© Capitol/Universal

Sam Smith – The Thrill of It All (Capitol/Universal)

Es ist immer schön, wenn ein junger Künstler ein Thema gefunden hat, das sein Schaffen fortan leitmotivisch zu strukturieren vermag. Wovon das neue Album des britischen Soulsängers Sam Smith handelt, ließ sich bereits anhand der ersten Single erahnen, die vor einigen Wochen erschien. Sie heißt Too Good at Goodbyes und erzählt davon, dass sich der Sänger bei einem geliebten Menschen dafür entschuldigt, dass er allzu oft Abschied von ihm nimmt. Um Abschiednehmen und Entschuldigung geht es nun auch in sämtlichen anderen Liedern, die Smith auf seinem neuen und zweiten Langspielwerk The Thrill of It All versammelt hat. In Midnight Train nimmt er beispielsweise von einem geliebten Menschen Abschied, um dann mit dem Mitternachtszug in die Fremde zu fahren, während das Stück One Last Song davon handelt, dass er für einen geliebten Menschen noch ein Lied singt, bevor er sich von ihm verabschiedet. In dem Stück Burning thematisiert er hingegen den beklagenswerten Gefühlszustand nach der Trennung von einem Menschen, den er einst liebte.

Seine Karriere begann Sam Smith 2012 als Sänger für das damals aufstrebende britische House- und Techno-Produzentenduo Disclosure. In der gemeinsamen Debütsingle Latch kontrastierte seine warme soulvolle Stimme sehr schön mit schweren, magnetischen Bässen und einer reduzierten, xylophonartigen Melodie. Schon auf Smiths Solo-Debütalbum In the Lonely Hour (2014) waren solche Kontraste und jeglicher Klangmodernismus aber zugunsten eines formatradiofreundlichen Soulpops getilgt. Und da seine Manager und Produzenten mit dem Nachfolgewerk nun insbesondere den US-amerikanischen Markt zu erobern gedenken, sind die Soul-Elemente hier noch wuchtiger und gospelhafter geworden. Es gibt diverse Call-and-Response-Chöre zu hören, aber auch Rockballaden mit Streichern, ein schunkelndes Doo-Wop-Stück und hier und da ein Saxofonsolo.

Das erstaunlichste Stück trägt den Titel Him und verbindet den Smithschen Entschuldigungsfimmel mit einem schwulen Coming-out. Das heißt: Er entschuldigt sich sowohl bei seinem Vater als auch beim lieben Gott dafür, dass er nicht so geworden ist, wie es sich die beiden dachten. Aber er kann nun einmal nicht anders – er liebt eben Männer. Das ist schön und kompetent tränendrüsendrückend gesungen, aber es bleibt doch die Frage, ob man mit derlei unterwürfiger Wedelei der Sache der queeren Emanzipation gute Dienste erweist. Wenn der liebe Gott ein Problem mit dem Schwulsein hat, muss man das als Schwuler noch lange nicht zu seinem eigenen machen.



© Sony Music

Pete Wolf Band – Happy Man (Sony Music)

An komplett neuen Klängen versucht sich hingegen der Künstler, der unter dem Namen Pete Wolf sein englischsprachiges Debütalbum veröffentlicht hat. Auf Happy Man finden sich zwölf geschmackvoll ausgewählte Cover-Versionen von Country-, Blues- und Yacht-Rock-Stücken aus den vergangenen vier Jahrzehnten. Es herrscht ein insgesamt melancholischer Grundton, und nicht selten werden in den Liedern existenzielle Lebenskrisen thematisiert. So covert Pete Wolf beispielsweise Beth Harts Leave the Light On, worin die Künstlerin von ihrer Drogensucht erzählt und davon, wie ihr der Entzug das Leben gerettet hat; auch Jesus Take The Wheel von Carrie Underwood gibt es zu hören, worin es darum geht, dass die Sängerin mit ihrem Leben nicht mehr klarkommt, weswegen Jesus mal bis auf Weiteres an das Steuer muss.

