Seit Jahren überzieht der ehemalige Pink-Floyd-Bassist Roger Waters Künstlerinnen und Künstler, die in Israel auftreten wollen, mit Boykottaufrufen und Kampagnen. Vor zwei Wochen noch hat er sich eine heftige Auseinandersetzung mit Nick Cave geliefert, weil dieser in Tel Aviv aufzutreten gedachte – und sich von Roger Waters partout nicht von seinem Plan abbringen lassen wollte. Darum ließ die von Waters unterstützte antiisraelische Organisation BDS (Boycott, Divestment and Sanctions) beispielsweise vor dem Berliner Nick-Cave-Konzert Flugblätter verteilen, auf denen der Sänger inmitten von Leichen und eines brennenden Ghettos gezeigt wurde. Nick Cave blieb davon unbeeindruckt und wehrte sich auf einer Pressekonferenz in Tel Aviv gegen Waters und seine Freunde. "Ich liebe Israel und die Menschen in Israel", sagte Cave, und er wolle mit seinen Auftritten dort auch "prinzipiell Stellung beziehen gegen jeden, der versucht, Musiker zu zensieren und zum Schweigen zu bringen".

Jetzt macht Roger Waters erstmals selbst die Erfahrung eines Boykotts – auch wenn es nur ein kleiner Boykott ist, nicht zu vergleichen mit den Kampagnen, die er gegen andere Künstler entfacht, aber immerhin doch: ein Zeichen. Am Sonnabend jedenfalls verkündete der WDR-Intendant Tom Buhrow, dass sein Sender sich aus der Präsentation des Kölner Konzerts von Roger Waters im kommenden Juni zurückziehen wird. Eine Kölner Bürgerin hatte zuvor eine Petition initiiert und mit 1.500 Unterschriften an Buhrow gesandt. "Will der WDR tatsächlich das neue 'Kauft nicht bei Juden' unterstützen? Und dann auch noch mit öffentlich-rechtlichen Mitteln?" fragte sie darin – eine Anspielung darauf, dass Waters und BDS auch zum Boykott von Firmen aufrufen, die aus Israel stammen oder in Israel tätig sind. Buhrow antwortete: "Ich spüre, dass nicht viele Worte und Argumente Sie überzeugen werden, sondern nur eine eindeutige Handlung. Deshalb komme ich Ihrer Bitte nach: Die Zusammenarbeit für das Konzert ist beendet." Bis zum Dienstag zogen auch andere Rundfunkanstalten – NDR, SWR, BR und rbb – ihre Medienpartnerschaft mit der Waters-Tournee zurück.

Roger Waters' Konzertveranstalter Marek Lieberberg gab umgehend ein empörtes Interview: Er empfinde die Aktion "als absolut lächerlich", sagte er der Zeitung Mannheimer Morgen, er könne und wolle Waters "sein Recht auf Meinungsfreiheit nicht bestreiten". So versuchte Lieberberg, den Boykotteur und Kampagnenführer Waters zum unschuldigen Opfer umzudeuten, dem von bösen Gutmenschen das Recht auf freie Rede beschnitten werden soll. Das ist das gute Recht des Veranstalters, schließlich will er mit seinem Künstler auch weiterhin Geld verdienen. Dennoch handelt es sich bei Lieberbergs Unterstellungen natürlich um Unfug: Denn Waters kann weiterhin sagen, was er denkt, und Konzerte geben, wo immer er mag. Nur dass diese Konzerte nun nicht mehr mit dem Geld öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalten unterstützt werden (wobei ohnehin zu fragen wäre, ob die Präsentation von Stadionrock-Shows eine vernünftige Verwendung unserer Rundfunkgebühren darstellt).

Niemand zensiert Waters' Konzerte

Es will ja auch Waters niemand verbieten – wie in den sozialen Netzwerken nun schon gleich wieder krakeelt wird –, die israelische Politik zu kritisieren; Kritik zu üben ist jederzeit angebracht und berechtigt. Roger Waters übt aber eben nicht nur Kritik an einer Regierung und ihrer Politik. Er unterstützt eine Organisation, die sich den totalen Boykott eines Landes und all seiner Einwohner zum Ziel gesetzt hat. BDS will, dass überhaupt keine ausländischen Künstler mehr in Israel auftreten und keine israelischen Künstler mehr im Ausland. So startete die Organisation im vergangenen August wegen der Teilnahme einer einzelnen israelischen Sängerin eine Kampagne gegen das Berliner Pop-Kultur-Festival – die Künstlerin wurde also nicht als einzelner Mensch, sondern ausschließlich als Angehörige eines Volkes gesehen, deren Anwesenheit dazu führte, dass die gesamte Veranstaltung boykottiert werden musste. Diese Denkfigur ist ohne Zweifel antisemitisch, und das heißt: Auch wenn Roger Waters selbst kein Antisemit sein mag, so unterstützt er eine im Kern antisemitische Organisation. Das wenigstens sollte man wissen, wenn man ein Konzert von ihm besucht.

Und im übrigen: Nicht nur die Meinungsfreiheit von Roger Waters ist schützenswert, sondern auch die Freiheit von Meinungen, die seiner eigenen nicht entsprechen. Gerade das aber wird von Waters und seinen BDS-Freunden nicht akzeptiert. Sie debattieren ja gerade nicht mit politisch Andersdenkenden. Sie machen Kampagnen, und das heißt – wie die Veranstalter des Pop-Kultur-Festivals und die dort auftretenden Künstler berichten konnten –, sie drohen und schüchtern ein, sie üben Druck aus. Und weil BDS in den Ländern des Nahen Ostens sehr gut vernetzt ist, mussten sich etwa ägyptische Künstler, die bei dem Festival auftreten wollten, diesem Druck beugen und ihren Auftritt absagen, egal ob sie das wollten oder nicht: Wenn man sich den Boykottaufrufen von BDS widersetze, sagte etwa der aus Kairo kommende Musiker Islam Chipsy, riskiere man seinerseits einen kompletten Auftrittsboykott in den arabischen Ländern.

Jemand wie Nick Cave kann sich diesem Druck widersetzen, und das hat er mit seinen Auftritten in Tel Aviv ja auch gerade getan; wie vor ihm schon Radiohead, die hinterher die von Waters gegen sie entfachte Kampagne als "zermürbende Erfahrung" bezeichneten. Eine junge Band aus der Region kann diesem Druck und dieser Zermürbung nicht so leicht standhalten. Dass jemand wie Roger Waters, der sich in seinen Konzerten immer gern als tapferen Streiter gegen Diktaturen darstellt, diesen zutiefst autoritären Zug der BDS-Kampagnen ausblendet, ist entweder heuchlerisch oder dumm. Wer sich seine Musik trotzdem anhören will, kann das jederzeit tun, aber von öffentlichen Institutionen dieses Landes müssen Waters' Konzerte wirklich nicht unterstützt werden. Darum ist die Entscheidung der öffentlich-rechtlichen Rundfunkstationen richtig. Und Marek Lieberberg sollte sich vielleicht doch noch einmal überlegen, in wessen Gesellschaft er sich da befindet.