Als der Rapper Eminem vor ein paar Wochen sein neues Album Revival veröffentlichte, wurde ihm nicht zuletzt um die Ohren gehauen, dass er für eines seiner Stücke den Song Zombie von den Cranberries gesampelt hatte. "In your hee-aaad / In your hee-ee-ee-aaad": Auf einem Hip-Hop-Album aus dem Jahr 2017 klang das ungefähr so frisch und passend wie ein abgestandenes Glas Guinness auf einer Cocktailparty.

1994, als Zombie ans Licht der Welt trat, gab es wohl kaum eine Party, auf der das Lied nicht aufgelegt wurde. Monatelang stand es in Deutschland, Frankreich, Belgien, Dänemark und Australien an der Spitze der Charts, in den USA erreichte es immerhin den ersten Platz der Alternative Billboard Charts und wurde im folgenden Jahr bei den MTV Europe Music Awards als bester Song ausgezeichnet. Das Lied machte die Cranberries über Nacht zu Weltstars – und tatsächlich hatte die Band aus dem irischen Limerick bei dem Song so ziemlich alles richtig gemacht: Der Text war zugleich politisch und konsensfähig, er gemahnte an die nordirischen troubles, genauer an die IRA-Anschläge im englischen Warrington, bei denen im Jahr zuvor zwei Kinder getötet worden waren. Musikalisch bediente sich das Lied bei der bewährten Grunge-Formel, die Nirvana drei Jahre zuvor perfektioniert und mainstreamfähig gemacht hatten: erst vier Takte trockenes Gitarrenintro, dann die Jungs an Schlagzeug und Bass aufwecken, den Verzerrer einschalten und alle Regler auf 11 drehen. Das Ganze natürlich in e-Moll, der melancholischen Pop-Tonart schlechthin, der Tonart von Haydns Trauersinfonie.

Was Zombie auszeichnete und von der Masse anderer Songs unterschied, war die Stimme der Sängerin: drängend, fordernd, durchbohrend. Emotional und zugleich stoisch. Verzweifelt, aber ohne in Hysterie umzukippen. Auf die endlos langen Vokale legte sie kaum Vibrato, ließ sie stattdessen brechen und kippen, sich in merkwürdige Melismen verzweigen, vom Nasalen ins Kehlige, ja manchmal schien sie geradewegs zu jodeln.

Dolores Mary Eileen O'Riordan, wie sie mit vollem Namen heißt, wurde 1971 als jüngstes von sieben Kindern geboren, sie wuchs in einer Kleinstadt im Südwesten der Republik Irland auf und besuchte dort eine Schule der katholischen Schwesterngemeinschaft Die Treuen Gefährtinnen Jesu. Womöglich lässt sich ihr zugleich überbordender und kontrollierter Vokalstil nicht ohne die Tradition des keening oder caoineadh verstehen, eine Form des ritualisierten Trauergesangs, wie sie für die gälischen Kulturen Irlands und Schottlands kennzeichnend ist: Wenn jemand starb, rief man dort früher die keeners – Frauen, die mit dem Verstorbenen nicht verwandt waren, diesen aber dennoch stellvertretend beweinten. Trauer als Performance. Wenn es nicht so abschätzig klänge, könnte man sagen: Dolores O'Riordan war ein modernes, hochtalentiertes Klageweib.

Eine der reichsten Frauen Irlands

Sie kam aus der Provinz und sie versteckte es nicht. "It's the same old t'eme / Since nineteen-sixteen": Wohl kaum eine Popsängerin stellte so offensiv ihre Irishness aus, sang im Mainstream so selbstbewusst und selbstverständlich Hiberno-Englisch wie O'Riordan. Wenige Jahre zuvor hätte ein irischer Zungenschlag noch als hinterwäldlerisch, bestenfalls folkig gegolten – Mitte der Neunziger war er plötzlich en vogue, nicht zuletzt dank der Cranberries. Es begannen die Jahre des "keltischen Tigers", eines nicht gekannten Wirtschaftswachstums auf der einst armen Insel, eine Phase der Konjunktur, die erst 2008 mit der Internationalen Bankenkrise abrupt enden sollte.

Auch für O'Riordan waren es gute Jahre. Mit 18 hatte sie die Brüder Noel und Mike Hogan und den Schlagzeuger Fergal Lawler kennengelernt, die damals noch unter dem psychedelischen Namen The Cranberry Saw Us ("Die Moosbeere sah uns") firmierten. 1993 veröffentlichte die Band unter dem neuen, schlichteren Namen ihr Debüt Everybody Else Is Doing It, So Why Can't We? und die Hit-Ballade Dreams. Das zweite Album No Need to Argue brachte die erwähnte Hitsingle und den weltweiten Durchbruch. In der zweiten Single Ode To My Family sang O'Riordan mit sich selbst im Chor, bis zu drei Melodiestimmen, die sich gegenseitig umgarnten, perfekte Harmonie. Sie wurde zur Hauptsongwriterin der Band und zu einer der reichsten Frauen Irlands, heiratete ihren Tourmanager, das Paar bekam drei Kinder.

Aber es gab auch die andere Seite. Dolores Mary: Die Vornamen der Sängerin erinnern an Maria Dolorosa, die leidende Maria, die Schmerzensmutter. Das dritte Album der Cranberries wurde vom Musikmagazin Q zu einem der "schlechtesten Alben aller Zeiten" gekürt, die Verkäufe stagnierten, die Band löste sich zeitweilig auf, tat sich wieder zusammen, Auftritte mussten abgesagt werden, mal wegen Rückenschmerzen der Sängerin, mal wegen psychischer Probleme: offenbar eine bipolare affektive Störung. O'Riordans Ehe ging in die Brüche, 2014 wurde sie am Flughafen Shannon verhaftet, weil sie im Flugzeug randaliert hatte, bei der Verhaftung spuckte sie einem Polizisten ins Gesicht und verkündete: "I'm the Queen of Limerick!"

Sie arbeitete trotzdem immer weiter, gründete zusammen mit Andy Rourke, dem Bassisten der Smiths, die Band D.A.R.K., saß in der Jury der Fernsehshow The Voice of Ireland. Nur mit den Cranberries wollte es nicht mehr klappen, in den vergangenen 15 Jahren veröffentlichte die Band nur noch ein einziges Album mit neuem Material, die anderen Veröffentlichungen folgten der Resteverwertungslogik der Plattenindustrie. Greatest-Hits-Alben, Live-Alben, Kompilationen mit B-Seiten und unveröffentlichtem Material, dazu die kreative Bankrotterklärung: das akustische Greatest-Hits-Album mit Kammerorchesterbegleitung. Auf dem Cover dieser letzten Veröffentlichung posierten die Bandmitglieder auf demselben verschlissenen Ledersofa, auf dem sie schon für ihre ersten beiden Alben Platz genommen hatten, Wiedergänger ihrer selbst. Als Dolores O'Riordan am gestrigen Montag starb, hielt sie sich gerade in London auf, um mit der Band Bad Wolves eine neue Version von Zombie aufzunehmen. Sie wurde 46 Jahre alt.