Deutsche Rapper haben traditionellerweise viel zu beklagen; dass sie sich um mangelnden Denkmalschutz sorgen, ist jedoch eine neue Entwicklung. "Ich sehe romanische, gotische, klassizistische Bauten / langsam zerfallen zu 'nem toten abgerissenen Haufen", heißt es nun aber bei dem in Halle an der Saale ansässigen Sprechgesangskünstler Komplott in seinem Lied Europa: "Europa weint, Europa schreit / nach dem Ende, der Wende." Über unambitioniert produzierte, schlurfende Gangsta-Rap-Beats rappt Komplott vom kulturellen Erbe und seiner Bedrohung durch Überfremdung: "Es ist an der Zeit zum Verteidigen des Eigenen / macht euch bereit." 

Das Lob des "Eigenen" ist ein wiederkehrendes Motiv in den Liedern und Videos von Komplott. Dabei handelt es sich, wie man etwa seinem Stück Gestern und Morgen entnehmen kann, um eine sonderbar eklektische Mischung aus antiker griechischer Architektur und Mythologie mit dem Bildervorrat der deutschen Romantik; gern werden tiefe, unergründliche Wälder und kämpfende Germanenheere ins Bild geholt. Komplott sympathisiert mit der Identitären Bewegung, dem selbsterklärten außerparlamentarischen Arm der Neuen Rechten; am Beginn seines Europa-Videos zeigt er beispielsweise das Lambda-Symbol, das die Bewegung als Erkennungszeichen verwendet. Bekannt wurden die Identitären vor allem durch ihre sogenannten Interventionen, durch die Störung von "linken" Podiumsdiskussionen und Theateraufführungen. Wenn sie demonstrieren, lassen sie aus ihren Lautsprechern gern die Songs von Komplott als Begleitmusik laufen. Er ist der bekannteste Popstar der neuen rechten Jugendkultur.

Er ist allerdings auch der einzige Popstar, den es hier überhaupt gibt; und außerhalb der neuen rechten Jugendkultur gibt es kaum jemanden, der ihren bekanntesten Popstar kennt. Das ist interessant, weil die intellektuellen Vertreter der Neuen Rechten, als deren Speerspitze sich die Identitären verstehen, ja gerade flächendeckend zu einer neuen Popkultur hochgeredet werden, mithin: zu einer kulturellen Erscheinungsform, deren Strahlkraft weit über die Grenzen des politischen Aktionismus hinausgeht. Ihre Vertreter betrachten sich selbst als Kulturrevolutionäre und ihre "Bewegung" als avantgardistische und einzig zeitgemäße Verbindung von Politik und Kultur. Und neuerdings wird diese Selbsteinschätzung auch von vielen liberalen und linken Beobachtern geteilt, zuletzt etwa von Thomas Wagner in seiner lesenswerten Studie Die Angstmacher. Die Neue Rechte, wie sie sich im Umfeld der Zeitschrift Sezession und der Identitären Bewegung zeige, habe, so Wagner, die politischen Provokationsstrategien der 68er gekapert und die Popkultur damit auf ihre Seite gezogen.

Die neuen 68er der Rechten

Nun kann es ja sein, dass sich die Identitären manche Aktionen bei den Spontis abgeschaut haben. Doch enden die Parellelen mit den 68ern dort, wo es um Ästhetik geht und um Kultur. Wenn diese "Neue Rechte" eine Popkultur sein will, dann ist sie jedenfalls die erste Popkultur ohne Pop. Sie hat keine Popstars, keine Konzerte, keine Klubs, keinen Soundtrack. Ihre "Kultur" beschränkt sich auf die Kultur des Protests, auf das Ventilieren politischer Parolen und Thesen. Das ist doch ein erheblicher Unterschied zum politischen Aufruhr der echten 68er: Dieser wurde von Bob Dylan und Jimi Hendrix orchestriert, von Joni Mitchell, Grateful Dead und den Rolling Stones, in Deutschland gab es den Krautrock und Ton Steine Scherben, später den Punk und die New Wave. Die folgende, heute gern als "Identitätspolitik" diskreditierte Emanzipationsbewegung der Schwulen, Lesben und queeren Menschen in den siebziger Jahren hatte Disco, später House und Techno.

Die "neuen 68er" der aktuellen Rechten haben hingegen nichts. Oder so gut wie nichts: Bei den französischen Pendants der génération identitaire findet sich immerhin noch ein Frauenseptett namens Les Brigandes, das im vergangenen Sommer mit dem Stück Merkel dégage / Merkel muss weg eine Art Szene-Hit hatte. Ihr Albumdebüt aus dem Jahr 2014 trug den Titel Le Grand Remplacement – nach dem Titel einer zentralen programmatischen Schrift der Identitären Bewegung gegen den angeblichen Bevölkerungsaustausch in Europa und die Islamisierung der westlichen Gesellschaften, Le Grand Remplacement von Renaud Camus aus dem Jahr 2011. Mit billigen Orgelbeats, Wave-Gitarren und eckigem Gesang klingen Les Brigandes wie eine Mischung aus Kabarett, Chanson und New Wave, in ihren Videos tragen sie bieder-luftige Kleider, aber dazu auch noch Zorromasken über den Augen, als ob sie gleich auf eine BDSM-Party wollten. In dem Video zu Merkel dégage / Merkel muss weg hüpfen sie wie verängstigte Kinder durch leere Gassen eines mittelalterlichen Städtchens – "weil sie unverschleiert auf die Straße gehen", heißt es dazu im gesungenen Text, müssen sie Angst davor haben, vergewaltigt zu werden.

Wer ohne weitere Vorkenntnisse das Merkel-muss-weg-Video ansieht, kann nicht erkennen, ob es sich um eine ernst gemeinte politische Agitation handelt oder um eine bizarr überdrehte Karikatur. Wie der Rapper Komplott treten auch Les Brigandes selten live auf und wahren in ihren Interviews wie auf der Bühne die Anonymität. Als mysteriöser Soundtrack zu einer klandestin operierenden Polit-Subkultur mag das gut taugen. Ein rechtes Woodstock – wie es echten "neuen 68ern" geziemte – ist mit solchen Künstlerinnen und Künstlern aber nicht zu machen; und auch mit dem Verfassen kultureller Manifeste wird es angesichts dieser kulturellen Ödnis kompliziert.

Im Antaios-Verlag des neurechten Vordenkers und Herausgebers der Sezession, Götz Kubitschek, ist im vergangenen Sommer ein Büchlein namens Kontrakultur erschienen, das in dieser Hinsicht Aufklärung verspricht. Der 1988 geborene "Aktivist" Mario Alexander Müller, der seit 2014 das "identitäre Projekt Kontrakultur Halle" leitet, versucht sich an einer kulturellen Grundlegung der neuen Pop-Rechten, in alphabetischer Reihenfolge von A wie Gabriele D'Annunzio bis Z wie Zentropa. Die Lieblingsdenker der Konservativen Revolution sind selbstverständlich vertreten, Carl Schmitt, Ernst Jünger und Martin Heidegger. Auch erfahren wir, dass die Identitären gern maskuline Muskel- und Massaker-Comics wie 300 von Frank Miller lesen und die dazugehörigen Verfilmungen anschauen.