Feine Sahne Fischfilet: Sturm und Dreck © Audiolith Records

Feine Sahne Fischfilet: Sturm und Dreck (Audiolith Records)

Winterschlaf ade, der Januar 2018 bringt Krach und Getöse, im Tonträger geht das neue Jahr mit Punk los! Das Sextett Feine Sahne Fischfilet erfreut sich seit Jahren wachsender Beliebtheit weit über Mecklenburg-Vorpommern hinaus. Schon als Schülerband wollten die Jungs von der Ostseeküste stets nur das machen, was sich richtig und gut anfühlt – und dazu gehört ihre entschiedene Haltung gegen Rechts und ihr antifaschistisches Engagement. Das lässt auch einige Zeit nach der unbeabsichtigten Realsatire vom Verfassungsschutz, der FSF jahrelang unter Beobachtung hielt, nicht nach und führte vorm Start der Sturm-und-Dreck-Konzerttour erst mal zu einem Gerichtstermin.

Und da ist sie wieder, die Spielfreude, mit der sich FSF auch auf dem fünften Album in ihre Gitarrenriffs stürzen. Bei ihnen bedeutet laut vor allem mitreißend, der Schlagzeuger Olaf Ney drischt zwar ordentlich drauf, doch mit einer Empathie wie aus besten Indie-Zeiten. Trompeten drängen in die Sturmspitze, überholt von Parolen wie Wir sind zurück in dieser Stadt und scheißen vor eure Burschenschaft oder Lieber ekelhaft statt Einzelhaft. Politik und Party lautet das Motto, das sich allerdings auf Dauer etwas abnutzt. Nicht immer sind Männergegröle und Promilleverherrlichung die überzeugendsten Botschafter einer zweifelsohne guten Sache.



Shame: Songs Of Praise © Dead Oceans

Shame: Songs Of Praise (Dead Oceans)

Frisch aus Jungmännerkehlen schallen auch die Lyrics dieses Londoner Quintetts. Gegründet in der Hausbesetzerszene von Brixton, tourten Shame als Vorband von Warpaint und traten auf Billy Braggs Einladung beim Glastonbury Festival auf. Die typisch britischen Nasallaute lassen den Gesang hier anders und weniger tumb klingen, besonders wenn Charlie Steen die schrillen Shouts mit warmer tiefer Stimme hintertreibt. Der klaustrophobische Sound des Debütalbums Songs Of Praise zitiert Bands wie The Fall, Television Personalities, Magazine, Wire oder Joy Division. Als kühler Beobachter pflegt der erst 19-jährige Steen in den Songtexten seine literarischen Vorbilder Hubert Selby Jr. (Letzte Ausfahrt Brooklyn) und Irvine Welsh (Trainspotting) und übersetzt deren grausame Elendsszenarien in die aktuelle Londoner Wirklichkeit zwischen Brexit, sozialer Ungerechtigkeit und Verunsicherung der Jugend. Aus der distanzierten Betrachtung entwickelt sich im Laufe eines Songs ein Sog voll wütender Elegie, die sich im Konzert zum Gewittersturm auftürmt. Diesem kann sich offenbar kaum jemand entziehen, einhelliges Urteil bisher: tolle Newcomer!



Black Rebel Motorcycle Club: Wrong Creatures © Abstract Dragon

Black Rebel Motorcycle Club: Wrong Creatures (Abstract Dragon)

Grölende Männer zum Dritten, diesmal mit semiromantischem Belag auf den Stimmbändern. Das seit 20 Jahren bestehende Trio Black Rebel Motorcycle Clubaus Kalifornien hat sich vom Punk über Folk und Americana bis zum psychedelischen Garagenrock durchgewurstelt und mit allem die Konzerthallen gefüllt. Peter Hayes, Robert Levon Been und die Schlagzeugerin Leah Shapiro ließen sich jetzt ihr achtes Studioalbum von Nick Launay produzieren, der auch für Nick Cave und Arcade Fire tätig war. Dem Ergebnis ist der lange Atem der Musikgeschichte anzumerken, in deren Verlauf Rock' n' Roll zunehmend der bunten Attraktivität von Pop und Hip-Hop unterlag. Aktuelle Bezüge sind rar, die düsteren Blues-Momente, das Rollen und Grollen von Gitarren und Bass nur in der Erinnerung erregend. In King Of Bones kratzen die Verzerrungen halb entschlossen am Wundschorf des Rockmythos, was im Song Echo lediglich eine klägliche U2-Hommage freilegt. Die Single Little Thing Gone Wild geht in Ordnung, sofern die Stimmung gerade nach einem zappeligen Ausbruch aus dem Frust an der bösen Welt und dem eigenen Ich verlangt.



Die Tödliche Doris: Sprechpause © Fang Bomb/A-Musik

Die Tödliche Doris: Sprechpause (Fang Bomb/a-Musik)

Am Anfang bedeutete Punk vor allem Verweigerung, gerichtet gegen herrschende Systeme, Denkweisen und Kunstformen. Die Berliner Künstlergruppe Die Tödliche Doris hat Erfahrung im Verweigern, nach ihrer Werksbilanz Die Unsichtbare LP verweigert sie jetzt eine komplette Plattenhälfte: Seite B von Sprechpause ist unbespielt. Der Ursprung dieses Noise-Experiments geht zurück auf die Jahre 1981/82, als das Avantgarde-Projekt rund um Wolfgang Müller, Herausgeber des Merve-Bandes Geniale Dilletanten, sich eine kleine Pausenmusik auf Kassette bastelte. Aus der Überarbeitung entstanden 2017 fünf neue Tracks, die Wolfgang Müller und Chris Dreier mit Effektmodulationen vom Moog-Synthesizer sowie Funksignalen und Archivmaterial diverser Radio- und Fernsehstationen anreicherten. Das Knistern, Knacksen und Brummen im lässigen Mikro-Groove zersetzt den Äther und die Epochen, von den wilden Tagen der frühen elektronischen Musik bis zum heutigen State of the Art. Die Titel Sendepause, Ratenpause, Acht-Jahres-Pause, Schweigeminute und Pausenmusik bilden ein kurzweiliges, nur schlanke 15 Minuten dauerndes Hörspiel – Sprechpause ist die vermutlich kürzeste LP aller Zeiten.