© Nonesuch

Robert Finley: Goin' Platinum! (Nonesuch)

Das zweite Album von Robert Finley ist zwar an sich kein Wunder, dafür seine Entstehung. In den Sechzigern kam Finley in Louisiana mit dem Blues in Berührung, spielte in kleinen Bands und in der Army, und wurde irgendwann zum Schreiner. 2015 fand ihn eine Wohltätigkeitsorganisation für alte Bluesmusiker, woraus sich tatsächlich ein Plattenvertrag für den inzwischen Halbblinden ergab. Ob er auch in seinen besten Jahren mit Bobby "Blue" Bland und Albert King hätte mithalten können, sei dahingestellt: Heute sind Musiker wie er, die buchstäblichen zu Füßen der Großen gelernt haben, gering an der Zahl und reich an Aura.

Der Vintage-Fetischist Dan Auerbach spürte das auch, veröffentlichte Finleys Debüt auf seinem Label und produzierte und schrieb sein zweites, das unter dem optimistischen Titel Goin' Platinum! erscheint. Finley darf, anders als der späte John Lee Hooker, allein singen, dafür hat er Veteranen in seiner Begleitband und am Schreibtisch. Dass der Pubrocker Nick Lowe einen Song beisteuert, passt gut: Finley ist mehr Entertainer als Bluespoet, der summend leidet. Das Songmaterial ist, obwohl neu verfasst, charmant abgenutzt, und das ganze Album wirkt eher wie die britischen Versuche aus den Sechzigern und Siebzigern, nach amerikanischem Blues zu klingen. Dass ein Blueser aus Louisiana 2017 klingt wie Joe Cocker 1970, der klingen will wie Ray Charles 1958: Vielleicht schließt sich da ein Kreislauf, und vielleicht geht danach die Welt unter.



© Tallac Records

Booba: Trône (Tallac Records)

Es war vor fast genau zwei Jahren, als beim immer noch nicht legendären Soundclash Sido vs. Haftbefehl der sonst so harmlos wirkende Laas Unltd. die gefährlichste, weil wahrste line gegen den Straßenrapper aus Offenbach landete: "Du klaust bei Amis und Franzosen, erst Biggie, dann Booba." Haftbefehl ist nur einer von vielen Rappern Deutschlands, die Boobas Erfolgsrezept übernommen haben: blutige Straßennarrative wie aus den Neunzigern über hallende Trap-Beats, die nicht immer krachen, sondern wie durch Häuserblocks schweben.

Deutschen Kennern ist Booba aus Frankreich seit Ouest Side (2006) ein Begriff – das Cover zitiert ein Album von Boogie Down Productions, das wiederum ein Foto von Malcolm X nachstellt und dann von Haftbefehl für ein Mixtape aufgegriffen wurde. Diese Zirkulation von afroamerikanischen Bildern, Ideen, Idealen und Posen, die irgendwie auf europäische Verhältnisse übertragen werden sollen, macht einen wesentlichen Reiz der Musik von Booba aus. Im Gegensatz zu seinen Fans aus Frankfurt und Offenbach belässt er es bei gelegentlichen arabischen Einsprengseln und bleibt sonst beim Französischen. Überhaupt ist das Album glatter, fast schon träger als seine Vorgänger oder die Werke seiner Epigonen, nur Gastauftritte bringen Schärfe. Booba verkündet zwar mit Recht, auf dem Trône zu sitzen, aber da nickt der König eben auch schnell weg.



© Sony

Barbra Streisand: The Music ... The Mem'ries ... The Magic! (Sony)

Adelig ist auch Barbra Streisand, denn sie ist die Königin des ... was eigentlich? Ihr Durchbruch als Hauptdarstellerin des Musicals Funny Girl liegt mehr als fünfzig Jahre zurück, seitdem war sie nie wieder als Darstellerin am Broadway zu sehen, der letzte Filmauftritt ist fünf Jahre her und die Alben der vergangenen zehn, fünfzehn, zwanzig Jahre verschmelzen eher miteinander. Streisand ist einfach die Königin des Streisand-Seins. Denn wer sonst könnte echtes Können auf großer Bühne mit Pathos verbinden, ohne in Vegas-Kitsch zu ertrinken?

Dass dieses Können sie nicht verlassen hat, bewies sie im vergangenen Jahr auf einer großen Tour, die auf einem Livealbum und in einer Netflix-Doku festgehalten wurde. Es ist eine reine Nostalgie-Veranstaltung: Streisand singt Songs auf fünfzig Jahren und erzählt dabei Anekdoten. Die Auswahl ist vorhersehbar, aber ihre Stimme ist im besten Sinne gealtert. Auch ein Jahrhundertsong wie Being Alive aus dem Sondheim-Musical Company schneidet im Vergleich mit ihrer ersten Einspielung sehr gut ab, weil der Achtziger-Nebel sich verzogen hat. Dafür gibt es etwas gruselige Duette vom Band mit dem verstorbenen Anthony Newley, und jeder Nebensatz, jedes Räuspern von Streisand wird frenetisch beklatscht. Würde sie gestehen, dass sie gerne Wasser trinkt: die Leute würden in Ohnmacht fallen. Eine fast außerirdisch abgehobene Künstlerin – jede auch nur halbwegs menschliche Geste wird von ihrer Anhängerschaft als Zeichen der Urmutterschaft gewertet. Barbra Streisand ist die jüdische Beyoncé.



© ATO Records

Jim James: Tribute To 2 (ATO Records)

Vor einem Jahr nahm Jim James ein ganzes Album auf, das eine einzige Hommage an den langen konstanten Orgelton in Isaac Hayes' Version von By The Time I Get To Phoenix Soul darstellte. Als wolle James zum Nachfolger von Black Moses erklärt werden, Ginger Jesus. Jetzt geht der Kopf von My Morning Jacket noch weiter und sampelt gleich den ganzen Beginn des Songs – um dann I Just Wasn't Made For These Times von den Beach Boys zu covern.

Denn auch Tribute To, Vol. 2 ist eine Hommage an seine Lieblingskünstler. Dass er das eigentlich kann, hat er zusammen mit Calexico schon auf der großen Leinwand bewiesen, doch diesmal springt der Funke nicht über. James vermag es nicht, alten Geist in neue Songs hineinzuatmen oder neuen Geist in alte Songs, nein, er covert sie einfach nur. Auf der vorangegangenen EP widmete er sich nur George Harrison, hier pickt er eklektischer neben den Beach Boys und Dylan auch Songs von Willie Nelson, ELP oder Irving Berlin.

Nichts davon ist ironisch, aber es brodelt auch nichts, weder im Stillen noch im irren Psych-Soul wie auf seiner vorherigen Platte. Am Ende dampft er Blue Skies sogar auf knapp eine Minute ein. Auch traurig, wenn eine einzige Orgelnote mehr Vitalität hat als ein ganzes Album.