Von ihm hätte man gedacht, dass er niemals stirbt. So monolithisch, unbeugbar, nicht anzufechten stand Mark E. Smith in den Stürmen der Zeit. Und wenn er nicht stand, dann wanderte er während seiner Konzerte in Schlangenlinien und Kreisen bucklig und missgelaunt zwischen seinen Musikern umher, um mit seiner unvergleichlich nölenden Stimme mit ihrem unvergleichlich charismatischen Groove vom Immergleichen zu künden. Die Welt dreht sich weiter? Hier dreht sich nichts, außer der Ewigen Wiederkunft. "This is the three Rs: repetition, repetition, repetition", hatte der Mann mit dem verknautschten Gesicht schon vor mehr als 40 Jahren gekrächzt, auf den allerersten Konzerten seiner Gruppe The Fall. "Wiederholung – Wiederholung – Wiederholung", dieses Mantra hat Mark E. Smith bis auf den letzten Tag wiederholt.

The Fall gründeten sich nach dem Besuch eines Sex-Pistols-Konzerts 1976 in Manchester, jener Plattenbauwüste im Nordwesten Englands, die der Entwicklung von schlechter Laune und nihilistischem Denken seit jeher besonders günstige Umstände schuf. Die Sex Pistols sangen ganz allgemein von "No Future"; Mark E. Smith blickte hingegen in einem seiner ersten Stücke ganz konkret in die Zukunft jener Arbeiterkinder, zu denen er selbst gehörte. Bingo-Master's Break-Out! handelte von den Vergnügungshallen, in denen seine Eltern nach der Fron ihrer entfremdeten Tagesarbeit ihre triste Freizeit verbrachten. Am Ende entschließt sich der Bingomeister, seinem elenden Dasein mit einer Handvoll Pillen dauerhaft zu entfliehen.

Keine Utopie, nirgends: Auch die Musik von The Fall blieb radikal im Diesseits. Wenn sie den Verhältnissen zu entfliehen versuchte, dann indem sie sich derart schnell in der Immanenz drehte, bis der Schwindel im Kopf denselben befreite. Sie übernahmen den revolutionären Dilettantismus der frühen, Prog-Rock und Hippies hassenden Punks. Doch übersteigerten sie ihn zu einem sphärischen Primitivismus: Das Stammesgetrommel von alten, sich ihrer Virtuosität erfolgreich entledigenden Krautrockern wie Can hallte darin ebenso nach wie der Stumpfsinn der neuen, niemals auch nur in die Nähe irgendeiner Virtuosität gelangenden Drei-Akkord-Punks.

Die legendäre Besetzung der ersten The Fall feuerte Mark E. Smith schon nach dem Debüt Live at the Witch Trials aus dem Jahr 1979. Die Organistin Una Baines und der Gitarrist Martin Bramah entwickelten dann in den Achtzigerjahren mit ihrer Gruppe Blue Orchids den Sound der Wiederholung weiter ins Psilocybinesk-Psychedelische. Smith hingegen arbeitete fortan mit im Monatsrhythmus ausgewechselten Mietmusikern – darunter auch Lebensabschnittspartnerinnen und Ehefrauen wie die fabelhafte Brix Smith – an der Perfektionierung seines amphetamingetriebenen Dadaismus: eine schwer definierbare, jedenfalls idiosynkratische Mischung aus Sprechgesang, Publikumsbeschimpfung und rhythmischem Sich-Beschweren, über kantig dahintatternde Akkordschemata gelegt.

66 wechselnde Mitmusiker in 41 Jahren

In den späten Achtzigerjahren näherten sich The Fall kurzzeitig dem Kulturbürgertum, indem sie ihre Bühnenperformance zum Beispiel um experimentell arbeitende Tänzerinnen erweiterten, die allerdings in Moonboots auftreten mussten. Doch fand Mark E. Smith das bald zu ornamental: Seither hatte sich seine Band – zu ihrem und des Publikums Vorteil – ganz auf ihn allein und seine enigmatische Erscheinung zu konzentrieren. Bei Konzerten wirkte er zwischen seinen über die Jahre immer ängstlicher auftretenden Musikerknechten wie ein böser Hausmeister oder Herbergsvater. Seinem Publikum pflegte er im Wesentlichen zwei Gesichtsausdrücke zu zeigen: Entweder guckte er muffig mit geschlossenem rechtem Auge oder er guckte muffig mit offenem rechten Auge, wobei er im ersteren Fall eher an Popeye erinnerte und im zweiteren an den späten Wolfgang Neuss.

Wie der Kabarettist Neuss wurde auch Mark E. Smith im zunehmenden Alter immer unausstehlicher und zugleich besser. Dem strengen Geruch asozialer Verwanztheit, den er verströmte, entsprach in der Kunst jene sonderbar artifizielle Zahnlosigkeit, mit der er in seinen Stücken auf den immer gleichen Worten, Sätzen, Redewendungen herumzukauen pflegte: so lange, bis sie ihre Bedeutung, ihren Geschmack und ihre Farbe verloren. Es gab eine Ausnahme von diesem selbstbezüglichen Treiben. Mit den deutschen Elektronik-Avantgardisten von Mouse on Mars nahm er 2007 unter dem Namen Von Südenfed das epochale Album Tromatic Reflexxions auf, eines der besten seines Jahrzehnts: Mouse on Mars schockten Smiths gleichtaktiges Salbadern mit Dubstep-Rhythmen und elektrischen Stößen, bis es zu zittern und zu brennen begann.

Danach aber machte er einfach weiter wie zuvor, auch wenn seine Bandbesetzungen – 66 Musiker und Musikerinnen haben in 41 Jahren bei The Fall gespielt – nun allmählich langsamer wechselten. Etwa alle anderthalb Jahre erschien eine neue Platte, mal wirkte der Sound etwas hitzig-verrockter, mal etwas synthiepop-kühler, aber am Prinzip des Unbeirrtweitermachens, das niemand sonst so erhaben in Szene zu setzen verstand, änderte sich nichts.

Vier Jahrzehnte nach der Entstehung des Punk war Mark E. Smith der letzte Bewahrer seines wahrhaftigen Erbes: ein Meister des Neinsagens, konsequent noch in der Verweigerung des Sich-Verweigerns. Warum soll man denn auch aufhören, wenn man das Ende noch endlos hinausschieben kann? "I found a reason not to die, the spark inside", jubelte er in einem der allerersten Stücke von The Fall, Underground Medicine, aus dem Jahr 1979. Was für ein Glück für uns, über so viele Jahre, dass Mark E. Smith seinen inneren Funken fand. Am Mittwoch ist er im Alter von 60 Jahren gestorben.