Xans don’t make you, Xans gone take you, Xans gone fake you, Xans gone betray you. Der Rapper Lil Xan wiederholt diese Worte in seinem Song Betrayed wie ein Mantra, mit schwerer Zunge, als müsse er diese letzte Nachricht jemandem überbringen, bevor er ins Delirium stürzt. Der 21-Jährige gehört zu jener US-amerikanischen Rapszene, die die New York Times im Sommer als New Underground Rap beschrieb. Deren Protagonisten bewegen sich musikalisch zwischen Trap und Emo und feiern Drogen als ihr größtes Hobby. Allen voran verschreibungspflichtige Medikamente wie den Angstlöser Xanax oder Purple, auch Lean genannt, ein Cocktail aus Limonade und lilafarbenem codeinhaltigem Hustensaft. Zwei der Substanzen, die an der aktuellen Drogenkrise in den USA großen Anteil haben: Mindestens 59.000 Amerikaner sollen im letzten Jahr an einer Überdosis gestorben sein. Das sind 161 Menschen am Tag. Der Präsident Donald Trump hat deshalb den Gesundheitsnotstand ausgerufen.

Lil Peep, ein anderer Rapper, den die New York Times als "Kurt Cobain der Szene" bezeichnete, ist vergangene Woche gestorben, unter Einfluss von Xanax und dem Opiat Fentanyl. Gustav Åhr, so sein bürgerlicher Name, entsprach nicht dem klassischen Bild eines Hip-Hoppers. Er war weiß, im Gesicht gepierct, trug jede Woche eine neue Haarfarbe, von Platinblond bis Pink. Sein Look war androgyn und er war offen bisexuell. Auf seiner Stirn prangte der Schriftzug "CryBaby", unter dem Auge ein zerbrochenes Herz. Auch sein Sound unterschied sich von dem Pimp-Gewalt-Party-Battle-Duktus, der im US-amerikanischen Hip-Hop vorherrscht. In seinen Texten geht es um Drogen, Depressionen und Suizidgedanken. Seine Beats sind langsam und melancholisch. Man könnte Lil Peeps Musik als Emo-Rap bezeichnen. Ein wenig erinnert sie an Eminem, hat aber kaum Ambitionen, im großen Hip-Hop-Game mitzuspielen.

Diesen Sound hört man auch bei XXXTentacion, Lil Xan oder dem Schweden Yung Lean. Sie sind die sad boys des Rap und teilen neben der Liebe zu Drogen vor allem ihre Onlinestrategien. Sie gehören zu den sogenannten Cloud-Rappern, abgeleitet von der Musikplattform SoundCloud, auf der sie ihre selbst produzierten Tracks veröffentlichen. Mit ihren Musikvideos erzielen sie auf YouTube Millionen Klicks, sodass man eigentlich kaum noch von Undergroundmusik sprechen kann – das Video zu Lil Xans Betrayed wurde mehr als 44 Millionen Mal angesehen. Auf Instagram, wo sie intime Fotos, Abstürze und Drogenexzesse teilen, als wäre es das Normalste der Welt, folgen ihnen ebenfalls Millionen Menschen.

Wie Snapchat als Musik

Die meisten Cloud-Rapper sind um die 20, ihre Musik und ihre Inszenierung in den sozialen Medien beeindrucken vor allem Teenager. Weil sie als besonders authentisch empfunden werden vielleicht, oder weil sie ein ähnliches Versprechen geben wie die Castingshows: Jeder kann es schaffen. Von älteren Stars jedenfalls grenzt sich diese Szene deutlich ab. Ihr ganzer Style ist dezidiert der ihrer Generation. Auch wenn sie sich mitunter bei älteren Subkulturen bedienen lassen – wie Emo, Punk oder natürlich dem klassischen Hip-Hop: Ihre Art, Musik zu machen, sie zu verbreiten, mit den Fans zu kommunizieren, ist neu.

Cloud Rap lässt sich zwar nur schlecht an stilistischen Maßstäben festmachen – zu unterschiedlich sind die Künstler und ihre Sounds. Gemeinsam ist ihnen dennoch, das sie eher nach heimischem Bastelstudio klingen als nach Hochglanzproduktion. Lo-Fi sind auch die simplen Texte, die meist auf Wiederholungen beruhen. Hohe Dichtkunst sind sie selten. Viele Cloudrapper nuscheln oder lallen ihre Phrasen zäsurlos vor sich hin. Eine Eigenart, die sicherlich nicht zuletzt ihrem Drogenkonsum geschuldet ist, sich aber zu einem eigenen Stil entwickelt hat. Man kann das als Unvermögen deuten, als Persiflage des klassischen Hip-Hop oder als Totalverweigerung, Abgrenzung vom Establishment, Rebellion gegen das Erwachsenwerden. So was wie Snapchat als musikalisches Gesamtkonzept.