Die Unesco hat Orgelmusik und Orgelbau zum Weltkulturerbe erklärt. Über die Nachricht jubelt der Journalist in mir, aber noch viel mehr der Orgelbauer. Ich hole die CD mit Franz Liszts Präludium und Fuge über B-A-C-H hervor, drehe die Lautstärke auf Anschlag: Gänsehaut. B-A-C-H, wie Bach, Johann Sebastian; der Kantor der Thomaskirche aus Leipzig.

B, A, C, H – das sind vier Töne, sie liegen auf der Klaviatur so eng beieinander, so bar jeder Harmonik, dass kaum jemand etwas Vernünftiges draus komponieren kann. Franz Liszt, geboren ein Jahrhundert nach Bachs Tod, hat diese vier Buchstaben zu Musik gemacht, die Konzertsäle und Kirchen abheben lassen kann, oder auch meine Wohnküche. No gags with names, heißt es im Journalismus. Keine Namenswitze. Bloß gut, dass Liszt das noch nicht wusste.

Doch nicht jeder erschaudert glücklich, wenn Liszt im fortefortissimo Akkorde aneinandernagelt und die vom Ohr ersehnte harmonische Auflösung bis kurz vor dem Schlussakkord aufspart. Wenn er aus vier Tönen ein Drama entwickelt, einen Krimi schreibt. Vor einiger Zeit klingelte meine Schwester, als Liszts B-A-C-H gerade wieder im Küchenregal Tassen und Gläser mitschwingen ließ. "Was ist das denn!", übertönte sie, leicht pikiert, das Tosen aus den Lautsprecherboxen. "So was legen sie doch bei Edgar Wallace als Musik drunter, wenn der Mörder gerade zusticht."

Ja, die Fangemeinde der Orgelmusik ist überschaubar, die Gefolgschaft der Königin der Instrumente ist klein. Orgel-CDs schlagen Organisten und Kirchgemeinden mühsam im Direktvertrieb los. Es gibt auch Orgelmusik auf Spotify, doch die Abrufraten sind bescheiden. Hand aufs Herz: Wann sind Sie das letzte Mal in einem Orgelkonzert gewesen? Wenn Sie jemanden kennen, schreiben Sie es bitte unten in den Kommentarbereich. Bevor ich Journalist wurde, habe ich als Kulturmanager selbst Orgelkonzerte veranstaltet. Nicht ohne Erfolg, aber es gab auch welche, da kamen zehn Besucher – in einer Kirche mit 1.500 Sitzplätzen sieht das nicht gut aus.    

Tief im Osten Sachsens, wo diese Kirche steht, habe ich nach der Schule Orgelbauer gelernt. Ich konnte Klavier spielen und habe schon als Kind viel gelötet. So genügten zwei Ferienjobs in der Firma, um den Meister davon zu überzeugen, dass er den Richtigen einstellt. Der private Zehn-Mann-Betrieb war in den Jahren direkt vor dem Mauerfall der Rückzugsort einer eingeschworenen Truppe von – heute würde man sagen – linksliberalen Individuen, deren Neigung zum Handwerk die Liebe zur Musik übertraf. Morgens hörten wir Deutschlandfunk. Unsere Morgenandacht war nicht die christliche um 7.35 Uhr, sondern die Rubrik Aus Ostberliner Zeitungen – eine von Westjournalisten kommentierte Presseschau der gelenkten DDR-Staatspresse. Vormittags lief an meiner Hobelbank auf Kurzwelle Radio Luxemburg, wo Hörer Reisen gewinnen konnten, wenn sie am Telefon Fragen zu fernen Ländern richtig beantworteten. Am Zeichenbrett stand "der Alte" – also der Meister und Betriebsinhaber, und entwarf, was wir im nächsten Jahr bauen würden.

Beim Prüfen der Pfeifen © privat

Wir hobelten und leimten das Holz von Kiefern, Fichten, Eichen, wir gossen Zinn und Blei zu Platten und bogen es über stählernen Formen zu Pfeifen. Wenn wir auf dem nah gelegenen Lagerplatz beim Holzstapeln schneller fertig wurden, vergammelten wir die Zeit bis zum Feierabend mit einem Bier und philosophierten, ob nun Gottfried Silbermann das Maß aller Dinge sei oder er doch nur ein gewöhnlicher anderer sächsischer Orgelbauer war. Es gab keinen Zeitplan, keine Normen. Wenn sich die Arbeit an einem Instrument in der Werkstatt dem Ende zuneigte, sagten wir den Kirchgemeinden Bescheid, dass die Montage bald beginnen werde. Dann nahmen wir für mehrere Wochen in Pfarrhäusern Quartier, die Orgelemporen der Kirchen wurden unser Arbeitsplatz. Wenn es draußen zu kalt war, rauchten wir drinnen.

Danach machte ich Zivildienst, ein paar abenteuerliche Jobs später studierte ich Kulturmanagement. Die Lokalchefin der Zeitung fragte, ob ich nicht mal über Kultur schreiben wolle, statt Kultur zu veranstalten. Das brachte mich an die Journalistenschule.

Und so unähnlich sind sich Orgelbau und Journalismus gar nicht. Der Orgelbauer recherchiert vor Ort, prüft die Raumakustik, plant, zeichnet. Ein Unikat entsteht. Es ist Handwerksarbeit. Und wenn sie besonders gut gelingt, setzt man sich sogar selbst ein Denkmal. Das schmeichelt dem Ego. In meinen sechs Lehr- und Berufsjahren habe ich an vier Instrumenten mitgebaut. Im selben Takt wechselten sich in der Neuzeit die Krisen einander ab: erst die Banken, dann der Euro, die Flüchtlinge. Es gibt Recherchen, die dauern anderthalb Jahre – wie der Bau einer Orgel in meiner kleinen ostsächsischen Werkstatt. 

An einem Tag haben sich meine Vergangenheit als Orgelbauer und meine Gegenwart als Journalist neu gekreuzt: 2015, während eines Gedenkkonzerts für Helmut Schmidt. Da lauschte der gesamte ZEIT-Verlag in der Hamburger Jakobikirche der Arp-Schnitger-Orgel und gedachte seines verstorbenen Herausgebers.