Als dann auch noch die Sache mit dem Schal passierte, schien sich die Welt endgültig gegen Taylor Swift verschworen zu haben. Kürzlich wurde die Schauspielerin Maggie Gyllenhaal in einem Interview auf die Popsängerin angesprochen ­– erstens, weil in Amerika alle über Swift reden, wenn diese ein neues Album herausbringt; zweitens, weil Swift vor einigen Jahren mit Maggies ebenfalls schauspielerndem Bruder Jake zusammen war. Ihr Abschiedsgeschenk an den Ex war damals ein Song, in dem die Swift einen Schal erwähnte: Sie wollte ihn in Maggies Wohnung vergessen haben und haderte nun poetisierend mit dem unwiederbringlichen Verlust. Maggie Gyllenhaal dachte kurz nach und sagte dann, an einen solchen Schal könne sie sich nicht erinnern.

Ginge es nicht um Taylor Swift, wäre die Geschichte kaum eine Meldung im Berliner U-Bahn-Fenster wert. Es geht aber um Taylor Swift, und deshalb kommen Gyllenhaals Worte einem ultimativen Diss gleich. Autobiografisch geprägte und oftmals detailfreudig ausgestaltete Songs über Ex-Freunde und -Liebschaften haben sich im Verlauf von Swifts 13-jähriger Karriere zu ihrer Paradedisziplin entwickelt. Nicht nur Amerikas vorderstem frat boy John Mayer dürften noch immer die Ohren schlackern, wenn er an die Stücke zurückdenkt, die sie an ihn adressierte. Wer die Wahrhaftigkeit dieser Songs infrage stellt, spricht Taylor Swift ihre Daseinsberechtigung ab.

Schon vorher war die Maschine nicht mehr rund gelaufen. Nach der Veröffentlichung ihres letzten Albums 1989 im Oktober 2014 verhedderte sich die Sängerin unvorteilhaft in eine Reihe von Twitter-Fehden, unter anderem mit Nicki Minaj und Katy Perry. Streitereien mit diversen Streaming-Diensten über angemessene Tantiemen wurden ihr mehrheitlich als Feldzug im Namen der Habgier ausgelegt. Selbst aus einem Zwist mit Kanye West und Kim Kardashian ging sie als moralische Verliererin hervor – obwohl der Rapper ihr eine der sexistischsten Zeilen in seinem an sexistischen Zeilen weiß Gott nicht armen Repertoire gewidmet hatte.

Das sechste Album von Taylor Swift steht nun unüberhörbar im Zeichen dieser Ereignisse. Es heißt Reputation und ist eine Platte der leichten Sticheleien und schweren Aufwärtshaken. Swift verabschiedet sich damit endgültig vom Country- und Radiopop ihres Frühwerks, um auf die härteren Gangarten umzuschwenken, die der US-Mainstream hergibt: Trap-Rap, EDM und Hedonisten-R'n'B nach dem Vorbild von The Weekend. Es gibt Sex, Lügen und Alkohol, aber Partystimmung will nicht aufkommen. Der Tonfall ist genervt auf Reputation, die Abrechnungen erscheinen kleinkariert. Swift übernimmt die Rolle der Popschurkin, und die große, komplizierte Frage des Albums lautet: Warum tut sie sich das an?

Vielleicht, weil es bei ihr schon immer um Bewunderung ging. Als Taylor Swift noch in einer wohlhabenden Kleinstadt in Pennsylvania lebte und herausfand, dass die anderen Kinder ihre Vorliebe für Countrymusik nicht teilten, soll sie ihren Eltern einen Umzug nach Nashville aufgeschwatzt haben. Als sie einige Jahre später zur Genre-Sensation herangewachsen war und bereits zig Millionen Alben verkauft hatte, suchte die versierte Songwriterin die Zusammenarbeit mit Profis wie Max Martin und Jack Antonoff. Erfolgreich forcierten die derzeit produktivsten Hitfabrikanten Swifts Durchbruch im Country-skeptischen Rest der Welt.