Mit der Popmusik ist es ja folgendermaßen: Sie war schon immer ein Tummelplatz von wirren Köpfen und Freaks. Sie wurde schon immer von Künstlern und Künstlerinnen bevölkert, die auf Nachfrage oder auch ungefragt zweifelhafte politische Ansichten kundtaten oder sich als sexistische Machos entpuppten; wie oft hatte man nicht schon nach der Lektüre eines Interviews oder eines Musikerporträts das Gefühl, dass man von einem Menschen, der so abseitige Ansichten hegt oder so unangenehm auftritt, eigentlich auch keine Musik mehr hören möchte. Beispielsweise pflegte einer der Pioniere der Rock-'n'-Roll-Musik, Elvis Presley, pädophile Neigungen und einen Schusswaffenfetisch und unterhielt gute Beziehungen zu politisch mehr als zwielichtigen Typen wie dem zeitgenössischen US-Präsidenten Richard Nixon. Viele Menschen hindert das bis heute nicht daran, Presleys Musik gern zu hören – weil ihnen der zweifelhafte Charakter von Elvis entweder egal oder unbekannt ist oder weil sie der Ansicht sind, dass man zwischen dem Künstler und seinem Werk trennen sollte.

So weit, so normal. Dennoch wurde das gerade abgelaufene popmusikalische Jahr zu wesentlichen Teilen von der Frage bestimmt, ob man die Musik von bestimmten Menschen eigentlich noch hören darf oder möchte, obwohl sie sich gerade als gefährliche Trottel und/oder sexistische oder anders geartete Charakterschweine entpuppt haben – als wäre der Umstand, dass nicht alle großen Musiker auch helle Köpfe oder moralische Lichtgestalten sind, dem Publikum ganz neu in den Blick geraten. 2017 schien sich die Duldsamkeit des Publikums mit musizierenden Trotteln und Schurken deutlich verringert zu haben; andererseits erklomm auch der Irrsinn auf Seiten der Künstlerschaft erstaunliche Höhen.

Das begann bei dem Lieblingssoulsänger der Deutschen, Xavier Naidoo, und seinem Frühlingshit Marionetten, in dem er alle Menschen, die politisch tätig sind, zur Tötung freigab. "Wenn ich nur einen (Politiker) in die Finger bekomme", hieß es darin, "dann zerreiß ich ihn in Fetzen / und da hilft auch kein Verstecken hinter Paragraphen und Gesetzen". Töten müsse man alle Politiker, weil sie "Tatsachen verdrehen" und sich "an Unschuldigen vergehen". Auf der Seite der rechten Wutbürger sorgte das sogleich für Begeisterung: "Xavier Naidoo ruft zum Widerstand", jubelte das Pegida-Magazin Compact, und auch die NPD Rhein Neckar freute sich über ihren Parteigänger. Andernorts fragte man sich, ob Naidoo überhaupt noch ein ernstzunehmender Künstler ist.

Die richtige Antwort darauf lautet: ja und nein. Auf der einen Seite muss man nicht mal besonders streng sein, um festzustellen, dass Naidoos verkrampftes Geknödel alles Mögliche ist, aber keine ernstzunehmende Kunst. Auf der anderen Seite sollte man wenigstens seine politischen Aussagen absolut ernst nehmen. Das war bislang kaum der Fall, dabei war Naidoo schon verschiedentlich als Festredner bei Reichsbürgern, Putinfreunden und Antisemiten aufgetreten. Während einer der ersten Montagsdemonstrationen 2014, aus denen sich dann später Pegida entwickelte, erklärte er seinen Zuhörern, warum Deutschland immer noch "kein richtiges Land" ist – weil es nämlich immer noch "von den Amerikanern besetzt ist" und deswegen auch "keine richtige Verfassung" besitzt. Gerade die Mehrheit seiner Musikerkollegen neigte dennoch eher zum Schmunzeln und Relativieren, nach dem Motto: Irgendwie ist der Vogel nicht ganz frisch in der Birne, aber er gehört doch zur Familie. Wer immer Naidoo kritisierte, wurde als Mitglied einer linken "Gesinnungspolizei" (Marek Lieberberg) oder als "Terrorist" (Til Schweiger) diffamiert.

Wäre Morrissey doch im Bett geblieben

Nach dem Marionetten-Song blieben Naidoos sonst so leicht erregbare Freunde erstaunlich ruhig. Offenbar hatte er damit nun doch eine Grenze überschritten, jenseits der er nicht mehr zu verteidigen war – oder die politische Lage im Land ist derart ungemütlich geworden, dass man auch als wohlmeinender Naidoo-Anhänger seine rechten Auslassungen nicht mehr als drollige Spinnereien verniedlichen kann. Auf seinem neuen, dann im November erschienenen Album Für Dich hielt er sich mit politischen Äußerungen jedenfalls zurück.

Ähnlich wie Steven Patrick Morrissey, der gleich zu Beginn seines neuen Langspielwerks Low In High School bekundete, angesichts der politischen Weltlage keine Nachrichten mehr zu hören und stattdessen lieber im Bett zu bleiben (Spent the Day in Bed). Das wäre als weiteres semi-interessantes Spätwerk eines einstmals bedeutenden Künstlers durchgegangen, hätte dieser nicht kurz nach dem Erscheinen des Werks seine aktuellen politischen Ansichten in einem Interview ausführlich dargelegt. Gegenüber der Spiegel-Reporterin Juliane Liebert beklagte Morrissey unter anderem den Umstand, dass Angela Merkel durch ihre Politik der "offenen Grenzen" Berlin zur "Vergewaltigungshauptstadt" gemacht habe. Im übrigen sei es wichtig, dass Deutschland deutsch bleibe und beispielsweise auch Frankreich französisch. Nach diesem Interview wurde wieder die Frage gestellt, ob man "jetzt noch" Morrissey-Platten hören kann, wo doch "aus dem zynischen Zweifler endgültig ein Idiosynkrat geworden" sei, wie es in der ZEIT hieß.