Achtung, dieser Konzertbericht ist zu 100 Prozent improvisiert, das heißt, ohne Überlegung formuliert, und ich schiebe das nur nur kurz vorweg, damit Sie sich beim Lesen nicht wundern. Artikel sind ja normalerweise durchdacht, dieser nicht! Ich füge Wort an Wort, und es gibt kein Zurück, keine Schnitte, keine nachträglichen Overdubs. Gewissermaßen können Sie mir beim Schreiben zusehen, und das muss nicht unbedingt angenehm sein.

Ein Experiment, gut, wie kommt man darauf? Schuld ist eine Band, die jetzt in der Elbphilharmonie aufgetreten ist, ohne geprobt zu haben. Klavier, Kontrabass und Schlagzeug stehen auf der Bühne, drei ältere Herren treten ins Licht und begeben sich an ihre Instrumente. Erst einmal geschieht nichts. Der Schlagzeuger sortiert sein Besteck, der Bassist stimmt sein Instrument, was er auch vorher hätte tun können. Der Pianist sitzt regungslos vor seinem Flügel. Eine fummelig-ereignisarme Weile vergeht. Dann rührt sich keiner mehr.

Sie haben nicht nur nicht geprobt; sie wissen auch nicht, was sie jetzt spielen werden. Alles, was jetzt kommt, kommt komplett aus dem Moment. Dafür sind sie berühmt, in Australien und auf allen Kontinenten, deshalb hat man sie nach Hamburg eingeladen, in dieses berühmteste Konzerthaus der Welt oder jedenfalls Norddeutschlands, das ausverkauft ist wie immer, wenngleich ein paar Plätze im vorderen Drittel des Kleinen Saals frei sind, wohl wegen der Erkältungswelle. Wenn doch jetzt jemand hustete!

Aber es bleibt still, und die Frage ist, wer von den dreien anfängt, denn dass sie alle drei gleichzeitig loslegen, scheint ausgeschlossen zu sein, weil es eines Zeichens bedürfte, das in einer Band, die auf jede Organisation verzichtet, niemand geben kann.

Sägen, Sägen, Glöckchen, Glöckchen

Der Pianist beginnt mit wenigen Noten im oberen Register, die er wiederholt wiederholt. Und so entsteht Struktur: Ein Ton mag für sich stehen, zwei treten schon zueinander in Beziehung und eröffnen einen Raum für weitere Noten und die Mitspieler auch. Der Bassist sägt mit dem Bogen an den Saiten, der Schlagzeuger lässt Glöckchen durch die Finger gleiten.             

So geht es los, und eins gibt das andere, das andere, wiederholt, wiederholt. Keine Melodien, keine Harmonien, keine Rhythmen, dafür Tremololololo, Sägen, Sägen, Glöckchen, Glöckchen, Glöckchen.
Kann man einen Konzertbericht ohne Verben schreiben? Hier müsste man's. Diese Musik springt nicht zwischen Terzen und Quinten, variiert keine Themen. Sie erhebt sich auf der Stelle aus Wiederholung, Verklebung, Verdichtung.

Nun geschehen seltsame Dinge, Dinge, Säge, Säge, Glöckchen, Glöckchen, Reiben, Reiben, auf den Trommeln und den Trommelfellen, der Schlagzeuger steif hinter seinen Becken, der Pianist unbewegt, ein tönender Buchhalter, Achtung, Achtung, Steuerprüfung!

Keine Stücke, keine Unterbrechung, weiter, weiter, lauter, lauter. Unbewegt auch das Publikum, bis auf die, die gehen. Elbphilharmonie gesehen und tschüss.

Was war das?

Irgendwann verschwimmt meine Aufmerksamkeit. Ich bin im Klang, in einer Wolke aus Tönen. Ich schwebe in mir, ich döse, ich schlafe kurz ein. Schaue mal kurz auf die Uhr, vielleicht in dem Moment, da zum ersten Mal die Basstrommel schlägt, die Uhr zeigt eine Ewigkeit an.

Die Musik schwillt in minutiöser Langsamkeit zu einem Minimaltantra an, umwölbt von den tausend Busen, die unermüdliche Tischler in die Holzwände des Kleinen Saals gefräst haben, vorgeblich zum Zwecke der vollendeten Schalldiffusion.

Eine Tischlerfantasie oder reine Akustik? Die tausendfach gewölbte Saalwand © Ulrich Stock

Nach einer Dreiviertelstunde fällt der Tonschwall plötzlich in sich zusammen, es kommt zu einem organisch auslaufenden Schluss. Meine Güte, was war das?

"Gottseidank", sagt jemand hinter mir. Er geht jetzt. Die drei Musiker empfehlen sich in die Pause. Dann spielen sie noch ein Stück, ich finde es nicht so gut wie das erste. Aber wer bin ich, und was ist gut?

Hinterher verkaufen sie ihre Musik im Foyer, große Nachfrage. Der Bassist kann kaum an seinem Rotwein nippen. Ich kaufe mir die erste Platte, die sie je aufgenommen haben, und das ist lange her, denn sie spielen seit 31 Jahren zusammen. Die drei älteren Herren signieren mir das Album unter ihrem Foto, das drei junge Männer zeigt: den Pianisten Chris Abrahams, den Bassisten Lloyd Swanton, den Schlagzeuger Tony Buck. Die Platte heißt Sex.