jeder Zupf am Kontrabass verhallt für sich allein, tiefe Noten tropfen in die endlose Weite von Stundenzwischenräumen. Blues? Vielleicht die Twangs und Claps in Boom-Clap, doch der Gesang erinnert eher an Nick Cave als an Muddy Waters und die Gitarren-Slides vibrieren langsamer, als eine Träne rollen kann. Country? Aber gänzlich ohne Fransen und Ziernähte. Selbst das mantraartige Zitat Rock'n'Roll is here to stay zwingt niemanden zu gar nichts, die acht Songs brauchen keine Genre-Heimat. Und sind damit wie gemacht für das Münchner Label Trikont, wo schon vorangegangene Platten von Textor & Renz erschienen sind. Gerade feiert man dort ein respektables Jubiläum: 50 Jahre Independent-Musik aus aller Welt.

 


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Spirit Fest: Spirit Fest (Morr Music)

Sie zeigen den Ausweg aus der Herbstdepression, ohne die Tonlage zu ändern: Spirit Fest, eine kleine Supergroup aus Mitgliedern von Notwist, Tenniscoats, Jam Money und Joasihno. Im Winter 2016 haben die Elektronikmusiker zehn Songs innerhalb von 14 Tagen in einem Münchner Ministudio aufgenommen, einen verwunschenen Soundtrack für die leisen Popmomente an November- und Dezembernachmittagen. Unwiderstehlich klingt selbst Klischeehaftes wie der drollige Merseybeat aus dem Keyboardmusterkatalog oder das perlende Piano im Eröffnungsstück Déjà vue. Die Regentropfen am Fenster werden von Notwists Markus Acher ins nasale Timbre getaucht, im Wechsel mit dem Sopran von Saya vom japanischen Duo Tenniscoats. Experimentelles Saitenklirren haucht der Romantik etwas Verfremdung ein, bevor in Mikan der zärtlichste je gehörte Basstrommelschlag anklopft. Ein Vermählungszauber des Ex-Weilheimer Spirit mit seinem asiatischen Pendant.



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Andreas Spechtl: Thinking About Tomorrow, And How To Build It (Bureau B)

Ein Stipendium führte Andreas Spechtl für zwei Monate nach Teheran, wo Konzerte oft in Privatwohnungen stattfinden. Die Situation in der iranischen Metropole gebot auch ihm, Liveauftritte innerhalb des temporären Tonstudios abzuhalten. Das Abenteuer von Schleichwegen und sublimen Netzwerken prägt jetzt sein neues Album und erinnert ein wenig an "geheime" Technoparties zu Beginn der Neunzigerjahre. Musikhistorisch geht Spechtl noch weiter zurück, er verpflanzt die Ideen von Can und Conrad Schnitzler in eine gesampelte Hauntology aus traditionellen persischen Percussion- und Saiteninstrumenten. Unter den teheranischen Fieldrecordings swingen die Vierviertel der Bass Drum wie eine sanfte, durchlässige Matrix. Im Free-Jazz-Modus wandern die Bläser hinein, orientalisiert kommen sie heraus, um sich im Freigeist von Krautrock aufzulösen.

Das Fremde, das Eigene und die (Un-)Möglichkeit von Utopie beschäftigen den Sänger und Gitarristen der Diskurspop-Band Ja, Panik schon länger, zuletzt in seinem surrealistischen Experiment Sleep von 2015. Jetzt trägt Thinking About Tomorrow, And How To Build It die Utopie schon im Titel. "Future Memories jagen dich", singt Spechtl mit lapidarer Stimme, "if you are afraid of Dunkelheit, turn on the light". Eine traumwandlerische Reise zwischen Nähe und Distanz, Selbstverortung und Diffusion, ein warmer Gegenwind in Zeiten politischer Hetze und schriller Angstdebatten.