Pete Wolf hieß früher übrigens Wolfgang Petry und war ein erfolgreicher Schlagersänger, mit Liedern wie Wahnsinn oder Verlieben, verloren, vergessen, verzeihn begeisterte er seit den Neunzigerjahren ein Millionenpublikum. Dann beendete er 2006 seine Karriere, schnitt sich die langen Locken ab und verschwand eine Weile in der Versenkung. Jetzt ist er mit Kurzhaarfrisur und Zehntagebart wieder da, in seinen Videos tritt er im Styling eines frisch verrenteten Fernfahrers auf, mit verwaschenem T-Shirt, schmuddeliger Jeans-Jacke und Basecap. Am besten hat mir auf dem Happy-Man-Album seine Version von I’d Really Love To See You Tonight von England Dan und John Ford Coley gefallen – ein Hauptwerk des Soft- oder auch Yacht Rock der mittleren Siebzigerjahre. Womit Pete Wolf alias Wolfgang Petry auf der Höhe des Zeitgeists ist, denn die bestinformierten Hipster der Stunde tanzen und schunkeln gerade am liebsten zu solcher Musik.



© Rabid Records / [PIAS] Cooperative

Fever Ray – Plunge (Rabid Records / [PIAS] Cooperative)

Das Gegenteil von Softrock – man könnte es vielleicht als Hardpop bezeichnen – bietet Karin Dreijer Andersson alias Fever Ray auf ihrem neuen Album Plunge, dem ersten, das sie seit acht Jahren herausgebracht hat. Auf ihrem Debüt Fever Ray sang sie 2009 zu dunklen Ethno-Maschinen-Beats vom Freud und vom Leid ihrer damals gerade abgeschlossenen Schwanger- sowie nun beginnenden Mutterschaft und präsentierte sich bei ihren Konzerten zu gemütlicher Stehlampenbeleuchtung als Schamanin in einem Büffelgewand, während ihre Mitmusiker in Schnabelmasken auf mikrofonierten Baumstämmen musizierten. Das war toll! Danach wandte sie sich in dem mit ihrem Bruder Olof betriebenen Duo The Knife allerdings immer unsinnlicheren Konzeptpopkonzepten zu; bei ihren letzten Konzerten kamen die Geschwister Dreijer selbst gar nicht mehr auf die Bühne, sondern ließen sich aus Gründen der Repräsentations- und Authentizismuskritik von schlecht angezogenen Aerobictänzerinnen und -tänzern vertreten.

Mit The Knife ist es vorbei, und seither kehrt auch die Sinnlichkeit in die Musik von Fever Ray zurück. Plunge – auf deutsch etwa: plötzliches Fallen oder Abstürzen – erzählt von einer neuen, gerade erblühenden Liebesbeziehung, in die sich die Sängerin interessiert und munter hineinbegibt. "Your lips / Warm and fuzzy / I want to run my fingers / up your pussy", heißt es in der ersten Single To The Moon and Back, aber nicht nur wegen dieser körperlichen Vorzüge ihrer Partnerin gefällt Fever Ray der Sex mit ihr so gut, sondern auch, weil sie beim Kopulieren ebenso gern hart rangenommen wird wie die Sängerin selbst: "You are my favourite pain", heißt es in dem Stück Red Trails, in dem blutige Kratzer und Schlieren beschwärmt werden. Spaß und Schmerz sind auch in der Musik kein Widerspruch. Sie changiert zwischen heiterem Elektropop und fies ziependen Störgeräuschen; und mit den Extremelektronikern Peder Mannerfelt und Paula Temple und der tollen tunesischen Technoproduzentin Deena Abdelwahed hat Dreijer in ihrem Team einige der interessantesten jungen Stimmen der elektronischen Musik versammelt.



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Call Super – Arpo (Houndstooth)

Wer nach all dem anstrengenden sadomasochistischen Sex ein wenig geistige und körperliche Erholung sucht, dem sei das neue Album des Londoner Produzenten Joe Seaton alias Call Super empfohlen. Als DJ pflegt er seit einigen Jahren schön bunten und wuschigen House aufzulegen und zu langen, entspannt-psychedelischen Sets zu verflechten; auf seinem Albumdebüt Suzi Ecto bot er 2014 hingegen überraschend splittrigen Disruptionstechno dar. Sein zweites Werk Arpo pflegt nun einen weitaus lebensbejahenderen Ton sowie Beats, die sich meist im Schritttempo bewegen. Gemütlich brummende Bässe werden mit engmaschig geloopten Marimbaphonmelodien kombiniert sowie mit drollig gequakten Oboensoli, auch hört man wohliges Schnurzen von einem schlafenden Partygast und das liebliche Vogelgezwitscher des nächsten Morgens. Man kann sich dazu so treiben lassen und von kommenden Schmerzen träumen oder von einem geliebten Menschen, von dem man sich nie wieder verabschieden möchte.